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Nach dem 2. Weltkrieg wurden die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie u.a. Polen zuerkannt. Millionen Deutsche mussten Schlesien verlassen. Fünf Jahre nach dem Krieg gründeten sie einen Vertriebenenverband, die Landsmannschaft Schlesien.

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Schlesier in Sorge: Brauchtumspflege leidet unter Corona

Die Corona-Beschränkungen erschweren auch den Heimatvertriebenen die Brauchtumspflege. Singen und Tanz sind nicht wie gewohnt möglich. Den Festakt zu ihrem 70-jährigen Bestehen lässt sich die schlesische Landsmannschaft trotzdem nicht nehmen.

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Von
  • Julia Ley

Es ist ja nicht so, dass der Vertriebenenverband der Schlesier vor Corona keine Probleme gehabt hätte: "Wenn man um die 60 ist, gehört man bei uns noch zur jungen Generation", sagt Hans-Ulrich Moll, Leiter einer der Münchner Kulturgruppen der Schlesier. Er schmunzelt zwar, meint es aber durchaus ernst. Denn die Schlesier haben ein Nachwuchs-Problem.

Jüngeren fehlt oft Bezug zur "alten Heimat"

In seiner Trachtengruppe etwa, sagt Moll, der die Münchner "Riesengebirgs-Trachtengruppe" leitet, seien die meisten Mitglieder zwischen 40 und 70 Jahre alt. Von 75 Personen sind nur etwa zehn jünger als 25. Als Grund dafür macht er die fehlende Verbindung zu Heimat und Brauchtum der Vorfahren aus. Wer nicht mehr selbst in Schlesien geboren ist, dem fehle oft der Bezug: "Manche Eltern haben es auch versäumt, die Kinder zu sensibilisieren." Bei Moll selbst war das anders. Auch er ist zwar in München geboren; seine Mutter, eine gebürtige Schlesierin, habe aber stets die schlesische Kultur gepflegt.

Und nun auch noch Corona: Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und Hygienemaßnahmen haben das Zusammenkommen schwierig gemacht. Die Pandemie habe den Schlesiern "den Dolchstoß versetzt", sagt Christian Kuznik, Landesvorsitzender der Landsmannschaft in Bayern, am Telefon.

Viele Mitglieder in der sogenannten Risikogruppe

Ganz so drastisch will es Moll, der auch Leiter der Münchner Trachtengruppen ist, nicht formulieren – aber ja, einfach sei es nicht. Normalerweise treffe sich seine Gruppe einmal wöchentlich in einem Münchner Freizeittreff. Dort wird getanzt, musiziert, schlesische Tracht getragen und gemeinsam der Heimat gedacht.

Die persönlichen Bindungen der aktiven Schlesier seien eng, auch Hochzeiten, Geburtstage und Geburten würden oft zusammengefeiert, erzählt Kuznik. Vieles davon – insbesondere Paartanz und Gesang – sei nun aufgrund der Abstandsregeln nicht mehr möglich, teilweise aber auch gar nicht gewollt: Denn viele der Mitglieder gehören der Risikogruppe an.

Heuer 70. Gründungsjubiläum der Landsmannschaft

An diesem Samstag werden die Schlesier dennoch wieder einmal in großer Runde zusammenkommen. Es ist das 70. Gründungsjubiläum der "Landsmannschaft Schlesien, Nieder- und Oberschlesien", wie der Vertriebenen-Verein in formaler Gänze heißt. Beim Festakt, der am Nachmittag im Sudetendeutschen Haus in München stattfindet, sind auch Tanzeinlagen geplant – allerdings unter Wahrung strenger Auflagen: nur ein fester Tanzpartner, keine Partnerwechsel und 1,50-Meter Abstand zwischen den Paaren, zählt Moll am Telefon auf.

Auch mehrere Festredner haben sich angekündigt, um die lange und wechselvolle Geschichte der Schlesier in Bayern zu ehren. Geplant ist unter anderem ein Redebeitrag der Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner. Und auch die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Vertriebene und Aussiedler, Sylvia Stierstorfer, wird anwesend sein.

Bedeutung Schlesiens vielen nicht mehr bewusst

Es ist diese Art von politischer Aufmerksamkeit, die die Schlesier oft vermissen. Es gehe ihnen heute nicht mehr darum, in die Heimat zurückzuwollen - oder gar Gebiete zurückzufordern, betonen sowohl Moll als auch Kuznik. Im Gegenteil: Die Schlesier hätten als erster Vertriebenenverband die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" unterschrieben, mit der die Vertriebenen 1950 auf Rache und Vergeltung verzichteten und die neuen Landesgrenzen anerkannten.

Aber es wäre doch schön, wenn die Politik sich aktiver für den Erhalt der schlesischen Kultur und des Brauchtums in Deutschland einsetzen würde, sagt Kuznik. Auch wüssten viele Deutsche heute kaum noch etwas über die bedeutende Rolle Schlesiens in der deutschen Geschichte – etwa, dass hier "die deutsche Dichtung geboren wurde" und eine der ersten deutschen Dampfmaschinen entwickelt wurde.

Schlesier wollen auch an ihre Vertreibung erinnern

Erklärtes Ziel der Schlesier ist es, auch an die leidvolle Geschichte der Vertreibung der Schlesier zu erinnern: Auf der Flucht vor der Roten Armee oder vor den Polen gelangten zwischen 1945 und 1950 mehr als 3,5 Millionen Schlesier nach Deutschland. Allein in Bayern lebten im Jahr 1950 rund 500.000 Schlesier, viele davon in Landshut. Die Schlesier stellten damit nach dem Zweiten Weltkrieg die größte Vertriebenengruppe in Deutschland. Doch auch nach dem Ende des Krieges riss der Strom der Aussiedler nicht ab. Bis in die späten 1980er-Jahre hinein kamen noch Deutschstämmige aus dem ehemaligen Schlesien nach Deutschland.

Dafür Sorge zu tragen, dass dieser Teil deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit gerate, sollte nicht nur Aufgabe der Schlesier sein, findet Kuznik. Denn: "Erinnerungskultur ist eine gesamtdeutsche Angelegenheit."

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