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Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bei der Haushaltsdebatte im Bundestag
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Achim Wendler
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Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bei der Haushaltsdebatte im Bundestag

Horst Seehofer weiß, was jetzt kommt. Am Rednerpult steht Victor Perli von den Linken. Gerade hat er die Politik des Bundesinnenministers verrissen, nun steuert er auf den Schluss seiner Rede zu und verlangt: "Tun Sie uns einen Gefallen und sich was Gutes und …" Seehofer hebt die Hand, lässt sie über seine Schulter sausen und ruft: "Rücktritt!" Perli kann seine Pointe nur noch hinterher schieben: "… und treten Sie endlich zurück!"

Rücktrittsforderungen im Minutentakt

So etwas hört Seehofer dieser Tage oft, jetzt im Bundestag gar im Minutenrhythmus. Der Grüne Tobias Lindner legt Seehofer nahe, "in Würde und selbstbestimmt zu gehen". Er begründet das unter anderem mit der Feststellung, Seehofer sei schon 1980 erstmals in den Bundestag eingezogen. Er selbst, Lindner, sei erst 1982 geboren.

Für den Minister eine weitere Steilvorlage, ihm hätten schon viele das Ende prophezeit - seit 38 Jahren, wird Seehofer gleich antworten: "Schauen Sie drauf, dass Sie nicht nur nach mir geboren sind, sondern möglicherweise nicht vor mir wieder gehen aus der Politik!"

Da lachen und klatschen sogar die Abgeordneten der AfD.

Konzentration statt Depression

Ist das wirklich Horst Seehofer? Der 69 Jahre alte Bundesinnenminister, der gerade seinen Abschied als CSU-Chef angekündigt hat? Wer meint, dass ihn das deprimieren würde, dass die Kritik an seiner Amtsführung, die prasselnden Rücktrittsforderungen ihn zermürben würden, der wird hier im Bundestag eines Besseren belehrt.

Seehofer sitzt, bevor er selbst reden darf, konzentriert auf der Regierungsbank. Andere Minister studieren gern demonstrativ Akten oder plauschen mit Nachbarn, wenn vorn am Pult über sie geschimpft wird. Seehofer dagegen hört zu, egal ob Freund oder Feind, er hat sogar seinen Stuhl zum Rednerpult gedreht. Gelegentlich angelt er einen Stift aus seinem Jackett und notiert etwas in sein Manuskript. Greift ein Oppositionspolitiker ihn an, lächelt er, manchmal nickt er bestätigend. Andere Gefühlsregungen zeigt er nicht - kein Kopfschütteln, kein Augenrollen, keinen Unmut.

Seehofer: "Ein zufriedener Innenminister"

Umso lebendiger wird Seehofer dann während seiner Rede. Lange muss er den Knopf drücken, bis das Pult in die richtige Höhe gesummt ist. Es gebe noch schöne Termine in der Politik wie diese Debatte über den "Einzelplan 06" des Innenministers. Auf 15,8 Milliarden Euro soll dieser Etat 2019 wachsen, eine Steigerung von zwölf Prozent. "Ein wunderbarer, in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einmaliger Haushalt", sagt Seehofer. Gut, das könnte fast jeder Minister über seinen Etat sagen. Aber Seehofer hat dem Bundestag noch einen unerwarteten Zuwachs zu verdanken: Die Haushälter der Koalition hatten seinen Posten in der Bereinigungssitzung gegenüber dem Regierungsentwurf um weitere knapp 800 Millionen Euro aufgestockt. Darum sei er nun "heute einfach ein zufriedener Innenminister".

Zufrieden ist Seehofer auch mit seiner Politik. Zuwanderung steuern und begrenzen? Das sei in den letzten Monaten "ganz hervorragend gelungen". Man denkt in diesem Moment an Seehofers Streit mit Kanzlerin Merkel im Sommer. An immer noch fehlende Rückführungsabkommen. Daran, dass Tunesien und Marokko noch immer keine sicheren Herkunftsländer sind. Egal, für Seehofer zählt jetzt nur eine Zahl: Die Zuwanderung nach Deutschland sei "weit entfernt von der von mir gesetzten Obergrenze" von 200.000.

Seehofer: "Ja" sagen zum Migrationspakt

Zur Hochform läuft Seehofer aber auf, als es um den UN-Migrationspakt geht. Man kennt ihn als bedächtig schreitenden, extrem sparsam sich bewegenden Menschen. Und jetzt? Seehofer breitet die Arme aus, federt vor und zurück, dreht sich hin und her. Und appelliert, die "wertvollen Dinge für uns nicht zu gefährden und 'ja' zu sagen zum Migrationspakt!"

Das Plenum brodelt. AfD und Linke melden Zwischeninterventionen an. Die Sitzungsleiterin Claudia Roth mahnt Seehofer, nicht zu lange zu antworten, "aber freundlich, wir sind ja beide aus Bayern!" Seehofer entgegnet: "Sehr freundlich! Sie sind allerdings aus Schwaben."