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Social Media statt Journalismus: Wie Politik die Medien umgeht | BR24

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Pressemitteilungen waren gestern - mittlerweile kommunizieren Parteien mit eigenen Nachrichten aus den parteiinternen Newsrooms. Eine Gefahr für unabhängigen Journalismus?

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Social Media statt Journalismus: Wie Politik die Medien umgeht

Pressemitteilungen waren gestern – mittlerweile kommunizieren Politiker mit eigenen Nachrichten aus den internen Newsrooms. Sie bespielen Twitter, Facebook, Youtube, Instagram, haben eigene Podcasts. Eine Gefahr für den unabhängigen Journalismus?

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Twitter, Facebook, Instagram, Youtube, Podcast – Politiker, Parteien, aber auch Sportvereine und Wirtschaftsunternehmen senden inzwischen immer häufiger selbst. Es gibt das Club-eigene Fernsehen ebenso wie den Instagram-Channel des Verkehrsministers oder den Podcast der Bundeskanzlerin. Auf diese Weise können Vereinsmanager, Politiker und Unternehmensbosse kritische Journalisten einfach umgehen. Ist das nur Ausdruck einer veränderten Medienlandschaft? Oder doch auch ein Problem für unsere Gesellschaft?

Selbstinszenierung mit #grilldenscheuer

"Jetzt gleich CSU- Bezirkstag hier in Freiung. Die Musikanten haben sich schon aufgestellt, um 10 Uhr ist Beginn. Kurz vor 9 schon mal der erste Marsch, so kann es weitergehen." Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister

Auf seinem Instagram Account wendet sich Verkehrsminister Andreas Scheuer, CSU, im Selfie-Modus an sein Publikum, im Hintergrund eine bayerische Blaskapelle. Fast jeden Tag postet Scheuer ein Video oder ein Foto, knapp 20.000 Abonnenten hat er auf seinem Kanal. Er lädt unter dem Hashtag #grilldenscheuer auch zu Live-Diskussionen im Netz ein. Und er ist nicht der einzige Politiker in seiner Partei, der selbst aktiv ist in Sozialen Medien.

"Wir sind Volkspartei und das heißt, wir gehen dorthin, wo unsere Wählerinnen und Wähler sind. Und die sind heute im Wesentlichen auch im Netz anzutreffen und deswegen heißt es für uns, dass wir auf allen Kanälen als CSU zu finden und zu erreichen sind." Markus Blume, Generalsekretär der CSU

Newsrooms in den Parteien

Für die CSU-Parteizentrale in München bedeutet das: Der Bayernkurier wird eingestellt, stattdessen die Onlineredaktion deutlich erweitert. Von solchen "Newsrooms" gibt es im Berliner Politbetrieb mittlerweile einige. Sie produzieren Nachrichten selbst, machen Videos und Live-Gespräche in sozialen Netzwerken. Im Prinzip werde dort die journalistische Arbeitsweise kopiert, erklärt Jörg Hassler, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Die Parteien versuchen da ganz klar, die Informationshoheit zu bekommen. Sie möchten selbst bestimmen, wie über ihre Themen berichtet wird, wann berichtet wird und welche Formate da eingesetzt werden." Jörg Hassler, Kommunikationswissenschaftler

Bei der SPD gibt es schon seit 2010 einen Newsroom, auch das Auswärtige Amt hat einen, in Scheuers Verkehrsministerium heißt er "Neuigkeiten-Zimmer". Die CDU-Parteizentrale und die Unionsfraktion ziehen jetzt nach.

AfD will eigene Nachrichten produzieren

Für Aufsehen hatte im vergangenen Jahr die Ankündigung der AfD gesorgt. Die Partei wolle einen Newsroom einrichten, um unabhängiger von den klassischen Nachrichtenmedien zu werden. Denn man habe das Gefühl, dass nicht richtig über die Partei berichtet werde, erklärt Jürgen Braun, zuständig für den Medienauftritt der AfD. Nicht ohne die typische Anschuldigung der "Lückenpresse" hinterherzuschicken.

Die Idee für auf Facebook, Twitter und Co. lautet: Medienarbeit mit professionellem TV-Studio, Mitarbeitern im Schichtdienst und eigener Rechercheeinheit. Allerdings ist aus AfD Kreisen zu hören, dass aus der groß angekündigten medialen "Zeitenwende" wohl wenig geworden ist, kaum Mitarbeiter, kaum eigene Geschichten.

SPD: JournalistInnen nicht ersetzen

Carline Mohr, Leiterin des SPD-Newsrooms, distanziert sich von dieser Auffassung von Medienarbeit. Die SPD sei nicht die AfD und auch nicht Trump.

"Ich verstehe, woher diese Nervosität kommt, wir haben einen Präsidenten, der lieber Tweets schreibt, als Pressekonferenzen zu geben. Wir haben eine AfD, die einen Newsroom einrichtet und sagt, wir wollen eigene Nachrichten machen – also sie wollen Nachrichten machen, von denen Menschen glauben, sie sind wahr, weil sie so sehr nach Nachrichten aussehen." Carline Mohr, Leiterin des SPD-Newsrooms

Mohr sieht ihre Aufgabe im Newsroom darin, die Kommunikation der Partei zu bündeln. Journalismus werde dadurch nicht ersetzt. Allerdings habe sich die Art der Kommunikation grundsätzlich geändert – Journalisten seien nicht mehr die Gatekeeper, jeder sei Sender seiner eigenen Botschaften. Und es gehe darum, wie man im Journalismus, in der Parteienlandschaft und in der Zivilgesellschaft damit umgehe.

Kein Rezo bei der Union

Wie schwer sich viele Parteien noch mit Social Media tun, hat sich an der Debatte um das Rezo Video gezeigt. Auch eine Herausforderung für die CSU, gibt der Generalsekretär zu.

"Jetzt weiß ich, dass nicht der richtige Weg ist, dass ich mir als CSU-Generalsekretär die Haare blau zu färben und dann auch Online-Videos zu machen. Aber sich auf diese Neuen Formate einzulassen und zu versuchen, die junge Generation zu erreichen, das ist uns nochmal als ganz große Aufgabe ins Stammbuch geschrieben worden." Markus Blume, Generalsekretär der CSU

Trotz allem – die ganz große Reichweite ist bisher ausgeblieben für die Newsrooms. Es gibt keine Partei, die Nachrichten im Alleingang setzt. Es geht eher darum, neue Kommunikationswege im Netz zu finden, und das ist eine Aufgabe, vor der sowohl Parteien also auch Medien stehen.