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"So ganz überzeugt von der Vereinigung bin ich jetzt nicht" | BR24

© picture-alliance/dpa

Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die wiedergewonnene deutsche Einheit

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"So ganz überzeugt von der Vereinigung bin ich jetzt nicht"

30 Jahre Wiedervereinigung – Zeit, zu fragen: Wie geht es den Menschen in Ost und West? Was hat gut geklappt und welche Baustellen gibt es noch? Denn die Lebensumstände in Ost und West sind immer noch anders. Die Bilanz zweier Frauen.

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Von
  • Linus Lüring

Es sind zwei Frauen, die sich nicht kennen - aber Kolleginnen sein könnten. Beide arbeiten seit Jahrzehnten als Erzieherinnen in Kindergärten. Aber: Die eine stammt aus der ehemaligen DDR und lebt heute im Osten Berlins, die andere kommt aus dem früheren Westdeutschland. Sie wohnt in Bayern.

"Mein Name ist Anna-Maria Scheib-Klemann, ich lebe ganz in der Nähe von München und habe hier einen ganz wundervollen Kindergarten entdeckt und kann hier arbeiten." Anna-Maria Scheib-Klemann
"Hallo! Mein Name ist Simone Galandi, ich wohne in Berlin und ich bin auch hier Erzieherin und übe den Beruf seit 34 Jahren aus und habe immer noch Freude daran…" Simone Galani

Wiedervereinigung war ein großes Glück

Die Voraussetzungen sind also erstmal ziemlich vergleichbar. Gleicher Beruf und ähnliches Alter, beide sind über 50. Dazu leben beide in oder in der Nähe von einer Millionenmetropole. Die Frauen sagen auch, dass sie zufrieden mit ihrem heutigen Leben sind. Und: Die Wiedervereinigung vor 30 Jahren war für sie beide ein großes Glück.

"Es war eine total erstaunliche Sache, die da passiert ist. Diese Freude dann darüber und diese Bilder, die ich da im Fernsehen gesehen habe, das war so unglaublich." Anna-Maria Scheib-Klemann"
"Im ersten Moment unwirklich, dann aber ein totales Glückgefühl. Und dann am 3. Oktober, den hab ich leider nicht so richtig mitbekommen, weil mein Sohn da so krank war und erst im Nachhinein hat man das dann realisiert, was da eigentlich passiert ist." Simone Galandi

Im Westen ändert sich wenig - im Osten fast alles

Das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Nämlich bei der Frage, ob sich etwas durch die Wiedervereinigung verändert hat. Anna-Maria Scheib-Klemann zögert kurz…

"Ich müsste da jetzt ganz tief nachdenken … Ich sage Nein! Das Leben ging weiter." Anna-Maria Scheib-Klemann

Völlig anders hat es Simone Galandi erlebt - im Osten Berlins, in der ehemaligen DDR.

"Also für mich hat sich eigentlich von Grund auf alles geändert. Die einzige Konstante, die bis heute ist, das ist mein Mann und mein Sohn." Simone Galandi

Ostqualifikation war nicht voll anerkannt

Wie viele der Menschen in Ostdeutschland ist auch Simone Galandi am Anfang ziemlich überfordert. Viele unbekannte Eindrücke, ein anderes System und – eine neue Arbeit. Weil so viele Familien aus der ehemaligen DDR in den Westen ziehen, sind viele Kitas leer. Für Simone Galandi bleibt da nur eins: Sie muss hinterher und in West-Berlin arbeiten. Dafür braucht sie aber erstmal eine Fortbildung, damit ihre Erzieherinnen-Ausbildung aus der DDR anerkannt wird.

"Also das war schon eine kleine Art von Diskriminierung. Wir mussten auch erstmal ein halbes Probejahr absolvieren, um das Westgehalt zu bekommen. Und man hat sich als Erzieher zweiter Klasse gefühlt." Simone Galandi

Diese Enttäuschung ist bei Simone Galandi aber schnell verschwunden. Sie genießt die Chancen in West-Berlin. Ihre Fähigkeiten werden bald wahrgenommen und geschätzt. Simone Galandi spricht von einem "großen Glücksfall".

Aus dem Osten kam die Ganztagsbetreuung

Auch Anna-Maria Scheib-Klemann hat die Wiedervereinigung dann doch etwas deutlicher gespürt – nämlich bei den Arbeitszeiten im Kindergarten. Vor der Wende waren die Betreuungszeiten in Westdeutschland vor allem auf den Vormittag beschränkt. Das ändert sich dann. Auch weil die Menschen, die aus der ehemaligen DDR kommen, sich das so wünschen.

"Für die war das ganz klar: wir brauchen eine Ganztagsbetreuung. Wir waren da oft zögerlich und dachten, die Bindung die so wichtig ist für die Kinder an die Eltern, die findet da ja gar nicht mehr statt. Aber ich habe auch oft gehört, wir sind das so gewohnt und es hat uns nicht geschadet." Anna-Maria Scheib-Klemann

Ein Ganztagsangebot in Kitas ist heute auch in Westdeutschland immer häufiger Standard. Das ist vielleicht eines der Beispiele, in denen der Osten den Westen geprägt hat.

Einkommensunterschiede trüben Freude über die Einheit immer noch

Und damit geht’s um die zentrale Frage – wie hat sie denn geklappt, die Wiedervereinigung? Sind wir heute zu einem Land zusammengewachsen?

"Ich denke schon. Ohne, dass ich in alle Sparten reinschaue. Wir profitieren von einander" Der Westen vom Osten und umgekehrt. Dass da einfach ne Zufriedenheit und ne Freude da ist, dass wir in Deutschland zusammenleben." Anna-Maria Scheib-Klemann

Simone Galandi, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist und so glücklich über die Wende war, ist zurückhaltender.

"So ganz überzeugt von der Vereinigung bin ich jetzt nicht. Ein Beispiel wäre jetzt, dass unterschiedliche Renten gezahlt werden in Ost und West oder dass unterschiedliche Gehälter bezahlt werden nach Ost- und Westtarif. Simone Galandi

Und dieser Unterschied ist tatsächlich deutlich. Das zeigt der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit für das vergangene Jahr. Da verdienten Erzieherinnen und Erzieher in den neuen Bundesländern im Durchschnitt knapp 9 Prozent weniger als die Kolleginnen und Kollegen in den alten Bundesländern.

"Es ist schade, dass man nach 30 Jahren darüber noch diskutieren muss. Daran muss wirklich nochmal gearbeitet werden … " Simone Galandi
© BR

30 Jahre nach der Wiedervereinigung blicken die Deutschen auf eine Zeit zurück, die einem Wunder gleichkommt, aber auch traumatische Erlebnisse bereit hielt.