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Sexueller Missbrauch: Wie schützen wir unsere Kinder? | BR24

© pa / dpa

Sexueller Missbrauch von Kindern (Symbolbild)

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    Sexueller Missbrauch: Wie schützen wir unsere Kinder?

    Fälle wie die verschwundene Maddie oder die missbrauchten Kinder in Münster machen sprachlos. 43 Kinder werden pro Tag in Deutschland Opfer sexueller Gewalt, sagt das Bundeskriminalamt. Und die Dunkelziffer liegt viel höher.

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    Erst seit wenigen Jahren kann Karin Steinherr darüber sprechen, was ihr angetan wurde. Jahrelang hat ihr Stiefvater sie als Kind missbraucht, sagt die heute 45-Jährige. Und nicht nur sie, auch ihre beste Freundin. Manchmal verging er sich an beiden gleichzeitig. Dann kam ein zweiter Peiniger dazu.

    Sexueller Missbrauch – Wie können wir unsere Kinder schützen? Darüber diskutiert am Mittwoch, 17.06., um 20:15 Uhr die Münchner Runde live im BR Fernsehen und hier bei BR24.

    Beide haben sie weiter missbraucht, als sie erwachsen wurde, eine Familie gründete, Kinder bekam. Sie sei einfach nicht rausgekommen, sagt die Oberbayerin heute: "Es gab zwei Welten: auf der einen Seite die Kinder und das Zuhause, auf der anderen Seite ‚das Opfer‘." Das Wort benutzt Steinherr nicht gerne. Sie spricht von sich lieber als Betroffene oder Überlebende. Dazu raten auch Experten, denn die Opferrolle stigmatisiert.

    Im Grunde sei jede Form von Kindesmissbrauch zuallererst ein Machtmissbrauch, sagt die Psychologin Julia von Weiler. Ob sexuelle, physische oder psychische Gewalt, immer nutzen Erwachsene ihre Machtposition gegenüber Kindern aus.

    43 Kinder werden deutschlandweit Opfer sexueller Gewalt – täglich

    15.701 Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder gab es deutschlandweit im vergangenen Jahr. Das sind die Fälle aus der Kriminalitätsstatistik. Die Dunkelziffer ist Experten zufolge um ein Vielfaches größer. Jörg Fegert, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, ist einer der wenigen, die in Deutschland zur Dunkelziffer forschen. Je nach Definition sein drei bis fünf oder gar 13 Prozent aller Deutschen Opfer von sexueller Gewalt geworden, sagt der Psychiater. Zur Einordnung: Das ist die Dimension einer Volkskrankheit wie Typ 2 Diabetes.

    Helfen härtere Strafen?

    Die Strafen für Missbrauch sollen angehoben werden, findet Karin Steinherr. "Ich habe auch lebenslänglich", sagt sie, und: "Missbrauch ist ein Mord an der Seele, das sollte im Strafmaß berücksichtigt werden." Aber ob höhere Mindeststrafen, wie sie die Große Koalition jetzt plant, helfen, bezweifelt die 45-Jährige. Genauso wie nahezu alle Experten.

    Mehr Juristen, mehr Beratung

    Die wenigsten Fälle landen vor Gericht, Experten gehen von nur einem Prozent aus. Und es dauert oft Jahre, bis Verfahren in Gang kommen. Eine Tortur für alle Beteiligten, sagt Julia von Weiler von der Hilfsorganisation "Innocence in Danger". Richter müssten weitergebildet und die Justiz allgemein besser finanziert werden.

    Außerdem bräuchte es mehr Geld für Beratungsstellen, auch für männliche Betroffene und auch für potentielle Täter. Für sie gibt es zwar das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" – das hat in Bayern aber aktuell nur eine Anlaufstelle in Bamberg.

    Das Tabu brechen

    Das größte Problem aber sei das gesellschaftliche Tabu, sagt Julia von Weiler. Lehrer, Eltern, alle Erwachsene müssten hinschauen und im Zweifelsfall die Kinder Fragen. Und, wenn sie Verdacht schöpfen, Erwachsene konfrontieren. "Man kann es nicht noch schlimmer machen, als es bereits ist", sagt die Betroffene Karin Steinherr. Sie hat nach Jahren des Missbrauchs ihr Schweigen gebrochen und eine Selbsthilfegruppe gegründet. Seit etwa drei Jahren klärt sie auch in Schulen auf, indem sie ihre Geschichte erzählt und Kindern weiterhilft, denen ähnliches widerfahren ist.

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