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Stalin reloaded - der Diktator hat Konjunktur | BR24

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Am Grab des Diktators liegen immer rote Nelken, Souvenirshops verkaufen seine Büste. Stalin ist wieder salonfähig. Er gilt als großer Führer, der der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zum Sieg verholfen hat, und als durchgreifender Staatslenker

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Stalin reloaded - der Diktator hat Konjunktur

Am Grab des Diktators liegen immer rote Nelken, Souvenirshops verkaufen seine Büste. Stalin ist wieder salonfähig. Er gilt als großer Führer, der der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zum Sieg verholfen hat, und als durchgreifender Staatslenker.

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Er ist in die Geschichte eingegangen als Urheber einer 30-jährigen Gewaltherrschaft, die auf Terror und Personenkult beruhte: Der russische Diktator Josef Stalin. Doch ungeachtet brutaler Zwangsumsiedlungen und Säuberungsaktionen, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen, gilt er vielen Russen inzwischen wieder als großer Führer, der dem Land schließlich im Zweiten Weltkrieg zum Sieg verholfen hat, sowie als Modernisierer und effektiv durchgreifender Staatenlenker.

Stalin hat Konjunktur in Russland

Zuhause bei Stalin in Selonaja Roschtscha in den Hügeln von Sotschi am Schwarzen Meer. Ein tannengrünes Anwesen unter Pinien, das heute ein gutbesuchtes Museum ist. Die Zeit ist stehengeblieben.

"Das ist hier das erste Zimmer, das Stalin immer betrat, wenn er ins Haus ging. Alles hier gehörte ihm und ist so geblieben wie damals, nur den Teppich gab es nicht. Stalin mochte keine Teppiche und Läufer." Viktoria, Museumsleiterin

Der Diktator als strenger, aber gerechter Volksvater

Museumsleiterin Viktoria erzählt in einem so vertraulichen Plauderton, dass man fast meinen könnte, sie sei an Stalins Seite gereist.

"Wir fühlen, dass Stalins Geist hier in der Datscha ist. Sein guter Geist. Er beschützt uns und lässt uns Gutes zukommen. Es gibt da etwas, wir fühlen das." Viktoria, Museumsleiterin

Mit ihrer Stalin-Verehrung ist die Museumsleiterin nicht allein. Die Sehnsucht nach dem strengen, gerechten Volksvater lebt wieder auf in Russland. 70 Prozent der Bevölkerung sind laut einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums der Ansicht, dass Stalin eine positive Rolle für die Sowjetunion gespielt habe. Neben dem wirtschaftlichen Fortschritt verbindet sich Stalins Name vor allem mit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg.

Ein Foto mit dem Stalin-Double am Roten Platz

Rund um den Roten Platz in Moskau sind tagtäglich gleich drei, vier Stalins im Einsatz für Fotosessions. Ein Stalin-Double steht an der Torkirche in einem kumpeligen Grüppchen zusammen mit Lenin und Putin.

"Ich arbeite seit acht Jahren als Stalin. Früher war Stalin so ein wenig … na ja. Aber mit jedem Jahr wird er populärer, die Autorität Stalins steigt und die Leute entscheiden sich bewusst für ein Foto mit mir. Ich spüre das ganz deutlich als Stalin-Double und Schauspieler … das ist ein großer Unterschied zu den vergangenen Jahren. Es ist Ihnen ja wahrscheinlich selbst aufgefallen, im Fernsehen, im Radio, Stalin ist immer öfter zu sehen und zu hören." Stalin Double, Moskau

Gewaltherrschaft als "Naturkatastrophe"

Russland probt einen komplizierten Spagat, bei dem es im Kern um die sinnstiftende Erzählung einer bruchlosen, großen russischen Geschichte geht. Die Opfer von Stalins Gewaltherrschaft werden darin als Tragödie begriffen, die wie eine Naturkatastrophe über die Sowjetunion hereingebrochen ist. Die Industrialisierung und der Sieg im Zweiten Weltkrieg indes werden als kollektive Erfolge der Russen gefeiert.

Nicht nur im Alltag führt diese zweigleisige Geschichtspolitik zu Widersprüchen: Auf der einen Seite dokumentiert ein Gulag-Museum in Moskau Stalins Gewaltverbrechen und im ganzen Land gibt es Denkmäler für die Opfer von Repression.

Gleichzeitig ist das einzige authentische Gulag-Museum im Lager Perm 36 nach unzähligen bürokratischen Schikanen nur noch ein Schatten seiner selbst, die Geschichtswettbewerbe der Menschenrechts-Organisation "Memorial" werden torpediert, Schulbücher preisen Stalin als einen der fähigsten Führer der Sowjetunion, und russlandweit sind inzwischen mehr als 70 Denkmäler für Stalin enthüllt worden.