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Schutz vor Corona: Bevormunden wir ältere Menschen? | BR24

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Altersmediziner Johannes Pantel warnt vor einer Entmündigung älterer Menschen in der Coronakrise.

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Schutz vor Corona: Bevormunden wir ältere Menschen?

Das Coronavirus kann für viele ältere Menschen besonders gefährlich werden – aber eben nicht für alle. In der Debatte um den Schutz von Risikogruppen fühlen sich Senioren oft bevormundet. Altersmediziner warnen sogar vor Entmündigung.

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Besonders ältere Menschen sind laut Robert Koch-Institut (RKI) vom Coronavirus gefährdet. Viele von ihnen haben ein geschwächtes Immunsystem. Eine mögliche Folge: Krankheitssymptome wie Fieber können mit steigendem Alter schwächer ausfallen oder gar fehlen, wodurch Erkrankte dann auch erst später zum Arzt gehen. Dazu kommt: Grunderkrankungen wie Herz- und Kreislaufprobleme nehmen im Alter tendenziell zu. Doch deshalb pauschal alle älteren Menschen zur Risikogruppe zu erklären, hält der Altersmediziner Johannes Pantel für gefährlich.

Wie können wir Risikogruppen schützen, ohne sie zu bevormunden? Sind die Corona-Lockerungen für kranke und ältere Menschen gefährlich? Welche Hilfe brauchen die Risikogruppen jetzt? Darüber diskutiert die Münchner Runde am Mittwoch, 03. Juni, 20:15 Uhr live im BR Fernsehen und hier bei BR24.

"Ältere Menschen fühlen sich entmündigt!"

Laut dem Experten für Gerontologie sollten wir dringend vermeiden, ältere Menschen über einen Kamm zu scheren. Denn es sei nicht richtig, dass Ältere pauschal zur Risikogruppe gehören. Das Alter auf dem Papier spiele eine untergeordnete Rolle. Laut Johannes Pantel sind ältere Menschen nur dann besonders gefährdet, wenn sie gebrechlich und pflegebedürftig sind. Rüstige Seniorinnen und Senioren hingegen seien nicht mehr in Gefahr als jüngere Menschen, die vorerkrankt sind.

"Wenn man pauschalisierend den Älteren diese Risiko-Rolle zuweist, bedient man stereotypische Sichtweisen: Der ältere Mensch als unselbstständig, krank, gebrechlich und möglicherweise nicht mehr für sich selbst entscheidungsfähig." Prof. Johannes Pantel, Altersmediziner

Laut dem Altersmediziner sind weniger als zwanzig Prozent der über 65-Jährigen pflegebedürftig. Weniger als vier Prozent der Seniorinnen und Senioren würden in Pflegeeinrichtungen leben. Auf die große Mehrheit der über 65-Jährigen treffe das negative Altersbild also nicht zu. Viele der älteren Leute würden sich jedoch in der Folge eines solchen negativen Altersbildes bevormundet oder sogar entmündigt fühlen.

Jung und Alt nicht gegeneinander ausspielen

Die Vorsitzende des europäischen Ethikrats und Medizinethikerin Christiane Woopen hält ein Gesetz, das speziell ältere Menschen einschränken würde, rein ethisch für unhaltbar. Beispielsweise würde eine Vorgabe speziell für die Quarantäne der älteren Generationen Jung und Alt gegeneinander ausspielen.

"Ich halte ein solches Gesetz, das speziell Grundrechte ältere Menschen einschränken würde, für ethisch untragbar und hochschädlich. Es würde den Generationenkonflikt befeuern und ältere Menschen entmündigen." Prof. Christiane Woopen, Ethikerin

Älteren Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen dürfe man nur Empfehlungen an die Hand geben. Darauf sollten wir als Gesellschaft achten. Denn auch sozialer Druck könne Menschen das Gefühl geben, bevormundet zu werden. Die öffentliche Debatte über eine Bevormundung von Risikogruppen sei deshalb wichtig.

Patientenschützer hoffen auf Ethikrat

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz ist klar gegen eine altersbedingte Risiko-Definition. In Deutschland sei Alter noch nie ein Kriterium gewesen für gesundheitliche Maßnahmen und das müsse auch so bleiben. Damit Pauschalisierungen keinen Einzug in die Politik halten, hofft Kristjan Diehl von der Deutschen Stiftung Patientenschutz auf die Arbeit des Deutschen Ethikrats. Dieses Gremium berät die Bundespolitik und befasst sich mit ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen. Besonders in der Corona-Krise komme dem Ethikrat eine besondere Rolle zu, um ethische Konflikte möglichst zu verhindern und die Rechte aller Menschen im Blick zu behalten.

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