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Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland

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Josef Schuster: Judentum in Deutschland sichtbarer machen

Als der Zentralrat der Juden gegründet wurde, hätte niemand an eine dauerhafte Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland geglaubt, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster. Nach 70 Jahren sei es nun Zeit, jüdisches Leben sichtbarer zu machen.

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Von
  • Frank Breitenstein

Herr Dr. Schuster, nur fünf Jahre nach dem Holocaust beginnen die Juden in Deutschland wieder, sich selbst zu organisieren und gründen den Zentralrat der Juden. Kann man das als Wunder bezeichnen?

Josef Schuster: Zu dem Zeitpunkt würde ich es nicht als Wunder bezeichnen, insbesondere wegen der Überlegungen, warum der Zentralrat gegründet wurde. Kein Mensch hat 1950 daran gedacht, dass der Zentralrat 70 Jahre später ein Jubiläum begehen wird. Es ging ja viel mehr um die Selbstorganisation der Juden in Deutschland. Ziel war es, den Mitgliedern eine Möglichkeit zu geben, auszuwandern nach Israel, in die USA, nach Südafrika, nach Südamerika. An eine dauerhafte Existenz jüdischen Lebens in Deutschland hat in dem Moment niemand gedacht.

Entsprechend haben sich ja dann auch die Aufgaben des Zentralrats inzwischen verändert, oder?

Sie haben sich verändert, indem ja zunächst immer wieder diese These der gepackten Koffer, man ist nur vorübergehend in Deutschland, aus wirtschaftlichen Gründen, weil man noch nicht weitergekommen ist... Es gab viele Familien, wo man die Wahrheit nicht wahrhaben wollte. Und es war eigentlich eines der ganz großen Verdienste des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats, Werner Nachmann, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, der bewusst für jüdisches Leben in Deutschland eingetreten ist und sich auch bewusst gefühlt hat als ein in Deutschland lebender Jude – eine Position, die insbesondere in der jüdischen Welt, also außerhalb Deutschlands höchst umstritten war. Wenn man als in Deutschland lebender Jude ins Ausland gefahren ist, gerade nach Israel oder USA, wurde man schon sehr schief angeschaut, wie man denn eigentlich im Land der Täter leben kann. Er hat diesen Bewusstseinswandel geschafft, dass man bewusst sagt, dass man als jüdische Gemeinde und jüdischer Mensch in Deutschland lebt.

Der nächste große Einschnitt war dann der Fall des Eisernen Vorhangs mit der Möglichkeit des Zuzugs jüdischer Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland – eine Situation, die dazu führte, dass die jüdische Gemeinschaft, die auf rund 22.000 Mitglieder gesunken war, wieder einen Mitgliederzuwachs erleben darf über 100.000, neue jüdische Gemeinden sich gründeten und damit – muss man sagen – eine Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland einläutete.

Findet der hohe Anteil von Menschen mit russischem Migrationshintergrund in den Gemeinden auch seinen Niederschlag in der Zusammensetzung des Zentralrats?

Nun, in den Gremien des Zentralrats sind selbstverständlich auch Mitglieder, die ihren Ursprung in der Sowjetunion haben. Was wir im Moment erleben, ist, und das sind jetzt knapp 30 Jahre, und das ist die These, die man eigentlich aufgestellt hat, dass es ungefähr eine Generation dauert bis eine Integration gelingt. Das sehen wir genau heute, denn in der nächsten Generation können sie heute nicht mehr unterscheiden, ob jemand ursprünglich vom Elternhaus her in Deutschland aufgewachsen ist, oder ob er aus Russland stammt und entsprechend sehen Sie das auch zunehmend in den Gremien der jüdischen Gemeinden und in den Gremien des Zentralrats, dass eben sie direkt oder ihre Eltern, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, in den Gemeindevertretungen auch aktiv sind.

Ist es Ihrer Meinung nach dem Zentralrat geglückt, jüdisches Leben in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen? Oder geht es heute hauptsächlich um Fragen wie Antisemitismus, wenn sich der Zentralrat in der Öffentlichkeit zu Wort meldet?

Sowohl mein Vorgänger als auch ich haben bei der Amtsübernahme gesagt, dass wir eigentlich weg wollen von der Stimme des Mahners und viel mehr zeigen wollen, was es an schönen Dingen im Judentum gibt. Ich will nicht verhehlen, dass sowohl Dieter Graumann, meinem Vorgänger, wie mir dies in dieser Form leider nicht gelungen ist. Die aktuellen Ereignisse haben immer in eine andere Richtung gedeutet. Ich will auch nicht verhehlen, dass das Überlegungen waren, die einen hehren Gedanken hatten, die aber sowohl Graumann als auch ich in der Realisierung skeptisch gesehen haben. Ich persönlich baue sehr auf das kommende Jahr, in dem in ganz Deutschland erinnert wird an 1700 Jahre erste Erwähnung jüdischen Lebens in Deutschlands, das war konkret in Köln.

Wovon ich schon lange weg will, von der Gleichsetzung Judentums, jüdisches Leben ist gleich 1933 bis 1945. Jüdisches Leben gab es Jahrhunderte zuvor in Deutschland auch mit jüdischen Persönlichkeiten, die ganz entscheidendem Einfluss im kulturellen, im wissenschaftlichen Bereich, auch im politischen Bereich in Deutschland hatten und jüdisches Leben gib es eben auch heute wieder. Dieses deutlich zu machen, wird hoffentlich mit diesem Jubiläumsjahr besser gelingen.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Amtszeit noch fördern oder verwirklichen möchten?

Es geht mir darum, jüdisches Leben offener nach außen zu zeigen. Sie sehen es gerade auch in den neu entstandenen Gemeindezentren, wenn Sie hier das Gemeindezentrum in Würzburg anschauen – mit viel Glas, ganz bewusst auch in der Bautechnik, Bauweise mit einer Öffnung nach außen. Dass leider notwendige Sicherheitsmaßnahmen dies nicht so optimal machen lassen, wie wir es gerne hätten, das muss man leider zur Kenntnis nehmen.

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