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Schäden durch Elektromobilität: Rettet das E-Auto die Umwelt? | BR24

© dpa-Bildfunk/Hendrik Schmidt

Elektromobilität

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    Schäden durch Elektromobilität: Rettet das E-Auto die Umwelt?

    Deutschland droht am Straßenverkehr zu ersticken. Derzeit setzt die Politik auf die Elektro-Mobilität für eine ökologische Verkehrswende. Aber sind E-Autos wirklich die Rettung? Oder werden dafür große Schäden im Ausland in Kauf genommen?

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    Obwohl in Deutschlands Städten dicke Luft herrscht, lehnt die Politik Fahrverbote und Tempolimits ab. Die E-Mobilität soll es richten. Für die deutsche Autoindustrie ist das ein Milliarden-Markt: Alle Hersteller haben große E-Offensiven gestartet.

    Eines steht für die Automobilkonzerne dabei fest: Ausschlaggebend für die Akzeptanz der elektrifizierten Autos ist deren Reichweite. Und die steht und fällt mit der Batterie.

    Lithium – das weiße Gold

    Der wichtigste Rohstoff für die Batterie ist Lithium. Das wird hauptsächlich in Südamerika gewonnen. Im Hochland der Anden befinden sich mehr als 60 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen, gelöst in großen unterirdischen Salzseen. Diese Seen werden in riesige Becken gepumpt, damit das Wasser verdunsten kann.

    Übrig bleibt – dank einiger hinzugefügten Chemikalien - hochkonzentriertes Lithium. Ein langwieriges Verfahren, das sich aber finanziell lohnt. Durch den enormen Bedarf hat sich der Lithiumpreis in den letzten Jahren zwischenzeitlich versiebenfacht. Investoren nennen Lithium mittlerweile nur noch "das weiße Gold“.

    Für diese Goldgräberstimmung muss jedoch ein enormer Preis bezahlt werden: ohnehin sehr trockene Landstriche verdörren, denn für die Produktion brauchen die Bergbau-Konzerne viele Millionen Liter Süßwasser. Ganze Quellen versiegen, Flüsse werden zu Rinnsalen, Landwirtschaft wird unmöglich.

    "Für eine Tonne Lithium verdunsten zwei Millionen Liter Wasser. Und das Problem ist, dass das Ganze in einer extrem trockenen Region stattfindet und auf Dauer zu einer Austrocknung der Region führen wird." Sarah Lincoln, Brot für die Welt

    Außerdem werden die eingesetzten Chemikalien als giftiger Staub vom Wind abgetragen und beeinträchtigen Mensch und Tier in der Umgebung. Die Bewohner von 33 Dörfern stellen sich mittlerweile vehement gegen den Lithium-Bergbau. Doch sie sind machtlos: Formal gehört der hier lebenden indigenen Bevölkerung das Land nicht, sondern der Regierung. Und die veräußert immer mehr davon. Denn der Bedarf an Lithium ist riesig und wird immer größer.

    "Wir gehen davon aus, dass sich der weltweite Bedarf an Batteriezellen in den nächsten elf Jahren mehr als verzehnfachen wird." Peter Altmaier, Bundeswirtschaftsminister (CDU)

    Ein weiterer Faktor: Derzeit werden fast alle Batteriezellen für deutsche E-Autos in China oder Südkorea produziert. Der benötigte Strom hierfür stammt größtenteils aus Kohlekraftwerken. Und es wird enorm viel Energie benötigt: Das schwedische IVL-Institut hat errechnet, dass pro Kilowattstunde Batterieleistung in der Produktion zwischen 150 und 200 Kilogramm CO2 freigesetzt werden.

    Rechnung geht häufig nicht auf

    Am Ende geht die Rechnung also bei dem derzeit verfolgten Weg nur schwer auf: Für ein Elektroauto mit einer rund 100 Kilowattstunden großen Batterie wurden schon vor dem ersten Losfahren 17 Tonnen CO2 in die Luft geblasen. Ein Mittelklasseauto mit Verbrennungsmotor war da bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 6 Litern schon über 100.000 Kilometer unterwegs. Die massiven Umweltbelastungen beim Lithiumabbau, der Verarbeitung von Kupfer, Kobalt und anderen schwer zu gewinnenden Rohstoffen sind in dieser Rechnung noch gar nicht berücksichtigt.

    "Früher haben wir das Erdöl irgendwo hergeholt und die Umweltschäden dort eben akzeptiert, da haben wir uns nicht drum gekümmert. Und jetzt ist es eben der Stoff Lithium. Im Grunde genommen wollen wir gar nichts hören davon, was für Schäden wir mit der Art und Weise, wie wir uns in Europa oder in Nordamerika und vielen anderen Staaten eigentlich bewegen - was wir da anrichten." Harald Lesch, Professor für Physik

    Ökologischer Unsinn?

    Ökologisch gesehen ist der Trend der Autobauer zu Elektro-Autos mit immer größerer Reichweite also nach Ansicht von Experten fragwürdig. Für eine ökologisch sinnvolle Verkehrswende braucht es neue Denkweisen. Denn richtig eingesetzt - also in E-Bussen oder Taxis, mit vielen Kilometern pro Jahr oder hohen Passagierzahlen - können E-Autos trotz ihrer Nachteile bei der Herstellung ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

    Ganz ohne private Autos wird es wohl nicht gehen. Doch um den Umweltschaden zu begrenzen, sollten diese möglichst klein sein. Das hat in der Klimabilanz Vorteile: Der E-Kleinwagen mit rund 100 Kilometern Reichweite erreicht schon nach etwas mehr als 25.000 Kilometern einen Klimavorteil gegenüber einem herkömmlichen Auto. Und 100 Kilometer Reichweite reicht für die meisten Kunden aus - das hat erst im Dezember eine Studie des Verkehrsministeriums belegt.

    Eine weitere Chance, die Ökobilanz von Elektroautos zu verbessern, ist Recycling: Im belgischen Antwerpen steht eine Pilotanlage, die im Industriemaßstab Batterierohstoffe zurückgewinnen kann. Derzeit liegt die Recyclingrate bei Kobalt, Nickel und Kupfer bei 95 Prozent, bei Lithium wird heute schon 50 Prozent zurückgewonnen – eine deutliche Steigerung dieser Rate wird als möglich angesehen.

    Und die Politik?

    Die Politik fördert den Umstieg auf die E-Mobilität: es gibt Umweltprämien, Steuervorteile, kostenlose Parkplätze und staatliche Forschungsgelder – alles bereits vor zehn Jahren festgeschrieben im "Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“. Es tun sich aber deutliche Lücken auf. Beispielsweise fehlt eine klare gesetzliche Regelung für Batterien: Die aktuelle wurde vor 13 Jahren von der EU verabschiedet und ist so veraltet, dass darin Lithium-Ionen-Batterien nicht einmal aufgeführt sind. Dabei dominieren diese die Akku-Technologie.

    "In Deutschland ist Politik vor allen Dingen Wirtschaftspolitik. Und da werden alle möglichen menschlichen Tragödien, Umweltkatastrophen, irgendwelche Einschränkungen, die woanders stattfinden, die werden einfach weggedrückt.“ Harald Lesch, Professor für Physik
    "Wir fördern im Moment die Einführung von Elektromobilität. Und ich glaube, dass das wichtig ist, dass wir Fahrzeuge haben, die auf die Wünsche der Kundinnen und Kunden passen. Und nicht Fahrzeuge, die vielleicht nach irgendwelchen Studien super klasse sind, die aber keiner kauft.“ Svenja Schulze, Bundesumweltministerin (SPD)

    Weg vom Individualverkehr

    In einem Punkt sind sich zumindest alle Experten einig: Der effizienteste Weg, Mobilität umweltfreundlicher zu gestalten, ist, den Individualverkehr zu reduzieren und den öffentlichen Nahverkehr zu stärken. Wie das funktionieren kann, zeigt ein Beispiel im litauischen Vilnius. Seit September 2017 hat Vilnius eine der fortschrittlichsten Mobilitäts-Apps der Welt, mit der man problemlos ohne privaten PKW durch die Stadt kommt.

    Kernstück der App ist eine Echtzeitkarte, die die aktuellen Positionen von Bussen, Bahnen und Taxis auf wenige Meter genau anzeigt. Dazu kommen die Park-Positionen von Carsharing- Autos und Leihfahrrädern. Das Ganze ist so erfolgreich, dass auch die Berliner Verkehrsbetriebe die App in diesem Jahr einführen.