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Schule daheim: zwischen Selbstbestimmung und Überforderung | BR24

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Zwei Wochen "Schule daheim" gehen mit Beginn der Osterferien zu Ende. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen, wie das virtuelle Klassenzimmer funktioniert hat.

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Schule daheim: zwischen Selbstbestimmung und Überforderung

Eigeninitiative bleibt gefragt. Auch wenn kurzfristige Hilfen von 100 Millionen Euro aus dem "DigitalPakt" des Bundes das virtuelle Lehrangebot für alle SchülerInnen verbessern sollen. Eltern und Schüler müssen aktuell ohne Unterricht klarkommen.

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Die Lehrer versuchen, den ausfallenden Unterricht in der Schule mit Übungsaufgaben zu ersetzen. Viele vermitteln inzwischen aber auch neue Inhalte und Themen digital. Seit Beginn des virtuellen Unterrichts erhalten die Schülerinnen und Schüler in Bayern ihre Aufgaben über verschiedenste Online-Quellen, Lehrer senden sie auch per Mail, SMS oder Stream. Die Gefahr: Das online hochgeladene Pensum übersteigt die Kräfte von Schülern und Eltern.

Inzwischen funktioniert immerhin Mebis, das digitale Unterrichtssystem des bayerischen Kultusministeriums, wieder. Das System war zu Beginn der Schulschließungen unter einem Hacker-Angriff zusammengebrochen. Schülerin Isabella kommt bislang damit gut beim Selbstlernen zurecht. Seit Beginn der Schulschließung am 13. März hatte sie bislang kaum Fragen an ihre Eltern:

"Ich hatte bis jetzt nur gute Erfahrungen, wir haben auf Mebis ein virtuelles Klassenzimmer." Isabella, 8. Klasse Gymnasium Regensburg

Nicht alle Familien kommen gleich gut mit

Ist die Schülerin eingeloggt, zeigt ihr ein blauer Balken an, wann von den Lehrkräften eine neue Übung oder Aufgabe ins System gestellt wird. Diese kann sie in individueller Reihenfolge abarbeiten. So hat sie in dieser Woche neue Schulbuchkapitel bearbeitet, vor allem in den Fremdsprachen neue Grammatik- und neuen Wortschatz eingeübt. Doch Pädagogen warnen: Diese Disziplin haben nicht alle.

Schwächere Schüler und besonders Kinder aus bildungsfernen Familien werden mit dem unbetreuten Lernen und vor allem Weiterlernen überfordert. Der virtuelle Unterricht kann die Nachteile verstärken, die das Schulsystem ohnehin mit sich bringt: Dass der Erfolg vom Elternhaus abhängt. Wiederholen hingegen funktioniert auch online.

Herausforderung: selbstbestimmtes Lernen

Auch wenn inzwischen vielen ihre Klassengemeinschaft fehlt: Schülerinnen und Schüler erleben ihre "Corona-Ferien" im Moment oft noch als entspannte Abwechslung zur straff organisierten Schulzeit. Konflikte mit Eltern, die auf Lernzeiten pochen, scheinen da programmiert. Feste Regeln und Zeitpläne helfen dabei, Streit zu vermeiden.

"Man kann länger ausschlafen, aber dann loslegen. Am Computer in Mamas Arbeitszimmer ist es ruhig. Da kann man sehr gut arbeiten." Phillip Traugott, 6. Klasse Gymnasium

Statt vorgegebener Schulstunden müssen die Schülerinnen im Homeoffice ihre Lernzeit einteilen. Die variiert, denn manche Lehrer fordern noch am selben Tag zu einer bestimmten Uhrzeit Ergebnisse und korrigieren sie, andere stellen nach ein paar Tagen nur die Lösungen online.

Einen Zeitrahmen setzen ist wichtig: Phillips Mutter, Eleonore Traugott erklärt, wie nach Anlaufschwieirgkeiten in der ersten Woche das Homeschooling jetzt gut funktioniert.

"Mittlerweile hat es sich ganz gut eingependelt. Unser Sohn setzt sich um 8 Uhr an den Schreibtisch und am Nachmittag ist er mit seinen Aufgaben dann auch durch." Eleonore Traugott, Mutter München

Anstrengende Zeit für viele Familien

Aber gerade die Jüngeren brauchen dauerhaft Unterstützung beim Lernen daheim. Und viele sind dabei abhängig von der Kompetenz ihrer Eltern, dem Platz zuhause und der technischen Infrastruktur, also stabilem Wlan und einem Rechner:

"Mein Sohn ist in der 6. Klasse. Weil Mebis erstmal nicht funktioniert hat, läuft jetzt vieles parallel: Gitarrenunterricht per Skype und in Mathe und Musik eine ZOOM-Schalte mit allen 30 Schülern." Elke Hardegger, Mutter München

Das virtuelle Klassenzimmer motiviert die Schüler zwar. Aber viele Eltern erleben auch, wie anstrengend es für Kinder ist, konzentriert 45 Minuten vor dem PC zu sitzen oder sich in "Stillarbeit" alleine mit den Übungsaufgaben zu beschäftigen, ohne die Motivation vom Sitznachbarn im Klassenraum. Und: Damit Onlineangebote überhaupt abgerufen werden oder die gelösten Hausaufgaben wieder ins Netz hochgeladen werden können, muss daheim ein Computerarbeitsplatz für jedes Kind vorhanden sein.

Eltern als Hilfslehrer

Viele Eltern kennen schon aus der normalen Schulzeit zermürbende Hausaufgaben-Diskussionen. Im Homeschooling stellt sich dazu noch die Frage, wann genau die Kinder ihre Übungen machen müssen, und ob die Eltern vor dem Hochladen schon mal "Korrekturlesen" sollten. Und wann zum Ausgleich zum PC auch Freizeit und Bewegung nötig sind.

Auch Elmar Talat-Gülman aus dem Landkreis Schweinfurt, alleinerziehender Vater eines 13-Jährigen, fühlt sich überfordert:

"Das ist ein Problem, weil das sehr, sehr anstrengend ist, denn ich bin kein Lehrer, um das ganz klar zu sagen." Elmar Talat-Gülman, Vater, Sennfeld

Dazu kommt: Nicht alle Eltern können die Fragen ihrer Kinder zum Stoffgebiet beantworten. Manche kennen die Lerninhalte ihrer Kinder nicht mehr aus der eigenen Schulzeit. Was ist ein Trapez – wie funktioniert das Periodensystem, wo finde ich ergänzende Informationen zum Informatikunterricht? Warum hat der Lehrer hier einen Fehler angestrichen? Was Schülerinnen und Schüler überfordert, können auch ihre Eltern nicht immer lösen. Es kommt deshalb gerade im Homeschooling auf das Feedback und die Erreichbarkeit der Lehrkräfte an.

Vernetzung und Best Practice Beispiele

Vielen Schulen sind die Schwierigkeiten in der Coronakrise bewußt:

"Eltern, die im Homeoffice sitzen, haben überhaupt keine Chance, sich um ihre Kinder zu kümmern, die mit Arbeitsaufträgen vollbombardiert sind. Und gleichzeitig gibt es keine Tagesstruktur.“ Bernd Beisse, Vorstand Jenaplan Gymnasium Nürnberg

Trotz dieser grundsätzlichen Kritik: Das Lehrkollegium vom Jenaplan Gymnasium Nürnberg hat aktuell den Eindruck gewonnen, dass Homeschooling auch gut funktionieren kann. Auf ihre digitalen Angebote haben sie von den Eltern und Schülern positive Reaktionen erhalten und wollen ihre Erfahrungen deshalb teilen.

Sie streamen und stellen ihren Unterricht online, um andere Lehrerinnen und Lehrer zu inspirieren und wollen so dazu beitragen, dass in Corona-Zeiten die digitale Schule zu einem Erfolgsmodell wird.

Auch der BR bietet über die Mediathek die Onlineangebote

* "Schule daheim" und

* alphalernen.de

Videoinhalte zum Abrufen und Lernen.

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© dpa

Symbolbild: Schüler mit Unterrichtseinheit auf einem Tablet