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Scheuer lehnt Pflicht-Fahrtests für Senioren ab | BR24

© Patrick Bleul / dpa

Symbolbild: Hand einer älteren Frau am Zündschlüssel

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Scheuer lehnt Pflicht-Fahrtests für Senioren ab

Wenn ein 97-Jähriger wie Prinz Philip einen Unfall baut, sorgt das für Schlagzeilen - und für die Frage: Sollen Senioren verpflichtend ihre Fahrfähigkeiten testen lassen? Der ADAC und der Bundesverkehrsminister sehen keinen Handlungsbedarf.

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17. Januar: Prinz Philip (97) rammt mit seinem 340-PS-Land Rover ein anderes Auto. Heiligabend 2018: Ein 81-Jähriger rauscht in eine Donauwörther Bäckerei, weil sein Fuß statt der Bremse das Gaspedal erwischt hat. 10. Dezember: Eine 76-Jährige verursacht eine Kollision - Folge: eine Fehlgeburt. Es sind Schlagzeilen wie diese, die die Debatte um verpflichtende Fahrtests für Senioren gerade wieder aufleben lassen. Die Forderung ist inzwischen fast so alt wie die Fahrer, um die es geht.

Scheuer: "Mit mir nicht!"

Die Antwort der Politik war bisher immer dieselbe, und auch der aktuelle Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) machte jetzt klar, dass es Verkehrstests für Senioren mit ihm nicht geben werde.

"Aus der Unfallstatistik ergeben sich keine Auffälligkeiten. Unfälle können einem 21 Jahre alten Fahrer genauso passieren wie einer 81 Jahre alten Fahrerin." Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zur Funke-Mediengruppe

Zustimmung für Scheuers ablehnende Haltung kommt vom ADAC. Menschen ab 65 Jahren verursachten etwa 16 Prozent der Unfälle mit Verletzten, obwohl sie 21 Prozent der Bevölkerung ausmachten, so der ADAC. Ältere Autofahrer verhielten sich im Straßenverkehr in aller Regel vorsichtig, eher defensiv und vorausschauend.

Was die Statistik zu Unfällen mit Senioren sagt

Tatsächlich zeigen Schlagzeilen mit verwirrten Greisen am Steuer nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Doch auch bei Statistiken kommt es darauf an, wie man sie liest. Fakt ist: Fahranfänger verursachen mehr Unfälle als ältere Menschen. Fakt ist aber auch: Bei über 75-jährigen Autofahrern ist das Unfallrisiko doppelt so hoch wie in der Altersgruppe 30 bis 60 Jahre. Und die fortschreitende demografische Entwicklung sorgt dafür, dass die betreffende Altersgruppe, aus der bisher fünf Millionen Autofahrer kommen, kontinuierlich anwächst.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), weist noch auf eine andere Tatsache hin:

"Wenn Senioren über 75 Jahre in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu rund 75 Prozent selbst verursacht." Siegfried Brockmann, UDV

Wichtiger Grund: Senioren schätzen den Wert ihrer oft jahrzehntelangen Fahrpraxis höher ein als die Probleme, die sich aus dem Nachlassen von Reaktionsgeschwindigkeit, Seh- und Hörvermögen ergeben. Manchmal zu hoch.

Lappen weg im Alter: In Deutschland ein Tabuthema

Neuland sind Pflichttests für Senioren am Steuer nicht. In Schweden, Großbritannien oder Griechenland müssen Autofahrer über 70 alle drei Jahre zum Check, in Italien, Spanien, der Schweiz, Finnland und Dänemark alle zwei Jahre. Kommen Fahrprobleme ans Tageslicht, müssen die Senioren unter Umständen ihren "Lappen" abgeben.

Bei uns hingegen ist eine solche Zwangsmaßnahme selbst bei Demenz oder nach schweren Unfällen hochbetagter Fahrer extrem selten. Im Autoland Deutschland empfinden viele den Führerscheinentzug als unzumutbare Form der Freiheitsberaubung.

© BR

Immer wieder verursachen Senioren schwere Autounfälle. Doch der Führerschein gilt "lebenslang", ohne Nachprüfung. Und das selbst, wenn die Behörden davor gewarnt werden, dass jemand fahrunfähig ist. Ein lebensgefährliches Verkehrsrisiko

Freiwillige Tests als Königsweg?

Der Deutsche Verkehrstag in Goslar hat sich zuletzt für Seniorenfahrtests und Auffrischungskurse ausgesprochen - allerdings: nur auf freiwilliger Basis. Professionelles Training ist nämlich durchaus geeignet, die Fahrsicherheit älterer Menschen zu verbessern. Eine Studie der TU Dortmund zeigte, dass Fahrstunden das Fahrniveau von Autofahrern über 70 sogar wieder auf das der Altersgruppe 40 - 50 bringen können.

Bisher ist das Interesse an Tests und Trainings allerdings stark ausbaufähig. Bei Senioren, die sich für gute Fahrer halten, stoßen entsprechende Appelle oft auf taube Ohren. Und die Maßnahmen kosten Geld.

Die Zukunft: Autonome Senioren in autonomen Autos?

Statt auf finanzielle Anreize oder andere zeitnahe Initiativen setzt Scheuer dennoch darauf, dass der technische Fortschritt das Problem lösen wird. "Dank autonomen und automatisierten Systemen" könnten Ältere so mobil bleiben - gerade auf dem Land. "Sie rufen ein autonom fahrendes Auto, können mit Freunden oder Nachbarn einsteigen und sich zu Apotheke oder Supermarkt bringen lassen. Das wird bald Realität werden und ist die größte Chance, um gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen", so der Verkehrsminister.