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Richtermangel: Wenn die Justiz am Limit ist | BR24

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Ein 13-jähriger Bub verunglückt tödlich im Starnberger See. Es soll zu einem Prozess kommen, um die Umstände zu klären. Doch weil die Justiz überlastet ist, wartet die Familie seit fast vier Jahren auf den Prozess. Eine Zumutung für alle Beteiligten.

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Richtermangel: Wenn die Justiz am Limit ist

Ein 13-jähriger Bub verunglückt tödlich im Starnberger See. Es soll zu einem Prozess kommen, um die Umstände zu klären. Doch weil die Justiz überlastet ist, wartet die Familie seit fast vier Jahren auf den Prozess. Eine Zumutung für alle Beteiligten.

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Drei Jahre, zehn Monate und einen Tag ist es jetzt her, dass Leo im Starnberger See ertrunken ist. Er war gerade 13 Jahre alt geworden als er beim Rudertraining starb. Für seine Eltern, Magda-Lia Bloos und Catalin Agache noch immer schwer zu ertragen: "Mein schlimmster Albtraum ist wahr geworden. Für uns ist eine Welt zusammengebrochen, man hat uns die Lebensfreude geraubt."

Die beiden Ruder-Trainer haben Leo abseits von den anderen Kindern trainieren lassen. Sie waren Hunderte von Metern entfernt, als Leo ertrank. Er hatte keinen Neopren-Anzug an, keine Schwimmweste, kein Handy dabei. Innerhalb weniger Minuten wurde er im eiskalten Wasser ohnmächtig und ertrank. Leos Eltern glauben, dass die Trainer grob fahrlässig gehandelt haben. Dieser Ansicht ist auch die Staatsanwaltschaft. Im November 2015 hat sie beide Trainer wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Seitdem warten Leos Eltern auf den Prozess, für sie ein entwürdigender Zustand, "dass wir als Hinterbliebene eines Tötungsdelikts so lange auf die juristische Aufarbeitung warten müssen. Und dies umso mehr als das Opfer der Straftat unser einziges Kind ist."

Richter arbeiten am Limit

Immer wieder müssen Gerichtsverfahren aufgeschoben werden, weil es an Richtern und Staatsanwälten fehlt. 2.000 fehlende Stellen sind es in ganz Deutschland, in Bayern allein rund 150. Thomas Bott ist Vorsitzender des Landgerichts München II und seit fast 20 Jahren Richter. Die Arbeit hat in den letzten Jahren stetig zugenommen: Verfahren ziehen sich in die Länge, werden aufwändiger. Berge von Akten stapeln sich in seinem Büro. Und immer wieder fehlt es an Richtern, was sich darin bemerkbar macht, "dass wir Überlastungsanzeigen schreiben mussten, um eben dem auch zu begegnen, dass möglicherweise die falschen Leute aus der U-Haft entlassen werden." Regelmäßig muss er Arbeit mit nach Hause nehmen. Dazu die Vorgabe, dass Verhandlungen mit Haftsachen Vorrang haben. Mord und Totschlag müssen zuerst behandelt werden.

Fatales Signal für Opfer und Angeklagte

Das heißt, Fälle wie der von Leo rutschen immer weiter nach unten. Leos Eltern wissen immer noch nicht, wann es eine Gerichtsverhandlung gibt. Für ihre Anwältin, Annette von Stetten ein fatales Signal der Strafjustiz an die Eltern: "Die Botschaft ist: Ja, wir haben euer Verfahren gesehen, ja, wir nehmen euer Verfahren auch irgendwie ernst, aber wir haben halt jetzt keine Zeit. Anders formuliert: Wir haben Wichtigeres zu tun."

Auch beim Münchner Ruderclub findet man die Situation unerträglich. Für die Eltern von Leo, aber auch für die beiden angeklagten Trainer im Club. Warum gibt es keine Gerichtsverhandlung? Wann wird die Sache endlich abgeschlossen? Für Eler von Bockelmann ist klar, man werde den Vorfall nie vergessen, aber es sei besonders für die Familie und auch die Übungsleiter wichtig, dass es einen formalen Abschluss gebe. "Im Hinblick darauf ist eine Verfahrensdauer von über vier Jahren in jeder Beziehung mehr als ein Problem."

Reagiert die Politik zu spät?

Vor drei Wochen hat Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder einen Pakt für den Rechtsstaat unterzeichnet. 220 Millionen Euro will der Bund bereitstellen für 2.000 neue Stellen in der Justiz. Für Andrea Titz vom Bayerischen Richterverein drängt die Zeit. Erst kürzlich musste in Thüringen ein Mann aus der Untersuchungshaft entlassen werden, der dringend verdächtigt wurde, sein Baby getötet zu haben:

"Wenn man dann Personen, die dringend verdächtig Straftaten begangen zu haben, aus der U-Haft entlassen muss, weil eben das Verfahren nicht so schnell betrieben werden kann, wie es betrieben werden sollte, dann ist das eigentlich der schlimmste Fall dessen, wie sich die Überlastung der Justiz zeigen kann." Andrea Titz, Bayerischer Richterverein

Der Fall von Leo ist inzwischen an das Amtsgericht Starnberg abgegeben worden. Wann es zum Verhandlungstermin kommen soll, ist immer noch unklar.