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Schengen ade? Wie Corona Grenzen schafft | BR24

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Gesperrter Weg an der deutsch-französischen Grenze

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    Schengen ade? Wie Corona Grenzen schafft

    Immer wieder wird die Freizügigkeit von Menschen im Schengen-Raum durch Corona-Maßnahmen eingeschränkt. Für die Grenzregionen hat das Folgen, gewachsene Beziehungen werden gestört, alte Ressentiments erhalten neue Nahrung.

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    Von
    • Susanne Betz

    Am Mittwoch wurden zwischen Bayern und Tirol, das als Virusvariantengebiet eingestuft gewesen war, die Grenzkontrollen wieder aufgehoben. An den Übergängen zu Tschechien wurden sie dagegen verlängert. Neue alten Grenzen also, wo seit dem Schengen-Abkommen unbehindertes Reisen Normalität war.

    Trauma der Grenzschließung

    Am 16. März vergangenen Jahres beschloss Deutschland einseitig, die Grenze zu Frankreich zu schließen. Bis heute ist ein Trauma geblieben. Der Bürgermeister der saarländischen Gemeinde Gersheim, der selbst einen französisch-deutschen Familienhintergrund hat, ist bis heute erschüttert.

    "Ich musste zuschauen, wie deutsche Arbeiter Barrikaden an der Grenze aufstellten, das tat weh. Weil es exakt auf den Tag 25 Jahre her war, nachdem wir den Schlagbaum zersägt hatten." Michael Clivot, Bürgermeister von Gersheim

    Dabei waren die Regionen diesseits und jenseits der Grenzen längst zusammengewachsen, Völkerverständigung im Alltag funktionierte: Es gibt deutsch-französische Karnevals- und Fußballvereine, viele binationale Familien, gemeinsame Schulen, Handwerker arbeiten diesseits und jenseits.

    Steinwürfe auf Pendler

    Deutsche haben Häuser auf französischer Seite gebaut, weil der Grund dort preiswerter ist, Franzosen kaufen in den preiswerteren deutschen Supermärkten ein. Während der Grenzschließung wurden plötzlich Autos mit dem jeweils anderen Kennzeichen mit Steinen beworfen und Pendler denunziert. Jeanne Barseghian, die Bürgermeisterin von Straßburg, durfte ihren Lebenspartner zwei Monate lang nicht sehen, weil er Deutscher ist. Ausnahmeregelungen galten nur für verheiratete Paare. Die Auswirkung auf die Bevölkerung insgesamt sei brutal gewesen, sagt sie.

    "Mit einem Mal waren wir entzweit." Jeanne Barseghian, Bürgermeisterin von Straßburg

    Kommunalpolitiker werden nicht gefragt

    Sie beklagt heute, dass Kommunalpolitiker bei solchen folgenreichen Entscheidungen nicht einbezogen werden. Derzeit gilt in Straßburg eine Ausgangssperre ab 18 Uhr, in Kehl keine mehr. Dafür müssen dort FFP2-Masken in Geschäften und Büros benutzt werden, auf der linksrheinischen Seite reichen Stoffmasken, die müssen allerdings überall getragen werden. Barseghians Forderung: Grenzregionen müssen in Corona-Zeiten als einheitliche Gebiete betrachtet und die Maßnahmen gegen das Virus auf beiden Seiten harmonisiert werden.

    Schengen-Abkommen garantiert Freizügigkeit

    Das Schengen-Abkommen vom Juni 1985 ist ein Grundpfeiler der EU als Raum der Freizügigkeit. Den über 400 Millionen Einwohnern dieses Raums war garantiert, sich ohne Grenzkontrollen bewegen zu können. Auch Polen ist dem Schengen-Abkommen beigetreten. An der Brücke, die die Stadt Frankfurt an der Oder mit der Stadt Slubice gleich auf der anderen Seite des Flusses verbindet, steht ein großes weißes Zelt. In dem müssen sich alle testen lassen, die nach Deutschland wollen. Ebenso wie Frankreich wurde auch Polen zum Hochinzidenzgebiet erklärt

    Wachsen wieder Ressentiments?

    In Frankfurt gibt es die explizit nationenübergreifende Europa-Universität Viadrina. Dort lehrt Professor Timm Beichelt European Studies. Was also sagt der Wissenschaftler zu Grenzkontrollen oder gar Grenzschließungen in Pandemiezeiten? Prinzipiell hält Beichelt das für ein wichtiges Instrument zur Eindämmung der Pandemie. Aber er sieht auch die Gefahren. Er hat nämlich den Eindruck, dass der nationalkonservativen polnischen Regierung die Grenzschließungen ganz Recht kamen, um die Völkerverständigung auszubremsen.

    "Jetzt fallen sich auf einmal der polnische Bürgermeister und der von Frankfurt an der Oder in die Arme. Nicht nur weil sie sich vier bis sechs Wochen nicht gesehen haben, sondern weil sie gemerkt haben, dass sie auf der lokalen Ebene etwas reparieren können, was in den Hauptstädten fast mutwillig beschädigt wurde." Timm Beichelt, Europa-Universität Viadrina

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