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SOS für die Ostsee - Fischbestände schrumpfen immer mehr | BR24

© picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

SOS für die Ostsee- Fischbestände schrumpfen immer mehr

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    SOS für die Ostsee - Fischbestände schrumpfen immer mehr

    Weil die Ostsee immer wärmer und verschmutzter wird, gehen die Fischbestände zurück. Die EU kürzt deshalb die Fangquoten vor allem für Dorsch und Hering gewaltig. Die Küstenfischer fühlen sich als Opfer. Wer aber hat eigentlich schuld?

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    Von
    • Susanne Betz
    • Alexa Hennings

    An einem frühen Morgen im Juli ist vom Wismarer Hafen nur ein einziger Fischkutter hinaus aufs Meer gefahren. Auf dem Ein-Mann-Boot wurden lediglich Flundern und Aaalmuttern gefangen, Fische, die keine Quote haben, aber an denen auch kaum etwas zu verdienen ist. Fischer wie zum Beispiel Martin Saager, im weiß-blauen Fischerhemd und mit schwarzer Fischermütze, dessen Vater auch schon Fischer in Wismar war, sind deshalb frustriert. Saager muss nebenher in einer Imbissbude arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen: "Davon kann man nicht leben."

    Die Ironie: Saager belegt in dem Imbiss Brötchen mit Fischen, die nicht er aus dem Meer gezogen hat, sondern große Trawler weit entfernt von der Küste mit großen Schleppnetzen. Kurz nach der Wende gab es in Mecklenburg-Vorpommern noch 1.390 Fischereibetriebe, heute sind es gerade mal 210 hauptberufliche Fischer.

    Die Fischbestände sollen sich stabilisieren

    Statt 3.000 Tonnen Hering wie 2019 dürfen in der westlichen Ostsee in diesem Jahr nur noch 1.000 Tonnen gefangen werden. Die Dorschquote sank um 60 Prozent auf 260 Tonnen. Die Vorgaben der EU zielen darauf, dass die stark dezimierten Fischbestände sich wieder erholen und stabilisieren können. Gleichzeitig schlägt in diesem Sommer Greenpeace Alarm. In ihrem Anfang Juli veröffentlichten Report über den Zustand der Meere wirft sie Deutschland Versagen vor. Nicht nur Dorsche und Heringe werden immer rarer, auch Deutschlands einzige Walart, der Schweinswal, sei stark gefährdet, weil immer noch mit großen Schleppnetzen gefischt werde.

    Trawler fischen mit großen Schleppnetzen

    Greenpeace-Aktivisten haben deshalb im Juli Granitblöcke vor der Insel Rügen versenkt, um gegen diese Art der Massen-Fischerei zu protestieren. Besorgnis erregend ist auch die Erwärmung der Meere. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums hat sich seit 1976 die Nordsee um 1,3 Grad, die Ostsee seit 1982 sogar um 1,8 Grad Celsius erwärmt. Diese Veränderungen wirken sich negativ auf die Fischbestände aus. Auf der Ostsee-Insel Hiddensee gibt es nur noch acht Berufsfischer, die kaum noch existieren können. Steffen Schnorrenberg, Mitte 40, ist einer davon. Er sieht sich als Bauernopfer, denn er beobachtet, dass regelmäßig große Boote aus der Nordsee kommen und die Bestände Dorsch befischen, die er und seine Kollegen geschont haben: "Da besitzen die Banken in Dänemark die Quoten und können hierher kommen und hier die Quote bewirtschaften."

    Trotz Quotierung fischen polnische Fischer

    Ebenfalls ungerecht findet er es, dass polnische Fischerboote trotz Quotierung weiter auf Fang in der Ostsee sind. Das könne er, so sagt Schnorrenberg, auf seinem Radar sehen. Den EU-Behörden ist das durchaus bekannt, Polen musste dafür schon Strafe zahlen - die Praktiken gehen dennoch weiter. Einer der Hauptgründe, warum Heringe und Dorsche zurückgehen, ist die starke Verschmutzung des kleinsten Binnenmeeres Ostsee. Von Äckern und Wiesen weit entfernt von der Küste gelangen über Flüsse und Bäche die Nährstoffeinträge der Landwirtschaft in Form von Stickstoff und Phosphat ins Wasser.

    Vor allem Stickstoff schadet der Ostsee

    Besonders in den flachen Küstenbereichen verändern die Düngemittel das labile Ökosystem. Zusammen mit dem Erwärmung des Wassers hat das fatale Folgen für Tier-und Pflanzenwelt. Die Bauern haben in Deutschland traditionell eine starke Lobby, die Fischer nur eine schwache Interessenvertretung. Ein Dilemma vor allem für Till Backhaus, SPD: Der dienstälteste Minister der Bundesrepublik ist in der rot-schwarzen Regierung von Mecklenburg sowohl für Fischerei und Umwelt als auch Landwirtschaft und Verbraucherschutz zuständig.

    Jetzt kommt die Düngeverordnung

    Minister Backhaus plädiert deshalb dafür, dass Landwirte honoriert werden, wenn sie umweltfreundlicher wirtschaften. Gleichzeitig aber betont er, dass die neue Düngeverordnng trotz der Bauernproteste, eine gute Sache sei: "Wir müssen diese Düngemittel reduzieren. Das predige ich seit Jahren, und jetzt werden die Daumenschrauben angedreht."

    Das ehrgeizige Zeile der EU: Bis 2030 sollen 50 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel und Antibiotika sowie 20 Prozent weniger Dünger auf den Äckern eingesetzt werden. Ob die Dorsche und Heringe in der Ostsee dann endlich wieder aufleben?

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