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Schweiz plant Studiengang Gendermedizin | BR24

© picture alliance/Zoonar

Ärzt*innen in einer Klinik bei einer Besprechung

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    Schweiz plant Studiengang Gendermedizin

    Lange Zeit hat die Medizin nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. Jetzt bereitet man in der Schweiz einen Weiterbildungsstudiengang zu Gendermedizin vor. Es wäre der erste seiner Art in Europa.

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    Typische Symptome für einen Herzinfarkt sind Schmerzen in der Brust, die ins Kinn und in den linken Arm ausstrahlen. Das gilt zumindest für Männer. Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt oft ganz anders, etwa mit Übelkeit, Bauchschmerzen und Müdigkeit. Dieser Unterschied werde oft nicht beachtet - mit schwerwiegenden Folgen, erklärt die Kardiologin Catherine Gebhard vom Universitätsspital Zürich.

    "Das hat dazu geführt, dass die Frauen oft mit starker Verzögerung erst behandelt werden bei einem Herzinfarkt, (…) dass die Zeit bis Frauen erstens Hilfe rufen und zweitens Hilfe bekommen, viel länger ist, als bei Männern, nämlich im Schnitt 30 bis 45 Minuten." Catherine Gebhard, Universitätsspital Zürich

    Unterschiede bei Lungenkrebs und Herzinfarkt

    Der Herzinfarkt ist eins der bekanntesten Beispiele, wenn es um die Bedeutung von Gendermedizin geht, also um Medizin, die die biologischen Unterschiede von Frauen und Männern berücksichtigt. Neben unterschiedlichen Krankheitssymptomen beschäftigt sich dieser Zweig der Humanmedizin auch mit geschlechtsspezifischen Krankheitsrisiken, sagt Catherine Gebhard, die seit mehreren Jahren zu Herzkreislauferkrankungen und Gendermedizin forscht. Beispiele dafür sei etwa das Lungenkrebs-Risiko, dass bei Frauen, die rauchen, höher ist als bei rauchenden Männern. Auch bei Diabetes beispielsweise hätten Frauen ein höheres Risiko, einen Herzinfarkt oder eine Herzkreislauferkankung zu bekommen als Männer mit Diabetes.

    Die Gründe für die Unterschiede reichen von der genetischen und hormonellen Verschiedenheit von Frauen und Männern bis hin zum unterschiedlichen Körperbau:

    "Körpergröße, Gewicht, Muskelmasse, Körperfett, Wasseranteil sind z.B. alles unterschiedlich bei Männern und Frauen und das wirkt sich natürlich auf viele Sachen aus - auf die Krankheitsentstehung, die Manifestation und den Verlauf, aber z.B. auch auf den Abbau und die Verteilung von Medikamenten." Catherine Gebhard, Universitätsspital Zürich

    Frauen und Männer gehen anders mit Depressionen um

    Selbst geschlechtsspezifische, kulturelle und sozialbedingte Verhaltensweisen können zu unterschiedlichen Krankheitsbildern bei Frauen und Männern führen - etwa bei psychischen Erkrankungen:

    "Depression ist bei Männern eine Erkrankung, die sich auch in der Symptomatik anders zeigt. Die reagieren anderes darauf, sprechen kaum darüber, wo hingegen sich Frauen da eher mitteilen. Und deswegen wird das bei Männern häufig übersehen und nicht behandelt, was dann natürlich fatale Folgen haben kann." Catherine Gebhard, Universitätsspital Zürich

    Gender-Medizin: Europaweit einzigartiger Studiengang

    Erst seit den 80er-Jahren steht die Geschlechterforschung im Fokus der Medizin. Mittlerweile, so sagt Catherine Gebhard, würden jedes Jahr acht- bis neuntausend wissenschaftliche Artikel zu den Geschlechterunterschieden veröffentlicht. Dass diese Aspekte im klinischen Alltag stärker beachtet werden, soll mit Hilfe eines neuen, europaweit einzigartigen Weiterbildungsstudiengangs an den Universitäten Bern und Zürich erreicht werden. Catherine Gebhard ist die Vorsitzende der Programmleitung des Studiengangs. Wichtig ist ihr, dass es nicht nur um Ärztinnen und Ärzte geht. Sie will damit alle Personen erreichen, die in medizinischen Berufen arbeiten und Umgang mit Patientinnen und Patienten haben.

    Eigentlich sollte es in diesem Frühjahr mit dem Studiengang losgehen, doch wegen der Coronavirus-Pandemie musste der Start auf den nächsten März verschoben werden.

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