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Frankreich: Neue Plattform für Bürger und Medien | BR24

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Das Vertrauen der Franzosen in die Medien sinkt. Nur noch 62 Prozent sagen, der Berichterstattung zu vertrauen. Um das Gespräch zwischen Bürgern und Journalisten wieder zu beleben, haben Medien eine Online-Plattform und Workshops ins Leben gerufen.

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Frankreich: Neue Plattform für Bürger und Medien

Das Vertrauen der Franzosen in die Medien sinkt. Nur noch 62 Prozent sagen, der Berichterstattung zu vertrauen. Um das Gespräch zwischen Bürgern und Journalisten wieder zu beleben, haben Medien eine Online-Plattform und Workshops ins Leben gerufen.

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Seit 1987 misst das Umfrageinstitut Kantar im Auftrag der katholischen Tageszeitung "La Croix" in Frankreich alljährlich das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien. Die jüngste Ausgabe ergibt: einen historischen Tiefstand. Nur noch 62 Prozent der Franzosen sagen, der Berichterstattung der Medien zu vertrauen, zu Spitzenzeiten waren es 77 Prozent.

Als glaubwürdigstes Medium bezeichnen die Bürger den Hörfunk (50 Prozent), gefolgt von Tageszeitungen (46 Prozent), Fernsehen (40 Prozent) und Internet (32 Prozent). Fazit der Tageszeitung "La Croix", dem Auftraggeber der Erhebung: "Das Vertrauen in die Medien muss wieder aufgebaut werden."

Online-Plattform "Bürger und Medien"

Aus diesem Grund beteiligt sich "La Croix" - neben anderen großen Medien im Land - an einer originellen, im Herbst gestarteten Initiative: eine Online-Plattform mit dem Namen "Bürger und Medien". Sie soll Bürger und Journalisten miteinander ins Gespräch bringen und Ideen für eine neue Art der Berichterstattung entwickeln.

Medien im Jahr 2050

Im Untergeschoss des Foyers von TF1, dem größten französischen TV-Sender, läuft an diesem Januar-Abend ein Schreib-Workshop. Sein Thema: "Die Medien im Jahr 2050." An den Bistro-Tischen sitzen je vier, fünf zumeist junge Frauen und Männer. Pro Tisch ein Team, eine Geschichte. 2047 sei es zum totalen Shutdown der traditionellen Medien gekommen, fabuliert eine Gruppe. Ein Computervirus habe sie lahmgelegt: keine Radioanstalt, kein TV-Kanal könne mehr senden, keine Zeitung mehr gedruckt werden. Und jetzt? - fragen sich die Nachwuchs-Autoren.

Begeistert wird der Faden weiter gesponnen. Ein Mittdreißiger resümiert:

"Man hört von früh bis spät viel Negatives, insbesondere in den Medien. Davon habe ich wirklich genug. Beim Workshop denken wir uns Geschichten aus, die wir in 30 Jahren gerne erleben würden." Teilnehmer eines Workshops

Er wolle seine Visionen zur Verbesserung der journalistischen Arbeit in Frankreich einbringen, ergänzt ein weiterer Teilnehmer.

"Die Medien sollten kollaborativer arbeiten, neue Formate entwickeln, auf mehr Zusammenarbeit mit uns Bürgern setzen. Wir wollen so viele Ideen wie möglich entwickeln, für die Zukunft der Medien." Teilnehmer eines Workshops

Medien-Kritik und Chat mit Journalisten

Organisiert wird der Workshop von den Machern der Online-Plattform "Bürger und Medien". Dort können Bürgerinnen und Bürger mit Journalisten chatten, Medien-Kritik üben und in Foren gemeinsam Vorschläge für eine bessere Berichterstattung ausarbeiten. Die Initiative findet ein großes Echo: Innerhalb von zwei Monaten sind knapp 12.000 Beiträge eingegangen, sagt Frank Escoubès vom Unternehmen Bluenove, dem Betreiber der partizipativen Online-Plattform:

"Das Thema hat es in sich. Es beinhaltet technologische Fragen: Beim Kampf gegen Fakenews geht es um Algorithmen, Filterblasen, um die automatische Erkennung gewisser Inhalte. Dazu gehören aber auch juristische Fragen, der Ehrencodex der Medien und Ähnliches." Frank Escoubès von der Online-Plattform Bluenove

Beim Projekt "Bürger und Medien" arbeiten, ein Novum, große französische Medien Hand in Hand zusammen, darunter die öffentliche Fernsehgruppe France Television und ihr Hörfunk-Pendant Radio France, der größte private TV-Sender TF1, die Verlagsgruppe Ouest France, auflagenstärkster Anbieter von Regionalblättern oder auch die katholische Tageszeitung "La Croix". Dabei hat jeder der Partner auch schon eigene Initiativen aufgelegt, vor allem, um den Vorwurf mangelnder Bürgernähe zu entkräften.

Angriffe auf Journalisten

Schlagartig ins Bewusstsein der Medienmacher geriet dieser Vorwurf, als die soziale Protestbewegung Gilets Jaunes, die Gelbwesten, im November 2018 aufkam. Beim Schreib-Workshop erinnerte sich Eric Valmir, Nachrichten-Chef bei Radio France, an die damaligen Gewaltexzesse.

"Als unsere Reporter bei den Gelbwesten-Kundgebungen waren, mussten wir ihnen Bodyguards zur Seite stellen! Eine absolute Premiere. Selbst im Irak und in Afghanistan sind sie ohne Schutzpersonal unterwegs." Eric Valmir, Nachrichten-Chef bei Radio France

Ende Februar wollen die Macher der Online-Plattform den Medien konkrete Maßnahmen unterbreiten, die geeignet sind, das Vertrauen der Bürger zurück zugewinnen.

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