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Russischer Corona-Impfstoff: Warum die Forschung skeptisch ist | BR24

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Russische Impfforscher

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    Russischer Corona-Impfstoff: Warum die Forschung skeptisch ist

    Als erstes Land hat Russland einen Corona-Impfstoff zugelassen. Doch Forscher warnen vor Risiken, weil wissenschaftliche Richtlinien nicht eingehalten worden seien - die sind aber unverzichtbar.

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    "Sputnik V", unter diesem Namen will Russland seinen Impfstoff vermarkten. Und damit wird deutlich, worum es dem Land - zumindest auch - ging: Sie wollten die ersten sein im Wettrennen um den Corona-Impfstoff. Wie damals in den 1950er-Jahren, als es der Sowjetunion gelang, die ganze Welt zu überraschen und als erste Nation einen künstlichen Satelliten, nämlich "Sputnik 1", ins All zu bringen. Die Rede war vom "Sputnikmoment" oder auch "Sputnikschock" - je nach Perspektive.

    Nun hat der russische Investmentfonds, der die Impfstoffentwicklung finanziert hat, eigens eine Internetseite online gestellt. Auf sputnikvaccine.com wird über das neue Mittel in sieben verschiedenen Sprachen informiert - mit aufwändiger Grafik und einem piepsenden Sound, der an das Geräusch des Sputnik-Satelliten erinnern soll. Der Chef des Investmentfonds Kirill Dmitriev sagte CNN, damals beim "Sputnikmoment" seien die Amerikaner überrascht gewesen, als sie Sputniks Piepen aus dem All hörten. "Jetzt ist es das Gleiche mit dem Impfstoff", so Dmitriev.

    Über "Gam-COVID-Vac" ist wenig bekannt

    Doch jenseits der Symbolik ist bislang wenig bekannt über den Impfstoff, den Russland nun breitflächig einsetzen will. Offiziell heißt er "Gam-COVID-Vac", entwickelt wurde er vom staatlichen Gamaleya-Institut in Moskau.

    Es handelt sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Er basiert auf einem für Menschen ungefährlichen Trägervirus. Das kann etwa ein abgeschwächtes Masern- oder Pockenvirus sein.

    Bei dem russischen Impfstoff handelt es sich um zwei unterschiedlichen Typen des Adenovirus. In dieses Virus werden spezifische Teile des Erbmaterials des neuen Coronavirus eingesetzt. Diese genetischen Informationen sind eine Art Bauplan für bestimmte Proteine des neuen Coronavirus. Und wenn dieses Erbmaterial in eine Zelle gelangt, baut der Körper sie nach, und das Immunsystem reagiert auf die fremdartigen Proteine. So soll das neue Virus abgewehrt werden.

    Dass dies funktionieren kann, ist unstrittig. Ähnliche Impfstoffe wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise gegen das Ebolavirus entwickelt. Und aktuell arbeiten etwa auch Wissenschaftler des "Deutschen Zentrums für Infektionsforschung" (DZIF) oder der Universität Oxford an Vektorimpfstoffen gegen das Coronavirus.

    Klinische Erprobung in drei Phasen

    Doch Forscher weltweit sind sich einig: Was theoretisch funktioniert, kann dennoch in der Praxis scheitern. Und jeder neue Impfstoff birgt Risiken. Deshalb gibt es klare Richtlinien, wie die Mittel vor einer Zulassung erprobt werden müssen - nämlich in klinischen Studien, aufgeteilt in drei Phasen.

    In der ersten Phase bekommen nur sehr wenige Probanden den Impfstoff. Hier wird in erster Linie danach geschaut, ob das Mittel verträglich ist und ob das Immunsystem überhaupt reagiert. In der zweiten Phase erhalten in der Regel einige Hundert Menschen den Impfstoff. Hier geht es unter anderem darum, die richtige Dosis zu finden: Wie viel des Wirkstoffs muss gespritzt werden, damit das Immunsystem einen ausreichenden Schutz aufbaut? Und wie hoch darf eine Dosis höchstens sein, um schwere Nebenwirkungen zu vermeiden?

    Am Ende folgt dann eine große Phase-3-Studie mit Tausenden oder sogar Zehntausenden Probanden. Diese werden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine erhält den Impfstoff, die andere ein Placebo. So können die Wissenschaftler nach einigen Monaten sehen, ob der Impfstoff tatsächlich wirkt - also, ob tatsächlich deutlich weniger Menschen erkrankt sind, von denen, die den Impfstoff bekommen haben, als von denen aus der Kontrollgruppe. Außerdem geht es in dieser Phase darum sicherzustellen, dass es zu keinen schweren Nebenwirkungen kommt. Dies kann man nur herausfinden, wenn entsprechend viele Menschen geimpft und beobachtet werden.

    Viele Impfstoffe scheitern in "Phase-3"

    Es gibt eine Reihe von Impfstoffen gegen verschiedene Krankheiten, die noch in den ersten beiden Phasen der klinischen Entwicklung vielversprechend waren, aber dann in Phase-3 gescheitert sind, weil sie entweder bei einigen Probanden unerwartete Nebenwirkungen verursachten oder weil sie dann doch nicht wirkten wie erhofft.

    Russland hat nun jedoch auf einen großen Teil dieser klinischen Testungen verzichtet. "Gam-Covid-Vac" wurde lediglich in zwei Varianten, in jeweils einer kleinen Studie mit je 38 Probanden überprüft. Bei ihnen soll es zu keinen schwerwiegenden Nebenwirkungen gekommen sein, und das Immunsystem der Teilnehmer soll Antikörper gebildet haben. Details dazu sind jedoch nicht bekannt, da bislang keine konkreten Ergebnisse veröffentlicht worden sind.

    Niemand kann beurteilen, ob ausreichend Antikörper gebildet werden, um eine Ansteckung oder einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern. Niemand weiß, wie hoch eine optimale Dosis wäre. Niemand kann die Frage beantworten, wie lange ein möglicher Schutz anhält. Und niemand weiß, ob nicht doch noch in einigen Fällen, schwere Nebenwirkungen auftreten. Eine Phase-3-Studie mit etwa 2.000 Probanden soll nun erst beginnen. Der Starttermin wurde für den Tag nach der Zulassung festgelegt.

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