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Wenn Wetter und Schnee passen, ist Skitourengehen ein großes Erlebnis. Mitunter aber ein sehr riskantes: Jede Saison sterben auch in den bayerischen Alpen Menschen durch Lawinen. Eine Internetplattform will Skitourengehen sicherer machen ...

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Sicher auf Skitour: Eine Website macht es möglich

Mit künstlicher Intelligenz Lawinenunglücke vermeiden: Dieses Konzept verfolgt "Skitourenguru.ch". Wie bei einer Ampel bekommen die Routen verschiedene Farben. So könne man sein Risiko, in eine Lawine zu geraten, um 80 Prozent reduzieren, heißt es.

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Von
  • Christoph Arnowski

Das Skitourengehen boomt seit Jahren. Und so wächst auch die Sorge, dass es zu mehr Lawinenunglücken kommt. Der Deutsche Alpenverein DAV unternimmt deshalb immer neue Anläufe, um die Menschen auf die Lawinengefahr abseits gesicherter Wege und Pisten aufmerksam zu machen.

In Kursen können Interessierte lernen, was bei einem Lawinenabgang zu tun ist und, noch wichtiger, wie man sich durch gute Planung der Tour erst gar nicht in Gefahr begibt. Theoretisch wird also viel für die Lawinenprävention getan, in der Praxis, das zeigen Untersuchungen, verhalten sich viele Skitourengeher aber oft ziemlich leichtsinnig. Die meisten informieren sich zwar mit dem Lawinenlagebericht über die aktuelle Gefahrenstufe, doch nur wenige verknüpfen diese recht allgemeinen Informationen mit ihren konkreten Skitourenplänen.

Statt wie erforderlich in einer Karte ganz genau nachzuschauen, wie steil beispielsweise die begangenen Hänge sind, welche Hangrichtung vorherrscht und ob es auf dem Weg die im Lagebericht erwähnten Gefahrenstellen gibt, verlassen sich viele auf ihr Bauchgefühl. Nach dem Motto: Bei einem "Dreier" im Lawinenlagebericht geht die Tour schon, letztes Jahr ist es ja auch gegangen.

Wie funktioniert Skitourenguru.ch

Das Wissen um diese gelebte Praxis und seine eigene Faulheit haben den Schweizer Günter Schmudlach animiert, "Skitourenguru.ch" zu entwickeln. Der Züricher, im Beruf ein IT-Experte und in seiner Freizeit ein passionierter Tourengeher, wollte nicht vor jedem Wochenende stundenlang über Karten brüten, um herauszufinden, welche Routen bei der aktuellen Lawinenlage begehbar sind und welche nicht. Und so fing er an, eine Skitour nach der anderen digital zu erfassen. Gestützt auf hochauflösendes Kartenmaterial und GPS-Tracks von Skitourengehern.

Dadurch konnte der 56-jährige Schweizer zusammen mit einem kleinen Team tausende von Touren in Zehnmeter-Abschnitten erfassen. Die Datensätze beziehen die Steilheit, die Hangexposition, die Form und Größe des Geländes, dessen Höhenlage und die Bewaldung ein. Diese Informationen verknüpft er mit den Informationen aus dem Lawinenlagebericht. "Für jedes Zehnmeter-Segment errechnet sein Algorithmus einen Risikowert, alle diese Werte einer Tour werden zu einem Gesamtrisiko-Indikator zusammengeführt und der stellt die Ampel dann auf grün, orange oder rot", erklärt Schmudlach das Prinzip von Skitourenguru.ch.

80 Prozent weniger Risiko

Wer die Seite aufruft, sieht eine Landkarte des Alpenraumes, ein weiterer Klick füllt die Karte mit unzähligen Punkten in den drei Farben. Grün bedeutet tiefes, rot hohes Lawinenrisiko, orange liegt genau dazwischen. Tiefes Risiko heißt, hier ist man relativ sicher unterwegs, orange dagegen bedeutet schon erhöhtes Risiko, ist also nur für erfahrene Tourengeher geeignet, und auf rote Touren sollte man, so die Empfehlung ganz verzichten.

"Wer nur grüne Routen geht, kann sein Risiko, in eine Lawine zu geraten, um 80 Prozent reduzieren", sagt Schmudlach, "das Risiko, auf einer grünen Tour zu verunglücken, ist statistisch gesehen etwas so hoch wie das, bei der Anreise mit dem Auto einen Unfall zu haben."

In der Schweiz bereits etabliert

Der große Vorteil des Skitourenguru gegenüber herkömmlichen Reduktionsmethoden: Man bekommt in Sekundenschnelle das Ergebnis für unzählige Skitouren. Die "Snowcard" des DAV kann zwar dieselben Ergebnisse liefern, sie ist aber nur so gut, wie der, der sie nutzt. Menschen machen immer wieder Fehler, die der künstlichen Intelligenz und dem Algorithmus des Skitourenguru.ch gar nicht passieren können.

Für den Ostalpenraum und damit auch für die bayerischen Alpen ist das Angebot seit diesem Winter online, also ganz neu. In der Schweiz dagegen ist es bereits seit sechs Jahren verfügbar. Der Schweizer Alpenclub SAC ist davon ebenso überzeugt wie eine große Zahl von eidgenössischen Tourengehern, zumal es kostenfrei ist und auch keine Daten seiner Nutzer sammelt. "Die Seite hat pro Tag im Schnitt 5.000 Nutzer, die dann zwischen 30.000 und 50.000 Touren anklicken“, erzählt Schmudlach.

Viele Zusatzinfos

Für jede Tour wird nicht nur ihr tagesaktuelles Risiko angezeigt, sondern eine Vielzahl weiterer wichtiger Informationen: Eine Karte mit der genauen Route und eingezeichneten Schlüsselstellen ist ebenso verfügbar wie der aktuelle Lawinenlagebericht des Gebietes.

Dazu kommen Angaben über die Schwierigkeit, die Länge und Höhenlage der Tour, auch die aktuelle Schneehöhe lässt sich abrufen. Gibt es in der Nähe eine Webcam, ist auch die verlinkt genauso wie der Zugang zum Wetterbericht. Damit kann man also seine Tour von zuhause optimal vorbereiten.

Gute Planung allein genügt nicht

Trotzdem, da sind sich Schmudlach und zum Beispiel Markus Fleischmann, der Leiter des DAV-Lehrteams Bergsteigen, einig, macht auch die beste Vorbereitung es nicht überflüssig, das prognostizierte Lawinenrisiko auch vor Ort auf der Tour ständig zu überprüfen. Eine stürmische Nacht kann die gesamte Situation stark verändern.

DAV-Bergführer Fleischmann gibt ein Beispiel: "Ist tatsächlich Triebschnee da, vielleicht auch mehr als zunächst erwartet. Die Verhältnisse können sich ändern oder punktuell anders sein. Das muss natürlich draußen erkennen." Heißt: Der Guru macht es nicht überflüssig, dass man Schnee und Wetter kundig beurteilen können muss.

DAV voll des Lobes

Aber gerade den wenig Erfahrenen kann er eine wichtige Hilfestellung sein, sagt auch Thomas Feistl, der Leiter des Lawinenwarndienstes Bayern: "Grad für die Tourenplanung, für's Risikomanagement, da kann der Tourengeher sehr viel rausziehen und ich denke, er wird auch sehr stark genutzt werden."

DAV-Experte Fleischmann ist ebenfalls voll des Lobes für skitourenguru.ch, von dem es zwar keine App gibt, dessen Seite aber auch für Mobilgeräte optimiert ist: "Sehr feines Tool. Erleichtert vieles, ist absolut empfehlenswert."

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Die Allgäuer Bergwacht warnt vor Ski- und Wandertouren. Durch den Regen seien jederzeit Lawinenabgänge möglich.

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