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Seenotrettung: Evangelische Kirche will eigenes Schiff schicken | BR24

© Julia Mumelter/BR

Seenotrettung: Evangelische Kirche will eigenes Schiff schicken (hier: die "Sea-Watch 2")

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Seenotrettung: Evangelische Kirche will eigenes Schiff schicken

Die Evangelische Kirche will bei der Lage im Mittelmeer mit einem eigenen Schiff die Seenotrettung unterstützen. Es gehe darum, einen Appell an die Politik zu richten, sagt Landesbischof Bedford-Strohm. Es gibt aber auch Kritik an den Plänen.

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"Eine junge Frau wird in einem europäischen Land verhaftet, weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will. Eine Schande für Europa!" So hat der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, am Wochenende auf die Festnahme der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete reagiert. Evangelische und katholische Kirche halten die Seenotrettung im Mittelmeer für eine humanitäre Pflicht und unterstützen die NGOs auch finanziell. Die EKD will bald noch einen Schritt weitergehen.

Beim evangelischen Kirchentag in Dortmund hatte Heinrich Bedford-Strohm seine Botschaft verkündet: Man wolle nicht mehr zusehen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken, sondern selbst aktiv werden. Die Zustimmung war groß. Daraufhin wurde am Kirchentag noch eine Resolution verabschiedet, die ein solches Rettungsschiff Wirklichkeit werden lassen soll: "Schicken wir ein Schiff."

Viele Schiffe liegen beschlagnahmt in den Häfen

Verfasst hat diese Willenserklärung der Europaabgeordnete von den Grünen, Sven Giegold. Es reiche nicht mehr, mit kirchlichen Geldern die private Seenotrettung der NGOs zu unterstützen. "Die Kirche muss selbst ein Schiff schicken, sie muss nicht unbedingt der Eigentümer des Schiffes sein, aber symbolisch Verantwortung dafür übernehmen."

Da es in der EU derzeit keine Lösung für eine Verteilung der Flüchtlinge gibt und Italien sich weigert, Schiffe anlegen zu lassen, spitzt sich die Lage im Mittelmeer immer mehr zu. Wegen der strengen Regeln für die Seenotrettung gibt es immer weniger Schiffe von Nichtregierungsorganisationen: Viele liegen beschlagnahmt in den Häfen.

Kritik an den migrationspolitischen Folgen

Deshalb müsse die Kirche nun aktiv werden, meint Sven Giegold, Mitglied im Präsidium für den Kirchentag: "Ein Kirchenschiff dermaßen an die Kette zu legen, dürfte auch Salvini und anderen schwerer fallen." Es gehe darum, einen Appell an die Politik zu richten und nicht, zum Schiffsunternehmer als Kirche zu werden."

Ein Kirchenschiff könne die Probleme nicht lösen, doch ein starkes Signal sein, findet auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm. Er war überrascht, dass es so wenig Kritik an der Idee des kirchlichen Rettungsschiffes gab: "Was ich erlebe, ist ganz viel Zustimmung von ganz vielen Seiten. Weil die Menschen intuitiv sagen: Das kann nicht sein, dass man die Leute ertrinken lässt." Ihm sei natürlich klar, dass diese unmittelbare Reaktion nicht die politischen Überlegungen und Lösungen ersetzen könne. Aber: "Das ist eine sehr gesunde Intuition."

Theologie-Professor hält Vorhaben für heikel

Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien, hält das Vorhaben der EKD für heikel und verweist auf die migrationspolitischen Folgen. Der Einsatz privater Rettungsschiffe verdiene Respekt und Anerkennung, aber die Motive vieler Retter und ihrer Unterstützter seien problematisch. Vielen Helfern gehe es nicht nur darum, Menschenleben aus akuter Gefahr zu retten, sondern dass jeder Mensch das Recht habe, in ein Land seiner Wahl zu flüchten. "Solange jede Rettung aus Seenot automatisch ein Ticket nach Europa ist, werden NGOs de facto von kriminellen Schlepperorganisationen ausgenutzt."

Entscheidung im September

Die EKD arbeitet nun an einem gesellschaftlichen Bündnis, um das Anliegen umzusetzen. Diesem Bündnis sollen sich Kirchen, Organisationen und Einzelpersonen anschließen. Die private Seenotrettungsinitiative Sea-Watch begrüßt die Pläne. Hilfe im zentralen Mittelmeer sei unbedingt notwendig, denn es herrsche dort ein extremer Mangel an Rettungskräften, sagt der Sprecher von Sea-Watch, Ruben Neugebauer und hofft, dass das neue Schiff so schnell wie möglich einsatzbereit ist.

Mit einer so starken zivilgesellschaftlichen Unterstützung sollte es möglich sein, ein entsprechendes Schiff aufzutreiben und mit professioneller Crew loszuschicken, meint Neugebauer. "Wir als Organisation, die vier Jahre Erfahrung haben, sind da gerne bereit in der praktischen Umsetzung zu helfen."

Im September soll dem Rat der Evangelischen Kirche ein Konzept vorgelegt werden. Dann wird die Entscheidung fallen, in welcher Weise und wie stark sich die Evangelische Kirche an dem neuen Rettungsschiff beteiligen wird.