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Seit Corona: Die Kunst des Spaziergangs wird neu entdeckt | BR24

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Spaziergängerin im Englischen Garten, München

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    Seit Corona: Die Kunst des Spaziergangs wird neu entdeckt

    Corona ist kein Spaziergang. Aber das Virus bringt uns dem Spaziergang näher. Denn seit Cafés und Restaurants geschlossen sind und man sich auch zu Hause nicht mit Freunden treffen darf, vertreibt man sich die Zeit, indem man sich die Füße vertritt.

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    Von
    • Nicole Remann

    Auf einmal ist Spazierengehen kein ausgelatschtes Hobby mehr, sondern entwickelt sich - mangels Optionen - zum neuen Ausgehen. Die neue Welle der Wertschätzung für das Gehen freut vor allem Bertram Weisshaar aus Leipzig. Als Promenadologe betreibt er Spaziergangsforschung.

    "Durch Homeoffice und Lockdown fühlen sich viele zu Hause eingesperrt, deshalb erlebt man Rausgehen jetzt als besonders bedeutungsvoll. Dabei entdecken viele nicht nur neu, was für eine Freude das ist. Es wird ihnen nun auch beim Gang vor die Haustür besonders vor Augen geführt wie wichtig die Wohnumfeldqualität ist." Bertram Weisshaar

    Ein Spaziergang ist wie eine kleine Flucht

    Einfach, umweltfreundlich, kostenlos und auch gesund ist so ein Spaziergang. Denn er bringt nicht nur den Kreislauf in Schwung. Er ist auch wie eine kleine Flucht. Lässt man das Handy in der Tasche, kann man den Gedanken freien Lauf lassen und die Horror-Virus-Nachrichten beim Gehen ausblenden. Eine Wohltat also für Körper und Geist.

    "Schritttempo ist die Geschwindigkeit, mit der unser Gehirn am besten Schritt halten kann. Je schneller wir unterwegs sind, desto mehr muss unser Gehirn filtern. Als Fußgänger nehme ich Schatten wahr, einen Windhauch, Gerüche, Geräusche. Mit einem Fahrzeug sind diese Eindrücke nur Fetzen." Bertram Weisshaar

    Dabei ist ein Spaziergang auch noch weitgehend zweckfrei und gerade das macht ihn laut Spaziergangsforscher sehr reizvoll.

    © dpa

    "Promenadologe" Bertram Weisshaar - hier im ehemaligen Braunkohletagebau Golpa-Nord bei Dessau

    Spaziergehen als soziales Ereignis

    Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass der Spaziergang ursprünglich eine Statusdemonstration war. Spazieren stammt vom lateinischen "spatiari" ab - einherschreiten. Und Schreiten zum Zeitvertreib, Lustwandeln durch den Schlosspark, das konnte sich nur der Adel leisten. Alle anderen mussten zu Fuß arbeiten, zum Beispiel das Feld bestellen. Im 18. und 19. Jahrhundert dann entdeckte das Bürgertum den Spaziergang für sich und flanierte - gleich dem Adel - in Stadtparks, auf Promenaden und Bürgersteigen. Erst später kamen sportliche, soziologische und ökologische Aspekte dazu.

    Jetzt ist durch die Corona-Pandemie der Spaziergang zu einem sozialen Ereignis geworden. Auch für die Jugend. In Zeiten von online-Unterricht und Videokonferenzen hat der gemeinsame Spaziergang einen anderen Wert. Er ist so hip - mancher Influencer filmt sich gar beim "stylischen" zweckfreien Schlendern. Dass es laut Experten beim Gehen auch leichter fällt, frei zu denken, inhaltlich andere Standpunkte zu sehen, und wir dadurch anders miteinander reden - das geht da fast unter.

    Spaziergangsmuffel verpassen einiges

    Das gemächliche Gehen. In Corona-Zeiten wird es immer beliebter. Dabei, so Weishaar, sei "jeder Spaziergang auch noch ein absolutes Original":

    "Das kennen wir in unserer digitalisierten Welt kaum noch, in der alles zu jeder Zeit und überall reproduzierbar ist. Einen Spaziergang kann man nicht wiederholen, selbst wenn man denselben Weg beschreitet. Immer ist etwas anders: das Wetter, die Stimmung, die Dinge, die einem auffallen." Bertram Weisshaar

    Doch wie fast alles heute kann auch das optimiert werden. Fußgänger-Routen, Audio-Spaziergänge und sogar extra Spaziergeh-Musiklisten helfen, fachgerecht zu flanieren. Doch geht man nach dem Promenadologe, lohnt es sich, auch mal ganz unfachgerecht und unoptimiert vom Weg abzukommen. Denn genau das ist sie ja, die wahre Kunst des Flanierens, die wir gerade wiederentdecken.

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