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Rückblick 2020: Die Toten des Jahres in Bayern - Teil 1 | BR24

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Drei der vielen bayerischen Toten des Jahres 2020: Veronika Fitz, Joseph Vilsmaier und Barbara Rütting

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    Rückblick 2020: Die Toten des Jahres in Bayern - Teil 1

    "Die Hausmeisterin" Veronika Fitz, Regisseur Joseph Vilsmaier und die vom Filmset in den Landtag gewechselte Barbara Rütting: Drei von tausenden Bayern, die in diesem Jahr gestorben sind. An sie und manche andere erinnern wir hier.

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    Von
    • Michael Kubitza

    Als in China am 11. Januar eine "mysteriöse Lungenkrankheit" ihr erstes Opfer fordert, ist das in Deutschland eine Meldung unter vielen. Am 12. März stirbt der erste Bayer an dem neuen Virustyp SARS-CoV19 - ein 83-Jähriger Würzburger. Und am Horizont taucht die Ahnung auf, dass in 2020 vielleicht mehr Menschen von uns gehen könnten als üblich.

    Tatsächlich waren in diesem Jahr viele Nachrufe zu schreiben, auch unabhängig von Corona - in Bayern, in Deutschland und der Welt. Aus Bayern verschwunden sind: eine Schauspielerin mit Landtagserfahrung, eine Volkskomödiantin mit schneller Zunge und Herz für Tante-Emma-Läden, ein Bauerssohn mit leinwandgroßen Bildern im Kopf und ein zum Tierfreund konvertierter Metzgersbub, eine traurig früh verstorbene Eishockey-Nationalspielerin und eine Hundertjährige, die vor 76 Jahren nur knapp mit dem Leben davonkam.

    Um nur einige zu nennen. Bayerns Tote des Jahres 2020 - Teil 1:

    Florian Hufnagl: Der Herr der Dinge

    Die erste prominente bayerische Todesmeldung 2020 kommt am Neujahrsmorgen: Florian Hufnagl, einer der muntersten Museumsmacher Bayerns. Seine Promotion schrieb er über Gottfried von Neureuther, den Architekten der Münchner Kunstakademie - um später nach Stationen in Nürnberg und Weiden in einem ähnlich spektakulären, aber ganz neuen Münchner Gebäude Regie zu führen: der Pinakothek der Moderne. Hufnagls Leidenschaft: Design - was für ihn weit mehr war, als die Schaffung schau- und fühlbarer Konsumanreize. Sein Credo: "Schaut genau hin, denkt nach, dann seid ihr frei, ob ihr etwas wollt oder nicht."

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    Florian Ulrich Hufnagl (* 11. November 1948 † 31. Dezember 2019)

    Veronika Fitz: Hausmeisterin der feinen Zwischentöne

    Das hatte sich die Schauspielerin Veronika Fitz - immerhin Spross einer weitverzweigten bayerischen Bühnendynastie - von Anfang an so gedacht: "Sollte ich jemals berühmt werden, dann bitte ganz langsam". Und so war es. Gespielt hat sie vieles, bekannt und gefeiert wurde sie mit 51 durch ihre Hauptrolle in der BR-Serie "Die Hausmeisterin".

    Diese trennt sich anno 1987 nach 25 Jahren Ehe von ihrem leichtlebigen Mann (Helmut Fischer). Und wie Fitz diese Haidhausener Vorstadtlebenspraktikerin anlegt - selbständig, fürsorglich, eigensinnig, lakonisch - das ist so sehr Zeitgeschichte wie zeitlos. In Prien am Chiemsee ist Veronika Fitz mit 83 Jahren gestorben.

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    Veronika Fitz (* 28. März 1936 † 2. Januar 2020)

    Sophie Kratzer: Kufenheldin aus Landshut

    Trauer beim Deutschen Eishockey-Bund: Im Alter von nur 30 Jahren ist die ehemalige Eishockey-Nationalspielerin Sophie Kratzer gestorben. In ihrer Zeit als aktive Sportlerin wurde die gebürtige Landshuterin sieben Mal Deutsche Meisterin.

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    Sophie Kratzer (* 20. April 1989 in Landshut; † 13. Januar 2020 in München)

    Ferdinand Schmidt-Modrow: Der TV-Pfarrer mit dem roten Schuh

    Nur zwei Tage später der nächste viel zu frühe Tod: Schauspieler Ferdinand Schmidt-Modrow wurde nur 34 Jahre alt. Bekannt wurde er unter anderem als unkonventioneller Pfarrer in der BR-Fernsehgemeinde Lansing und durch seine Rolle in Marcus H. Rosenmüllers Trilogie "Beste Gegend", "Beste Zeit" und "Beste Chance". Kollegen sind bestürzt und würdigen ihn als Ausnahmetalent und wunderbaren Menschen.

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    Ferdinand Schmidt-Modrow (* 30. April 1985 † 15. Januar 2020)

    Joseph Hannesschläger: Der Rosenheim-Cop

    "Es gabad a Leich", meldet Sekretärin Stöckl, und schon setzt sich TV-Kommissar Hofer mit größter Gelassenheit in Bewegung. Beinahe wäre Rosenheim-Cop Joseph Hannesschläger - im wahren Leben Überzeugungs-Münchner - Koch geworden, wurde dann doch Musiker, Theaterschauspieler und bekannt als Bayern-Buddha des Vorabendfernsehens. Mit 57 verlor er den Kampf gegen den Krebs.

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    Joseph Hannesschläger (* 2. Juni 1962 † 20. Januar 2020)

    Gudrun Pausewang: Jugendbuchautorin mit Strahl(ungs)kraft

    Dass ihr Roman Anteil an einem politischen Bewusstseinswandel hat, können auch Autoren von "Erwachsenenliteratur" selten für sich in Anspruch nehmen. Die in Böhmen geborene, mit 91 Jahren nahe Bamberg verstorbene Jugendbuchautorin Gudrun Pausewang schon. Ihr kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl veröffentlichtes Jugendbuch "Die Wolke" machte vielen damals (und später) 12 bis 16-Jährigen das Unfassbare begreifbar, wurde in 16 Sprachen übersetzt und ein vielfach ausgezeichneter Bestseller. Insgesamt schrieb Pausewang rund 100 Büchern mit einer Auflage von fünf Millionen.

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    Gudrun Pausewang (* 3. März 1928 † 23. Januar 2020)

    Joseph Vilsmaier: Das Auge Bayerns

    Ein Regisseur, so viele Genres. Dabei drehte Joseph Vilsmaier erst mit knapp 50 den ersten eigenen Film. 1988 inszenierte er mit "Herbstmilch" ein ebenso schlichtes wie ergreifendes Bild vom harten Leben der niederbayerischen Bäuerin Anna Wimschneider - ein Riesenerfolg in ganz Deutschland. In manchen bayerischen Kinos lief er über ein Jahr (und tut es immer wieder). Vilsmaier selbst wuchs im ländlichen Rottal auf, sprach bairisch, die Freunde nannten ihn Sepp, er kannte "Bayern von oben" und von unten. Das Etikett des "Heimatfilmers" aber passte nicht.

    Ganz anders zum Beispiel - experimentell und hochtheatralisch - die Literaturverfilmung "Schlafes Bruder", die die Kritiker liebten oder zerfetzten und die 1995 ins Rennen um den Oscar ging. Wieder anders, nämlich beschwingt und voller Hollywood-Verve, sein Kassenschlager "Comedian Harmonists". Was man allen Vilsmaier-Filmen ansieht: Dass er vorher als Kameramann bei unzähligen Fernsehproduktionen von "Auf Achse" bis Tatort sein Hand- und Augenwerk erlernte.

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    Joseph Vilsmaier

    Sonja Ziemann: Mehr als nur "Schwarzwaldmädel"

    In den 50er-Jahren verkörperte die schneewittchenhafte Schönheit Sonja Ziemann (hier Bilder ihrer wichtigsten Rollen) als "Schwarzwaldmädel" die Sehnsucht der Nachkriegsdeutschen nach Heimatidyll.

    Doch als ihr erster Film ohne Happy End - ein polnisches Sozialdrama - ihr daheim einen Karriereknick einbrachte, reüssierte Ziemann mit internationalen Kriegsfilmen und Krimis und spielte in französischen Bühnenstücken, die ihr Mann und Schauspielkollege Charles Regnier übersetzt hatte. Sie starb mit 94 Jahren in München.

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    Sonja Ziemann (* 8. Februar 1926 † 17. Februar 2020 in München)

    Karl Ludwig Schweisfurth: Verteidiger der Schweinewürde

    Der gelernte Metzger Karl Ludwig Schweisfurth schuf in den 1960er- und 1970er- Jahren mit "Herta" den damals größten Fleischkonzern Europas. 1984 verkaufte er das Unternehmen an den Multi Nestlé - um selbst auf seinem Gut Herrmannsdorf im oberbayerischen Glonn artgerechte Haltungsformen auszuprobieren. Ein knappes Jahr vor seinem Tod konnte Schweisfurth daheim einen noch prominenteren Biobauern empfangen: den britischen Thronfolger Prinz Charles, der nach Berlin, Leipzig und München auch Glonn besuchte.

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    Karl Ludwig Schweisfurth

    Elisabeth Hartnagel: Die Letzte der Scholl-Geschwister

    "Ich habe mir damals einfach gewünscht, ich sei verrückt, ich würde mir das alles einbilden", erzählt Elisabeth Hartnagel über jenen Tag im Februar 1943, als sie in der Zeitung von der Hinrichtung ihrer Geschwister Hans und Sophie Scholl liest. Zusammen mit Freunden hatten die drei in der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" versucht, mit Flugblättern gegen das NS-Terrorregime anzukämpfen. Nach Kriegsende heiratete Elisabeth den ehemaligen Verlobten ihrer Schwester Sophie, Fritz Hartnagel (1917-2001). Mit öffentlichen Auftritten hielt sie sich zurück - bis sie zur letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe geworden war. Elisabeth Hartnagel starb einen Tag nach ihrem 100. Geburtstag.

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    Elisabeth Hartnagel

    Sir Peter Jonas: Ein Opern-Intendant für alle

    Ein Brite an der Spitze der Bayerischen Staatsoper, ein "Sir" sogar, der die Kultur seiner Heimat liebte, den Brexit verabscheute. Georg Solti hatte den jungen Peter Jonas nach Chicago geholt, bevor er der English National Opera in London zu neuer Blüte verhalf. 1993 wechselte der Sohn eines Deutschen und einer Mutter mit spanisch-libanesisch-schottischen Wurzeln von der Themse an die Isar, wo er in 15 Jahren 85 Neuproduktionen stemmte.

    Sein vielleicht größer Coup: Mit "Oper für alle", dem kostenlosen Open-Air auf dem Max-Josephs-Platz, gewann der Wahlmünchner tausende Opern-Neulinge für sein Metier. Was ihn selbst daran begeisterte, beschrieb Sir Peter Jonas einmal so: "Jedes Opernhaus ist eine Stadt, eine Gesellschaft für sich selbst. (...) Und dafür braucht es eine Legion von Menschen: Architekten, Designer, Techniker, Musiker, Marketing. Das fasziniert mich."

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    Sir Peter Jonas (* 14. Oktober 1946 in London † 22. April 2020)

    Barbara Rütting: Zwischen Leinwand, Backstube und Protest

    In mehr als 45 Filmen spielte die gebürtige Berlinerin Barbara Rütting Hauptrollen, etwa im Antikriegsdrama "Die letzte Brücke" und als "Geierwally". Von Beginn an Mitglied von Bündnis90/Die Grünen, wurde sie 2003 für die Partei in den bayerischen Landtag gewählt. Nach ihrer Wiederwahl gab sie ihr Mandat als Protest gegen den Realo-Kurs von Außenminister Joschka Fischer zurück, wechselte später zur V-Partei³.

    Über Jahrzehnte widmete sich Rütting als Autorin Themen wie Tierschutz und Ernährung, kreierte und propagierte sogar ihr eigenes Vollkornbrot. Zweites Lieblingsessen der überzeugten Vegetarierin: Pellkartoffeln mit Leinöl. Womit sie 92 Jahre alt wurde.

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    Barbara Ruetting

    Annemarie Leutzsch: Die Rettl aus dem Hummelgau

    Sie sammelte, was ihr unter die Finger kam oder ins Ohr ging: Mundartworte, Sach' und Fotos. Als Heimatdichterin und Vortragskünstlerin machte Annemarie Leutzsch aus Hummeltal ihre Region zwischen Bayreuth und der Fränkischen Schweiz ein bisschen bekannter - und sie bewahrte deren Geschichte vor dem Vergessen.

    Im Stall ihrer Großeltern gründete sie in den 60er-Jahren ihr eigenes Heimatmuseum, in dem sie zeigte, wie die einfachen Leute hier früher lebten. Neben Möbeln, Hausrat, Kleidung, Fotos und Urkunden, beherbergt die Hummelstube auch einen gut bestückten Tante-Emma-Laden aus der Nachbargemeinde Gesees. Seit 2009 führt der Heimatverein ihre "Hummelstube" (hier die Website) weiter.

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    Annemarie Leutzsch (* 1928 † 9. Mai 2020)

    • Die Toten des Jahres in Bayern - Teil 2: ab dem 20. Dezember hier.

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