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ARCHIV - 23.08.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame.
© dpa-Bildfunk
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ARCHIV - 23.08.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame.

Ein Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes in Coburg, morgens um 6.30 Uhr. Altenpflegerin Lisann Gladitz beginnt mit ihrer Frühschicht. Johanna Blümig ist die erste von zwölf Senioren, um die sich die Pflegerin kümmert. Aufstehen, anziehen, Morgentoilette. Viel Zeit hat sie dafür nicht: "20 bis 25 Minuten. Je nachdem, wie viel Hilfe benötigt wird." Bei Bewohnerin Johanna Blümig klappt das gut, die Seniorin ist relativ fit. "Es gibt natürlich auch Bewohner, bei denen die Grundpflege im Bett ist. Da würde man gerne ein bisschen mehr Zeit investieren."

Deutscher Pflegetag als Bühne für Gesundheitsminister Spahn

Zeit, die Gladitz aber fehlt. So wie im Pflegeheim in Coburg ist es in ganz Deutschland. In Berlin ist gerade der Deutsche Pflegetag. Ein großes Event, mit Ausstellern, Interessensgruppen und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das Zeitproblem der Pflegekräfte - wie in Coburg – will er lösen. "Mehr Zeit bedeutet natürlich mehr Kolleginnen und Kollegen. Mehr Arbeitskräfte in den Einrichtungen. Der erste Schritt war jetzt: 13.000 zusätzliche Stellen. In jeder Einrichtung ist etwas davon angekommen."

Aktion soll Pflegeberuf verbessern

Dieser erste Schritt ist Teil eines Maßnahmenpaketes. Die Politik nennt das "Konzertierte Aktion Pflege". Bereits klar ist: Die Zahl der Azubis soll bis 2023 um zehn Prozent steigen. Durch die Einführung einer festgeschriebenen Vergütung für die Lehrlinge. Zurück im Coburger Pflegeheim. Lisann Gladitz kümmert sich jetzt um Medikamente.

Bewohnerin Margot Chuchalla bekommt Atemspray und drei Mal Spritzen. Unter anderem gegen die Diabeteserkrankung der 98-Jährigen. Die Seniorin nimmt den Zeitdruck der Pflegekräfte hin – was bleibt ihr auch anderes übrig. "Sie beeilen sich halt ist doch klar, weil der nächste schon wieder wartet. Also ich würde wünschen, dass sie es sich gemütlicher machen, aber dann kommen sie in Stress, hilft ja nichts."

Deutscher Pflegerat will 100.000 zusätzliche Stellen

Der Deutsche Pflegerat fordert 100.000 zusätzliche Stellen. Aber der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Das könnte auch an der Bezahlung liegen. In Berlin ist die Bezahlung natürlich Thema. CDU-Minister Jens Spahn legt vor allem den Fokus auf die Altenpflege.

"Wir haben in der Krankenpflege oft 300, 500, 800 Euro bessere Bezahlung im Monat als in der Altenpflege. Das ist nur noch historisch zu begründen. Das ist auch ein schwer haltbarer Zustand, weil das natürlich im Wettbewerb miteinander steht um die Fachkräfte. Und deswegen wollen wir eben regelhaft in der Altenpflege zu einer besseren Bezahlung."

Einheitlicher Tarifvertrag fehlt

Das Problem: Die Arbeitgeber haben noch keinen Verband, der mit den Gewerkschaften verhandeln könnte. Und viele Pflegekräfte sind nicht organisiert. Deshalb gibt es auch keinen Tarifvertrag. Mittagszeit im Coburger Pflegeheim. 27 Senioren haben Hunger, insgesamt fünf Pflegerinnen und Helfer kümmern sich darum, dass alle versorgt werden. Bis zu 3300 Euro brutto verdienen hier die Pflegekräfte. Damit ist Lisann Gladitz zufrieden. Das ist nicht überall so. Deshalb muss Geld in den Pflegebereich. Dafür überlegt Spahn, dass möglicherweise die Versicherten mehr bezahlen sollen. Stichwort: Eigenanteil.

Es braucht mehr Fachkräfte in der Pflege

Um 16.30 Uhr hat Lisann Gladitz Feierabend. Ein harter Job. Viele geben auf – für sie ist das keine Option. "Es ist anstrengend ja, wo ich manchmal denke ,Heute krabbelst du auf allen Vieren raus‘. Aber es ist noch nie der Tag gekommen, wo ich gesagt habe, ich möchte das nicht mehr machen." Fachkräfte wie Lisann Gladitz werden derzeit in ganz Deutschland gesucht. Und vor allem gebraucht.