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Schwierige Aufarbeitung: Missbrauch in der Evangelischen Kirche | BR24

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In der Dresdner Kreuzkirche (r.) wurde am Sonntag die EKD-Synode, die Jahrestagung der Evangelischen Kirche, eröffnet.

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Schwierige Aufarbeitung: Missbrauch in der Evangelischen Kirche

770 Missbrauchsfälle sind der evangelischen Kirche bekannt, die tatsächliche Zahl dürfte größer sein. In ihrem nächsten Haushalt plant die Synode rund 1,3 Millionen Euro für die Aufarbeitung ein. Betroffene vermissen aber konkrete Hilfsangebote.

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Wilfried Knorr erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er Besuch bekam. Ein ehemaliger Bewohner des Diakoniedorfes Herzogsägmühle hatte sich bei ihm gemeldet. "Dieser Mensch saß tatsächlich auf der Terrasse unseres Restaurants mit dem Rücken zu dem Haus, in dem er damals gewohnt hatte und schaffte es zwei Stunden lang nicht dieses Haus anzuschauen, in dem er damals missbraucht worden war", sagt Knorr, der Direktor des Diakoniedorfes ist.

Missbrauch ging von mehreren Ebenen aus

In Herzogsägmühle, im oberbayerischen Pfaffenwinkel leben und arbeiten Menschen mit den verschiedensten Problemen: Suchtkranke, Menschen mit Behinderung, Wohnungslose. Trägerin der Einrichtung ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die evangelische Innere Mission.

Durch seinen Besucher erfährt Knorr, dass auch Herzogsägmühle eine Missbrauchsgeschichte hat. "Ganz überwiegend ist es erstmal Missbrauch durch Angestellte", so Knorr. "Peer-Group-Missbrauch - Jugendliche gegen Jugendliche – ist dokumentiert. Und jetzt haben wir einen Hinweis bekommen, dass ein Geistlicher, der Ende der 60er in Herzogsägmühle gelebt hat, des Missbrauchs beschuldigt wird."

Knorr: Auseinandersetzung mit Thema kommt zu spät

Es ist kein Massenphänomen: Seit Ende der 90er-Jahre haben sich etwa zehn Betroffene gemeldet. Die Einrichtung hat reagiert, gemeinsam mit anderen Heimen und Häusern der Diakonie ein Präventionskonzept ausgearbeitet und ehemalige Bewohner aufgefordert: Meldet Euch, wenn Ihr in Herzogsägmühle Missbrauch oder Misshandlung erlebt hat! Damit ist diese Einrichtung deutlich weiter als die Evangelische Kirche. "Ich persönlich finde es gut, dass sich Kirche mit dem Thema auseinandersetzt", sagt Knorr. "In der Tat finde ich aber, dass es zu spät kommt. Die Fachwelt hat ihre Schutzkonzepte schon vor zehn Jahren erarbeitet."

Im vergangenen Jahr haben sich bei den Evangelischen Landeskirchen etwa 300 Betroffene gemeldet, deren Fälle noch nicht bekannt waren. Die Taten liegen teils 30, 40 Jahre zurück. Insgesamt spricht die EKD von 770 Missbrauchsfällen, die angezeigt beziehungsweise dokumentiert sind. Ein vollständiges Bild verspricht sich die Kirche von einer wissenschaftlichen Studie, die nun in Auftrag gegeben werden soll.

Kritik von Betroffenen an kirchlicher Anlaufstelle

Dabei geht es, so Nikolaus Blum vom Beauftragtenrat der EKD, nicht nur um den Missbrauch durch Geistliche: "Es geht um alle Fälle sexualisierter Gewalt, also auch zwischen Erwachsenen, auch zwischen anderen Berufsgruppen. Oder auch Fälle zwischen Teilnehmern von Veranstaltungen. Leider erleben wir, dass bei Jugendlichen-Camps sexuelle Übergriffe zwischen Beteiligten vorkommen. Alle diese Fallkonstellationen sollen aufgearbeitet werden."

Am Montag hat die Synode beschlossen, in ihrem Haushalt für 2020 rund 1,3 Millionen Euro für die Aufarbeitung und Aufklärung des sexuellen Missbrauchs einzuplanen. Bereits umgesetzt wurde die Einrichtung einer von der Kirche unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene. Hier gingen seit Juli etwa 200 Meldungen ein. Von Betroffenen allerdings kommt Kritik. Die Anlaufstelle könne keine konkrete Hilfe bieten und verweise die Anrufer wieder an die Landeskirchen zurück.

Claus: "Über angemessene Entschädigungen nachdenken"

Umstritten ist auch die Haltung der EKD, Betroffenen keine pauschale Entschädigung anzubieten. Hier setzt man weiter auf individuell ausgehandelte Unterstützungs- und Anerkennungsleistungen - in der Regel im vierstelligen Bereich. Kerstin Claus vom Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung fordert, dass die Kirche auch über angemessene Entschädigungen nachdenkt.

In der katholischen Kirche werden gerade pauschale Summen von 300.000 Euro pro Fall diskutiert. "Die Last bleibt ein Leben lang. Und dann muss ich als Kirche darüber nachdenken, wie ich mich dazu verhalte, wenn es in dieser Kirche es zu diesen Taten gekommen ist", sagt Claus. "Für mich klingt der Satz tatsächlich zynisch: Das Leid lässt sich nicht entschädigen…und deswegen versuchen wir es auch nicht."

In Dresden kann die Evangelische Kirche noch keinen Schlussstrich unter ihre Missbrauchsgeschichte ziehen. Sie beginnt gerade erst mit der systematischen Aufarbeitung.