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Schock-Plakate an Straßen: Bringt das was? | BR24

© dpa-Bildfunk/Holger Hollemann

Warnplakat der Aktion "tipp tipp tot"

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    Schock-Plakate an Straßen: Bringt das was?

    An vielen Autobahnen stehen derzeit wieder Schock-Plakate. Sie mahnen, das Smartphone während der Fahrt nicht zu benutzen. Denn noch immer unterschätzen viele Menschen das Risiko – obwohl die Unfallgefahr durch die Nutzung deutlich steigt.

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    Wer auf der Raststätte Fürholzen an der A9 im Münchner Norden Pause macht, der kann das Plakat nicht übersehen: "Tipp tipp tot", steht darauf, dazu ein Foto mit von zwei jungen Frauen und einem kaputten Smartphone. Mehrere Meter groß, direkt am Parkplatz, wo alle Fahrer ihre Autos abstellen.

    Einige von ihnen bleiben stehen, mustern das Plakat. "Erschreckend", sagt eine Frau, die gerade mit ihrem Hund Gassi geht, "weil das Handy am Steuer einfach nichts zu suchen hat". Ein Geschäftsmann, der gerade eine Zigarette raucht, ist weniger überzeugt: "Man sieht es und nimmt es hin, aber denkt nicht weiter darüber nach."

    Schon eine Sekunde kann über Unfall entscheiden

    Das Plakat auf der Raststätte gehört zur jährlichen Kampagne "Runter vom Gas", rund 700 davon hängen dieser Tage entlang der deutschen Autobahnen. Dahinter stehen Bundesverkehrsministerium und Deutscher Verkehrssicherheitsrat. Deren Geschäftsführerin Ute Hammer ist sich sicher, dass die Aufklärungsarbeit zum Thema Smartphone am Steuer mit jedem Jahr wichtiger wird.

    "Viele kennen die Gefahr, aber gleichzeitig denken die meisten: Mir passiert so etwas nicht, ich habe ja alles im Griff", erklärt Hammer. Schon eine Sekunde lang auf das Smartphone zu schauen, kann gravierende Folgen haben. Denn bei 50 Kilometern pro Stunde fährt das Auto in dieser Zeit rund 14 Meter weiter, ohne dass der Fahrer die Straße im Blick hat.

    Bei 130 Kilometern pro Stunde, also der Standard-Geschwindigkeit auf Autobahnen, sind es bereits fast 40 Meter. Taucht dann plötzlich ein Hindernis auf oder bremst der Vordermann abrupt ab, reicht die Zeit oft nicht mehr, um noch rechtzeitig zu reagieren. Wie viele solcher Unfälle wegen Smartphone-Nutzern passieren, erfasst keine Statistik. Doch US-Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass schon der bloße Griff zum Handy die Unfallgefahr um das Fünffache erhöht.

    Sachliche Plakate wirken bei Fahranfängern besser

    Bei ihren Abschreckungsplakaten setzt die deutsche Politik auf sachlich-nüchterne Botschaften. Im Ausland, etwa in Spanien, sind die Motive deutlich blutiger und schockierender. Einen Königsweg gibt es bei der Wahl der Motive laut Rüdiger Trimpop aber nicht. "Wir haben eine sehr gemischte Zielgruppe auf der Straße. Bei Fahranfängern wirken zum Beispiel sachlichere Plakate besser, auf der anderen Seite können schockierende aber auch emotional aufrütteln", erklärt der Verkehrspsychologe der Universität Jena. Er empfiehlt deshalb, die Gestaltung regelmäßig zu variieren.

    Auch deshalb überprüft der Deutsche Verkehrssicherheitsrat seine Kampagnen regelmäßig – beispielsweise mit Online-Bewertungen oder mit Umfragen auf Raststätten, teilweise sogar tiefenpsychologisch. Eines der erfolgreichsten Motive vor einigen Jahren seien die Geier gewesen, erzählt Geschäftsführerin Hammer. Die Vögel saßen auf einem Ast, darunter die Zeile: "Hallo Raser, wir warten."

    Allerdings sind der Auswahl auch Grenzen gesetzt: "Wenn wir uns von Jahr zu Jahr steigern, stumpfen die Menschen irgendwann ab", so Hammer. Und: Keine Studie oder Befragung kann exakt feststellen, ob sich die Unfallzahl wegen der Plakate verändert hat oder welche Faktoren dabei sonst noch eine Rolle gespielt haben.

    Aufklärungsarbeit wäre auch für autonomes Fahren wichtig

    Verkehrspsychologe Trimpop bewertet die Kampagne als nützlich, fordert aber zugleich noch mehr Engagement. Er sieht die Politik in der Pflicht, weitaus mehr Geld für solche Aufklärungsarbeit bereitzustellen und sie um andere Bereiche zu erweitern.

    Etwa um das autonome Fahren: "In teil-automatisierten Fahrzeugen machen die Leute sofort zig Nebentätigkeiten", sagt Trimpop. "Auch hierzu müsste es dringend Schulungen geben." In seinen Augen sollten deshalb nicht nur Fördergelder in die Entwicklung der Technik fließen, sondern auch in entsprechende Fortbildungen.