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Rutschendes Dorf Brienz – Wie lebt man mit der Gefahr? | BR24

© ARD / Mathias Zahn

Das Dorf Brienz in Graubünden ist gleich zwei Mal bedroht: Zum einen droht ein gigantischer Felssturz, zum anderen rutscht das Dorf mit beunruhigender Geschwindigkeit Richtung Tal. Die meisten Bewohner nehmen die Situation erstaunlich gelassen.

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Rutschendes Dorf Brienz – Wie lebt man mit der Gefahr?

Das Dorf Brienz in Graubünden ist gleich zweimal bedroht: Zum einen droht ein gigantischer Felssturz, zum anderen rutscht das Dorf mit beunruhigender Geschwindigkeit Richtung Tal. Die meisten Bewohner nehmen die Situation erstaunlich gelassen.

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Die Situation im schweizerischen Brienz hat sich in den letzten Jahren verschärft. Gerutscht ist das Dorf zwar schon seit Jahrzehnten, so schlimm wie jetzt war es aber noch nie. Wie das Rutschen verlangsamt werden könnte, ist völlig unklar. Die Auswirkungen sind in dem 85-Einwohner-Ort im Kanton Graubünden deutlich zu sehen: Häuser haben Risse, ein Stall kann nur noch mit Metallstützen stabil gehalten werden.

Zugleich droht ein gigantischer Felssturz, der Brienz verschütten könnte. Die Behörden überwachen das Bergmassiv und versprechen, sie könnten vor einem solchen großen Felssturz rechtzeitig warnen. Die Stimmung der Menschen im Ort schwankt zwischen Gelassenheit und Angst.

Dorfbewohnerin erzählt: Steine fallen jetzt mehr Richtung Dorf

Auf der Wiese am Ortseingang liegen einige große Felsbrocken so, als ob der Berg sie zornig in Richtung Dorf gespuckt hätte. Franziska kommt gerade von einem Spaziergang zurück und schaut besorgt hoch ins Felsmassiv. Sie lebt schon seit Jahrzehnten in Brienz. Steinbrocken sind in dieser Zeit immer mal wieder heruntergedonnert. Aber jetzt rasen mehr und größere Brocken bis kurz vors Dorf.

Vor allem nachts kann es ihr da auch schon mal mulmig werden, erzählt Franziska: "Wenn es in der Nacht rumpelt, dann sieht man nicht, wo die Steine kommen, weil die kommen jetzt schon eher Richtung Dorf. Bis da sind die nie gekommen."

Während des Interviews plötzlich ein Donnergrollen: Oben im Berg haben sich wieder Felsbrocken gelöst und stürzten mit einem dumpfen Dröhnen nach unten. Franziska gibt aber schnell Entwarnung. Es sind nur kleinere Brocken. "Wir haben das im Ohr. Wenn große kommen, dann ist das so ein tiefer Ton. Und wenn das nur so ist wie jetzt, dann schauen wir gar nicht hin."

Brienz rutscht einen Meter pro Jahr

Die Lage hat sich in wenigen Jahren stark verschlimmert. Der Hang über Brienz verschiebt sich jedes Jahr um bis zu vier Meter. Aber auch das Dorf selbst rutscht wie auf einer Platte Richtung Tal, inzwischen mit einem beunruhigenden Tempo von gut einem Meter im Jahr.

Die Folgen sind deutlich zu sehen: Der gelbe Kirchturm steht leicht schief, Häuserfassaden haben Risse. Und auch in den Häusern gibt es erhebliche Schäden, wie Mario Cavigelli erzählt. Er ist als Regierungsrat beim Kanton zuständig für Naturgefahren.

Berg wird rund um die Uhr überwacht

Er hat auch den schlimmsten Fall berechnen lassen: Millionen Kubikmeter Gestein könnten ins Tal stürzen und Brienz verschütten. Der Berg wird rund um die Uhr mit Radarmessungen überwacht. Die Behörden zeigen sich sicher, einen bevorstehenden großen Felssturz erkennen zu können. Im dramatischsten Fall würden den Bewohnern sechs Stunden bleiben, um das Dorf zu verlassen. Die Evakuierungspläne stehen und geben eine gewisse Sicherheit.

Ende der dramatischen Situation nicht in Sicht

Doch die Menschen in Brienz hätten am liebsten eine Lösung. Warum der Berg und das Dorf rutschten, wird noch untersucht. Wasser spielt aber auf jeden Fall eine wesentliche Rolle. Nach starkem Regen etwa rutscht das Gestein schneller. Eine Lösung könnte ein Stollen im Werk sein, in den das Wasser abfließt. Ob das aber überhaupt machbar wäre, ist noch völlig offen.

Wettlauf mit dem Berg

Die Brienzer werden noch einige Zeit gute Nerven brauchen, wie Daniel Albertin erklärt, der Präsident der Gemeinde Albula, zu der Brienz gehört: "Wenn man von einer Sanierung spricht, dann sprechen wir vielleicht im besten Fall, dass es immer noch vier, fünf Jahre geht, bis man mit der Sanierung beginnt. Und wenn man in dieser Ungewissheit lebt, ob es überhaupt eine Sanierung gibt, ist sie überhaupt möglich und technisch zu machen? Kommt der Berg nicht schneller, als das die Sanierung durchgeführt werden kann? Das ist natürlich für diejenigen, die oben wohnen, die dort aufgewachsen sind, eine große Herausforderung."

Leben mit der Ungewissheit

Im Dorf versuchen die Menschen irgendwie mit der Ungewissheit zu leben. Einige loben die Behörden für ihr Vorgehen. Es ist aber auch Kritik zu hören, wie von Olivier, der ein Ferienhaus in Brienz hat: "Mir persönlich geht es zu langsam. Ich hab das Gefühl, dass man Ursachenforschung betreibt und keine Sofortmaßnahmen einleitet. Und mir geht's von dem her zu langsam." Angst hat er nicht, sagt Olivier. "Ich fühle mich sicher, aber das hat damit zu tun, dass wir das Haus seit über 50 Jahren haben. Ich kenne seit 50 Jahren die Geräusche, wenn Steine runterfallen. Aber es ist so, dass sich in den letzten ein, zwei Jahren sich das Rutschen massiv verstärkt hat. Und man sieht jetzt, was im Boden passiert. Und das ist schon erschreckend."