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Corona-Krise: Wie ist die Lage in Schweden? | BR24

© dpa-Bildfunk

Schwedische Flagge bei einer Demo in Leipzig am 20.4.20

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    Corona-Krise: Wie ist die Lage in Schweden?

    In der Corona-Pandemie blicken viele Deutsche immer wieder nach Schweden. Denn das skandinavische Land geht seinen eigenen, oft als lockerer beschriebenen Weg im Kampf gegen das Virus. Unser Korrespondent Carsten Schmiester über die aktuelle Lage.

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    Fast 6.000 Corona-Tote, das sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung deutlich mehr als in allen nordischen Nachbarstaaten: Gestorben sind vor allem ältere Menschen in Pflege und wenig integrierte Senioren mit Migrationshintergrund. Das ist die Schattenseite des "schwedischen Weges", der auf individuelle Vorbeugung setzt, auf freiwilliges Abstand halten oder Arbeit im Homeoffice und damit fast ausschließlich auf Empfehlungen der Gesundheitsbehörde, nicht auf Verordnungen.

    Ausnahmen: Das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern und Besuche bei Bewohnern von Altenwohnheimen. Konsequenz: lange Zeit im europäischen Vergleich sehr hohe Neuinfektionszahlen, die Schweden bis in den Sommer hinein zum Hochrisikogebiet machten mit entsprechenden Reisebeschränkungen für schwedische Bürger oder Besucher des Landes.

    Keine Maskenpflicht und viele Schulen durchgehend geöffnet

    Dafür mussten die Schweden, im Gegensatz zu Deutschland, keinen Lockdown ertragen. Es gab und gibt keine Maskenpflicht. Restaurants und Geschäfte waren nie geschlossen, Kitas und Schulen bis zur neunten Klasse durchgehend geöffnet. Nur an weiterführenden Schulen und Unis gab es bis jetzt, bis zum Ende der Sommerferien, Distanzunterricht und -vorlesungen.

    Das Land fühlte und fühlt sich im Vergleich etwa zu Deutschland nahezu normal an, als ob es Corona als Bedrohung für alle gar nicht gäbe. So sagen es Urlauber, die ins Land gekommen sind. Seit Mitte Juli sank die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen erstmals auf unter 50 pro 100.000 Einwohner.

    Aktuell liegt sie bei 20. Doppelt so hoch wie in Deutschland übrigens, dennoch bleibt Anders Tegnell, Schwedens Staatsepidemiologe und der entscheidende Mann hinter dem "schwedischen Weg", bei seiner Linie, der die in Krisenlagen traditionell passive Regierung in Stockholm weiterhin kritiklos folgt: Tar det lugnt - Ruhig bleiben!

    Obwohl die Fallzahlen nach dem Ende der hier traditionell langen Sommerferien wieder ansteigen und Tegnell erst am 24. August in einem Interview seinen Landsleuten erklärt hat, dass sie noch lange mit Corona werden leben müssen - und damit auch mit den Einschränkungen unter anderem für Großveranstaltungen, was derzeit für Streit sorgt.

    Tourismusbranche und Kulturschaffende besonders betroffen

    Trotz des "schwedischen Weges" hat die Wirtschaft des Landes unerwartet heftig gelitten. Sie ist im zweiten Quartal um 8,6 Prozent eingebrochen. Besonders hart trifft das die Tourismusbranche und die Kulturschaffenden. Letztere proben gerade den Aufstand gegen die Regierung, die zu wenig für sie tue.

    Musiker, Schauspieler, aber auch Betreiber von Museen und Freizeitparks stehen nach eigenen Worten vor dem "Aus", während Tegnell und die Politik bisher lediglich versprochen haben, sie würden neue Hilfsprogramme überlegen und Ausnahmen der 50-Personen-Regel prüfen, die aber grundsätzlich bleibe. Hier zeigt sich am deutlichsten, was auch im schwedischen Alltag zunehmend spürbar ist.

    Viele fühlen sich von der Politik allein gelassen

    Der Sonderweg, mit dem Wirtschaft und Gesellschaft möglichst geschont werden sollten, ist zwar weniger holprig, aber bisher auch kein voller Erfolg: Er nervt die Leute zunehmend. Viele fühlen sich allein gelassen von Politik und Behörden, die ihren schwedisch-zurückhaltenden Appell an die individuelle Vernunft und Vorbeugung als Vertrauensbeweis verkaufen, sich damit in den Augen ihrer Kritiker aber nur aus der eigenen Verantwortung stehlen.

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