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Seenotrettung: Solidarität mit Sea-Watch-Kapitänin Rackete | BR24

© REUTERS/Guglielmo Mangiapane

Wurde von der italienischen Polizei abgeführt: "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete

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Seenotrettung: Solidarität mit Sea-Watch-Kapitänin Rackete

Nach ihrer Festnahme erfährt Sea-Watch-Kapitänin Rackete viel Solidarität. Die Freilassung der Seenotretterin wird gefordert. Die TV-Moderatoren Böhmermann und Heufer-Umlauf sammeln Spenden. Kritik gibt es an Italiens und auch an Europas Asylpolitik.

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Die Festnahme der Kapitänin und Seenotretterin Carola Rackete schlägt hohe Wellen. Politiker nicht nur aus Deutschland zeigen sich empört und fordern die Freilassung der Deutschen. Auch im Internet erfährt die 31-Jährige viel Unterstützung. Prominente wie die TV-Moderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf starteten Spendenaufrufe.

Mit Kritik hat Deutschland auf die Festnahme der deutschen Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete, in Italien reagiert. Außenminister Heiko Maas (SPD) twitterte, Seenotrettung sei eine humanitäre Verpflichtung und dürfe nicht kriminalisiert werden.

Habeck: Ruchlos von Italien - und Europa

Auch Grüne und die Evangelischen Kirche in Deutschland fanden scharfe Worte. Die Aktion zeige "die Ruchlosigkeit der italienischen Regierung" und offenbare das Dilemma der europäischen Flüchtlingspolitik, so Grünen-Chef Robert Habeck. Der "eigentliche Skandal" seien "das Ertrinken im Mittelmeer, die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa". Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sprach von einer Schande für Europa.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn forderte die Freilassung der Kapitänin. Auf Facebook schrieb er, Menschenleben zu retten, sollte niemals ein Verbrechen sein. Unter dem Hashtag #freeCarola wurden im Internet Petitionen gestartet, die ebenfalls die Freilassung von Rackete fordern.

Spendenaufruf von Böhmermann und Heufer-Umlauf

Inzwischen riefen die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden für die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch auf. Bis zum Sonntagvormittag kamen bereits knapp 270.000 Euro zusammen, vor 18 Uhr lag der Spendenstand schon bei einer halben Million Euro. Die Aktion soll bis Ende Juli laufen und anfallende Rechtskosten decken. Die beiden veröffentlichten auch ein Video, in dem sie das Verhalten der italienischen Regierung als "unmenschlich, kaltblütig und skrupellos" bezeichnen.

Vorwurf: Beihilfe zu illegaler Einwanderung, Widerstand gegen Staatsgewalt

Rackete hatte am Samstag nach mehr als zwei Wochen auf offener See mit der "Sea-Watch 3" trotz fehlender Genehmigung im Hafen der italienischen Insel Lampedusa angelegt. Italiens Behörden werfen ihr jetzt Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Verletzung des Seerechts und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor.

© BR

Die Irrfahrt des Rettungsschiffs "Sea Watch 3" ist beendet. Die italienischen Behörden ließen die etwa 40 Migranten auf der Insel Lampedusa an Land gehen. Die deutsche Kapitänin wurde festgenommen.

Rackete verhaftet, "Sea-Watch 3" beschlagnahmt

Bei der Einfahrt in den Hafen soll Rackete ein Polizeiboot, das sich der "Sea-Watch 3" in den Weg gestellt hatte, beinahe gerammt haben. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega sprach auf Twitter davon, dass das Polizeiboot "zerquetscht" worden wäre. "Humanitäre Gründe können keine unzulässigen Gewaltakte gegen Uniformierte rechtfertigen, die auf See für die Sicherheit aller sorgen", sagte Staatsanwalt Luigi Patronaggio in italienischen Medien. Rackete wurde festgenommen, ihr drohen eine Geldstrafe und mehrere Jahre Haft. Polizei und Zoll beschlagnahmten außerdem das Schiff.

Salvini: Kriminelle Kapitänin

"Kriminelle Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation", twitterte Salvini weiter. Später sprach er von einem "kriminellen Akt, einem Kriegsakt" und forderte eine Gefängnisstrafe für die Kapitänin, die er schon seit Tagen heftig auf Twitter attackiert.

Rackete: "Ich hatte Angst"

Rackete, die unter Hausarrest steht, soll sich für das riskante Manöver gegenüber dem Schnellboot der Polizei entschuldigt haben, berichteten italienische Medien unter Berufung auf Polizeikreise. Über ihre Anwälte teilte sie mit: "Die Situation war hoffnungslos. Und mein Ziel war es lediglich, erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen. Ich hatte Angst." Sie habe Suizide an Bord befürchtet.

Die Kapitänin soll nun binnen 48 Stunden von der Staatsanwaltschaft verhört werden. Dann wird sich zeigen, ob Haftbefehl erlassen wird. Seine Mandantin sei "müde und gestresst", sagte ihr Anwalt Leonardo Marino.

Sea-Watch vor Europäischem Gerichtshof gescheitert

Die "Sea-Watch 3" hatte am 12. Juni 53 Menschen vor der Küste Libyens gerettet. 13 von ihnen waren wegen Notfällen zwischenzeitlich an Land gebracht worden. Die restlichen Geretteten und die Crew fuhren dann mehr als zwei Wochen in internationalen Gewässern im Mittelmeer umher, weil sie keinen italienischen Hafen ansteuern durften. Am Dienstag war Sea-Watch mit einem Eilantrag vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) gescheitert, mit dem die NGO die Anlandung in Italien wegen drohender Menschenrechtsverletzungen erreichen wollte.

Salvinis strikter Kurs gegen Migration

Fünf europäische Länder, darunter Deutschland, hatten am Freitag dann zugesagt, Flüchtlinge von Bord des Schiffes aufzunehmen. Dennoch hatte die italienische Regierung weiterhin keine Genehmigung zum Anlegen erteilt und erklärt, auf "gesicherte Garantien" zu warten.

Italiens Innenminister Salvini, in dessen Amtszeit die Migrationspolitik deutlich verschärft wurde, ist der Ansicht, dass Italien in der Flüchtlingspolitik zu lange von Europa allein gelassen wurde. Den Krimi um die "Sea-Watch 3" bezeichnete er als "x-ten Beweis dafür, dass die Europäische Union - zumindest was die Migration angeht - nicht existiert".

Vor kurzem trat deshalb unter anderem ein umstrittenes Dekret der Regierung in Rom in Kraft, das Strafen zwischen 10.000 und 50.000 Euro vorsieht, wenn private Schiffe mit Geretteten an Bord unerlaubt in die italienischen Gewässer fahren.

Die Geretteten von der "Sea Watch 3" wurden mittlerweile in das Aufnahmelager auf Lampedusa gebracht und warten dort auf ihre Weiterreise nach Finnland, Luxemburg, Portugal, Frankreich und Deutschland. Die nächste Odyssee droht allerdings: Zwei private Rettungsschiffe sind derzeit auf dem Weg ins Mittelmeer vor Libyen - darunter die "Alan Kurdi" der Regensburger Seenotretter Sea-Eye.

© BR

Heute geht der Prozess gegen den Landsberger Kapitän der "Lifeline" weiter. Dabei geht es vor allem um die Frage, wo das Rettungsschiff anlanden darf. Was erlaubt das Recht den Seenotrettern und was nicht? #fragBR24