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Kapitalismus und Verantwortung - wie wollen wir wirtschaften? | BR24

© picture alliance / Tobias Hase

Menschen in der Kaufingerstraße in München (Symbolbild)

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    Kapitalismus und Verantwortung - wie wollen wir wirtschaften?

    Wie wollen wir als Gesellschaft leben? Jeder für sich gegen alle? Oder mit einem gemeinsamen Ganzen im Blick? Soll es immer mehr sein - oder immer besser? Welchen Werten folgen wir? Ein Blick auf verschiedene Ansichten.

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    Über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus bekannt ist das Café Ruffini in München - ein genossenschaftliches Kollektiv, dass schon seit 40 Jahren beweist, dass Utopien manchmal doch funktionieren. Jeder, der dort mitarbeitet, darf auch mitbestimmen. Es ist Gemeinschaftsprojekt und Gemeinschaftseigentum.

    "Von den 26 Gesellschaftern hat jeder eine Einlage von ehemalig 10.000 Mark, das heißt heute ein bisschen über 5.000 Euro, hier drin. Wenn einer rausgeht und ein anderer rein, übergibt er dem seinen Anteil sozusagen. Und natürlich darf hier niemand als Gesellschafter arbeiten, ohne dass er Anteile hat bei uns, und es darf auch niemand hier Anteile halten, ohne dass er hier arbeitet." Helmut Maier, Ruffini-Gesellschafter

    "Alle Löhne sind erst einmal gleich"

    Das hierarchielose, gleichberechtigte Arbeiten spiegelt sich auch im Gehalt wider: "Alle Löhne sind erst einmal gleich und werden nur mit jedem Jahr der Betriebszugehörigkeit minimal erhöht", erklärt Maier. Vom Gesellschafter bis zur Reinigungskraft seien im Ruffini außerdem alle voll angestellt und sozialversichert. Die Lohnkosten ihres Betriebs seien dementsprechend höher. Trotzdem sei der Arbeitsplatz auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten sicher, betont Maier.

    "Bei BMW gibt es ja auch selbstständig arbeitende Teams, die kriegen einen Input und einen Output, und wenn die weniger als - sagen wir mal - elf Prozent Rendite abwerfen, dann macht man halt die Abteilung zu oder gliedert sie aus - hier gerade wieder bei Siemens passiert, leider. Und bei uns ist es halt so: Wir schnallen in solchen Situationen – gab es auch schon – den Gürtel enger, und dann verdienen alle weniger, und man trägt es solidarisch. Da ist bei uns noch niemand entlassen worden."

    "Soziale Marktwirtschaft ist ein Erfolgsmodell"

    Eine real gelebte Utopie, so empfinden es die Mitarbeiter im Ruffini, die aber eine Ausnahme ist.

    Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), glaubt, dass das Modell des Kollektivs nicht auf ganze Gesellschaften übertragbar ist. Nicht jeder wolle eine solche Verantwortung tragen, bei vielen Menschen stünde die finanzielle Sicherheit im Vordergrund. Fratzscher hält die soziale Marktwirtschaft für ein System, das den Herausforderungen der Zukunft - wie Künstliche Intelligenz, Automatisierung oder Klimaschutz - gewachsen ist.

    "Das System der Sozialen Marktwirtschaft ist ein Erfolgsmodell. Es gibt Missbrauch, auch den riesigen Niedriglohnbereich. Aber das System an sich, der Gesellschaftsvertrag Soziale Marktwirtschaft, ist richtig. Es ist das Modell zu sagen, dass die Menschen Verantwortung übernehmen, aber wir wollen auch, dass alle eine Teilhabe haben." Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

    Allerdings, so der Chef des DIW, kranke das System momentan an einigen Fehlern, die von der Politik durch neue Regeln behoben werden müssten.

    Hat sich das System verschoben?

    Andrea Behm, Menschenrechtsanwältin und Vertreterin der Gemeinwohlökonomie, findet hingegen, dass sich das System von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einem Raubtierkapitalismus verschoben habe, und versucht, mit dem Modell der Gemeinwohlökonomie eine Antwort darauf zu finden – mit sozialen, ökologischen und demokratischen Zielsetzungen.

    "Die Gemeinwohlökonomie versucht, einen grundlegenden Wertewandel in der Wirtschaft anzustoßen, gesellschaftlich und politisch. Mein solidarisches Verhalten ist wichtig, aber genauso wichtig sind die Rahmenbedingen in Gesellschaft und Wirtschaft. Wir wollen die Wirtschaft nicht am Geld, am Finanzkapital messen, sondern am Zweck unseres Wirtschaftens. Was ist denn das Ziel des Wirtschaftens? Das ist doch die Erhöhung der Lebensqualität und das Gemeinwohl. Das Prinzip geht von Unternehmern und Unternehmerinnen aus und ist von ihnen für Unternehmer entwickelt worden." Andrea Behm, Vertreterin der Gemeinwohlökonomie