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Risiko Krankenhaus: Personal fühlt sich schlecht geschützt | BR24

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Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks ist der Schutz von medizinischem Personal in einigen Krankenhäusern in Bayern und bundesweit noch immer unzureichend. Zudem wird nicht systematisch auf Covid-19 getestet.

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Risiko Krankenhaus: Personal fühlt sich schlecht geschützt

Medizinisches Personal ist besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Rund 11.900 Infizierte und 19 Tote meldet das Robert Koch-Institut. BR Recherchen zeigen, dass in vielen Krankenhäusern nicht konsequent getestet wird.

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Hilfe beim Toilettengang, Wundversorgung, Patienten waschen - alltägliche Arbeit für Pflegekraft Tina* in einer mittelfränkischen Klinik. Dabei kann sie unmöglich 1,5 Meter Abstand halten. Bei der Arbeit habe sie nur einen Mund-Nasen-Schutz pro Schicht zur Verfügung, erzählt sie, der bei so viel Nähe weder sie noch die Patienten zuverlässig vor einer Tröpfcheninfektion schützt. Tina ärgert sich darüber, dass es an ihrem Klinikum keine routinemäßigen Tests für die Mitarbeiter gibt.

"Die Fußballer von der Bundesliga, die werden getestet, damit sie spielen können und damit sie arbeitsfähig sind. Wir dagegen werden nicht getestet, damit wir arbeitsfähig bleiben und nicht für den Dienst ausfallen." Tina, Pflegekraft in Mittelfranken

Tinas* Arbeitgeber schreibt auf BR-Anfrage, man folge der Empfehlung des Robert Koch-Instituts, den Mund-Nasen-Schutz "in Mangelsituationen" innerhalb einer Schicht wieder zu verwenden. Bei Durchfeuchtung sei ein Wechsel möglich. Mitarbeiter würden getestet, mit "nur wenigen Symptomen" und "risikoadaptiert".

Rund 40 Pflegekräfte und Mediziner haben dem Bayerischen Rundfunk in vertraulichen Hintergrundgesprächen erzählt, wie in ihrem Krankenhaus geschützt und getestet wird. Es gibt demnach Kliniken, die ihre Mitarbeiter nach Kontakten mit Covid-Positiven testen, aber auch solche, die es nicht tun, und einige Häuser, so die Mitarbeiter, verweigerten ihrem medizinischen Personal Corona-Tests.

Viele Kliniken nennen in BR-Umfrage erstmals Zahlen infizierter Mitarbeiter

BR Recherche hat an 55 Kliniken einen Fragebogen geschickt: Wann und wie oft wird medizinisches Personal getestet? Wie viele infizierte Mitarbeiter gab es bislang? Rund 20 haben geantwortet. Davon nennt etwa die Hälfte konkrete Zahlen, wie viele Mitarbeiter sich seit Beginn der Pandemie infiziert haben. Sie wollen transparent sein. Meist bewegen sich die Angaben im zweistelligen Bereich. Ein paar Beispiele: Das Münchner Klinikum Rechts der Isar etwa meldet "über 40" Infizierte, das Klinikum Passau 28, das Uniklinikum Erlangen 32, das Leopoldina Krankenhaus Schweinfurt 37 und am Klinikum der LMU München, einem der größten Krankenhäuser Deutschlands, wurden 124 Mitarbeiter positiv getestet.

Diese Zahlen allein sind kein Maßstab, ob ein Krankenhaus seine Mitarbeiter gut schützt. Denn wo wenig getestet wird, werden zwangsläufig wenige Covid19-Fälle registriert.

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Wenn eine Pflegekraft oder ein Arzt in einer Klinik mit Corona infiziert ist, gefährdet das Patienten und die übrigen Mitarbeiter. BR-Recherche hat nun festgestellt: Mitunter wird das Personal nicht einmal getestet, wenn schon Symptome auftreten.

Meisten Mitarbeiter nach Coronainfektion wieder gesund

Der Großteil der Mitarbeiter ist nach Angaben der Kliniken wieder genesen. Viele betonen, dass eine Ansteckung von Pflegekräften und Ärzten in der Klinik oftmals nicht mit Sicherheit nachweisbar sei, diese sei auch im privaten Bereich möglich.

Im Zuge der Recherche bekommt der Bayerische Rundfunk anonyme Hinweise, wonach es am Klinikum Traunstein besonders viele infizierte Mitarbeiter geben soll. Auf die BR-Umfrage hat das Klinikum nicht geantwortet. Auf Anfrage an das Gesundheitsamt Traunstein bestätigt dieses schriftlich: Seit Pandemie-Beginn wurden 147 Mitarbeiter am Klinikum positiv auf Covid-19 getestet. 126 von ihnen seien wieder dienstfähig. Das Klinikum Traunstein begründet die Zahl der Infizierten beim medizinischen Personal auf Anfrage damit, dass der Landkreis allgemein schwer betroffen sei von der Pandemie. Das Gesundheitsamt schreibt, man habe als Konsequenz ein routinemäßiges Screening – also eine Reihentestung – beim gesamten Personal mit Patientenkontakt eingeführt. Das werde "jetzt sukzessive umgesetzt".

Reihentestungen sind die Ausnahme

Laut der BR-Umfrage sind solche Tests beim Personal noch nicht weit verbreitet. Nur vier Kliniken, die Helios Kliniken in Dachau und München-West, das Klinikum Landkreis Erding und das Klinikum Fürth geben in der Umfrage an, alle Mitarbeiter regelmäßig zu testen. Der medizinische Direktor des Klinikum Fürth, Dr. Manfred Wagner, erklärt: "Da etwa die Hälfte der Infizierten eine Zeitlang symptomfrei sind, manche sogar dauerhaft, ist es ohne ein Screening aus unserer Sicht gar nicht möglich, einen Krankenhausbetrieb sicher zu gestalten. Weil wir sonst zu viele unerkannte Corona-positive Mitarbeiter hätten."

Jeder vierte der insgesamt 64 infizierten Mitarbeiter am Klinikum Fürth wurde beim Screening positiv getestet, also ohne Anlass wie Symptome. Für ein einmaliges Screening aller rund 2.600 Mitarbeiter zahlt das Klinikum 200.000 Euro. Zu diesen Sachkosten kommen noch Personal- und Logistikkosten hinzu.

Reihentestungen sind teuer

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml hat Mitte Mai Reihentestungen in Krankenhäusern angekündigt. Wer das bezahlen soll, sagte die CSU-Politikerin zunächst nicht. Erst auf BR-Anfrage schreibt das Ministerium, dass die Krankenhäuser selbst die Kosten tragen müssen. Es sei denn, das Gesundheitsamt hat eine Reihentestung angeordnet. Dann müssen Stadt oder Landkreis zahlen.

Die Ärztin und Epidemiologin Brigitte Strahwald hält Reihentestungen für sinnvoll, um den aktuellen Stand zu erfassen oder auch rechtzeitig reagieren zu können: "Die Kosten sind natürlich etwas, was uns aus epidemiologischer Sicht nicht als erstes interessiert. Das ist etwas, was für das Gesundheitssystem leider entscheidend ist."

Pflegewissenschaftler fordern klare Testvorgaben für die Kliniken. Denn nach derzeitigem Stand seien die vorliegenden Daten zum infizierten medizinischen Personal nur die Spitze des Eisbergs.

*Namen wurden zum Schutz der Klinikmitarbeiter von der Redaktion geändert.

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Nach BR-Recherchen und einer Umfrage unter Kliniken mangelt es teils noch immer an Schutzmaterial. Das gefährdet nicht nur die Patienten; auch viele Pfleger und Ärzte infizieren sich bei ihrer Arbeit mit dem Coronavirus.

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