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Schausteller und Corona: Ein Berufsstand kurz vor dem Ruin | BR24

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Keine Wiesn: Porträt einer Schaustellerfamlie

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Schausteller und Corona: Ein Berufsstand kurz vor dem Ruin

Seit Monaten haben Schausteller keine Einnahmen mehr. Dass auch das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde, ist für die Betroffenen ein Albtraum. Je länger sie nicht arbeiten dürfen, desto mehr fühlen sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.

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"Sobald die Sonne da richtig rauskommt und strahlt, dann werden unsere Wohnwägen rausgeholt, dann werden unsere Wohnwägen geputzt. Und dann will man eigentlich los als Schausteller auf die Reise." Johannes Braun, Schausteller

Auf die Reise aber kann Johannes Braun nicht gehen. Seit einem halben Jahr hat der Schausteller nun schon nicht mehr auf Volksfesten gearbeitet. Ende Mai besuchen wir ihn auf seinem Hof: Lkw, Anhänger, die Wohnwagen für Familie und Angestellte, das Kinderkarussell - alles steht still. "Wir wollen uns nicht daheim hinsetzen. Wir wollen unserem Beruf nachgehen. Wir wollen Geld verdienen. Und wenn man das dann nicht darf, das ist schon echt hart."

Eigentlich war der Schausteller Braun auf 22 Festplätzen gebucht

Eigentlich hätte seine Tournee mit dem Nürnberger Frühlingsfest an Ostern begonnen. Bis zum Saisonende im Herbst war er auf 22 Festplätzen gebucht. In die Schaustellerei sei er hineingeboren worden, sagt der 39-Jährige: "Ich bin die siebte Generation in meiner Familie. Wir sind Schausteller, wir arbeiten nicht nebenbei beim Bäcker oder bei der Bank. Wir haben kein zweites Standbein, wir haben nur unseren Beruf".

Auf den Volksfesten sind Johannes Braun und seine Familie nicht nur für ihr Kinderkarussell bekannt, sondern auch für ihren traditionellen und nostalgischen Süßwarenstand. Den führt seine Frau Sabrina. "Wir waren immer fleißig, haben immer gearbeitet, von früh bis in die Nacht hinein. Und das haben wir auch gerne gemacht." Was Sabrina Braun traurig macht, ist, wenn sie hört, dass man auf Schausteller verzichten könne. "Wir bringen den Kindern die Freude in die Augen. Und jetzt hat da einfach einer einen Stopp reingemacht, und das ist ganz schrecklich."

Die Absage aller Großveranstaltungen ist eine Katastrophe

Die Absage aller Großveranstaltungen ist für die Familie ein wirtschaftlicher Totalausfall. Den Süßwarenstand haben sie erst im Winter aufwendig restaurieren lassen – alles für die diesjährige Saison. "Die Engel, die sind alle neu bemalt worden, alles mit dem Pinsel, alles mit der Hand."

Immerhin: Im Frühjahr konnte Johannes Braun doch noch ein paar Mandeln und Schokofrüchte an die Leute bringen. Auf Stadtplätzen im Bayerischen Wald durfte er an vereinzelten Tagen seinen Stand aufbauen. Und im Sommer kommt die erlösende Nachricht: An vielen Plätzen in der Nürnberger Innenstadt dürfen Schausteller ihre Fahrgeschäfte und Buden aufbauen. Auch Johannes Braun ist dabei mit Autoscooter und Kinderkarussell. Das sei zwar kein Vergleich mit dem Volksfest, sagt Johannes Braun, aber es ist ein Hoffnungsschimmer, und die Nürnberger Sommertage sind ein kleiner Ausgleich für eine verlorene Saison.

💡 Der Beruf der Schausteller in Zeiten von Corona

Mit ihren Fahr- und Spielgeschäften, Imbissen und Süßwarenläden gestalten Schausteller Märkte und Feste. Rund 900 Schaustellerfamilien gibt es in Bayern, hinzu kommen knapp 3.000 Marktkaufleute, auf 10.000 Volksfesten sind sie jährlich unterwegs. Eine ganze Saison ohne Volksfeste – für viele Schaustellerfamilien ist das ein wirtschaftlicher Totalausfall. Gleichzeitig wächst bei einigen Schaustellern der Unmut gegenüber der Politik. Denn wo in anderen Bereichen Lockerungen stattfinden, wird das Verbot von Großveranstaltungen immer wieder verlängert. Im Sommer konnten einige Schausteller zwar ihre Buden und Fahrgeschäfte dezentral in vielen bayerischen Städten aufbauen, doch der Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes der Marktkaufleute und Schausteller, Wenzel Bradac, nennt das einen Tropfen auf den heißen Stein: Nicht alle Kollegen konnten teilnehmen und solche Programme würden die großen Volksfeste auch nicht ersetzen.

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