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Resozialisierung in Bayern: Das Leben nach der Haft | BR24

© BR/Sylvia Bentele

Leben nach der Haft

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    Resozialisierung in Bayern: Das Leben nach der Haft

    Über 11.000 Gefangene leben in bayerischen Justizvollzugsanstalten. 717 von ihnen sind Frauen. Was tut der Freistaat für ihre Resozialisierung und wie hoch ist ihre Rückfallquote?

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    Früher war das Gebäude im oberbayerischen Kösching ein Kloster. Heute ist dort ein Tagungshotel untergebracht. Einmal im Jahr verbringen rund zehn Frauen hier eine Woche Sonderurlaub. Es ist Urlaub vom Gefängnis und eigentlich ist es gar kein Urlaub. Hier – abseits der Justizvollzugsanstalt Aichach, in der sie inhaftiert sind – nehmen die Frauen am Projekt "Frei-Raum" des Sozialdienstes katholischer Frauen teil.

    "Frei-Raum" – ein Projekt speziell für weibliche Gefangene

    "Von Diebstahl, über Betrug bis hin zu Drogenschmuggel und versuchtem Totschlag am eigenen Partner haben wir hier alles dabei“, sagt Lydia Halbhuber-Gassner. "Jedes Alter und aus jeder Gesellschaftsschicht."

    Halbhuber-Gassner ist Referentin für Gefährdetenhilfe, Adoptions- und Pflegekinderdienste sowie häusliche Gewalt beim bayerischen Landesverband des Sozialdienstes katholischer Frauen. Vor 20 Jahren hat sie das Projekt "Frei-Raum" initiiert und konzipiert. Seitdem ist sie jedes Jahr als Tagungsleiterin dabei.

    Sie erklärt: "Das Projekt fußt auf der Tatsache, dass inhaftierte Frauen dreimal so oft Gewaltopfer und fünfmal so häufig Opfer von sexuellen Übergriffen bereits in der Ursprungsfamilie waren, wie nicht straffällig gewordene Frauen. Sie erlebten ihren Vater als gewalttätig und die Mutter als zu schwach, um ihre Kinder zu schützen. Neben einschlägigen gesundheitlichen Auswirkungen bedeutet das, dass sie ein geringes Selbstwertgefühl haben, sich oft ihrem Partner bedingungslos unterordnen und nicht selten eben dadurch erst straffällig werden."

    Das Projekt soll den Frauen die Möglichkeit geben, sich fernab von der JVA auf sich selbst zu konzentrieren. Sie arbeiten ihre Biografien auf. Wo sind meine Grenzen und wie kann ich sie in Zukunft auch setzen? Was schätze ich an mir und wie stärke ich mein Selbstwertgefühl? Durch Missbrauch, Gewalt und Drogen hätten die Frauen oft nur einen eingeschränkten Zugang zum eigenen Körper, erklärt Lydia Halbhuber-Gassner. Im Kurs lernen die Frauen, sich selbst wahrzunehmen. Die entscheidende Frage dabei sei, sagt Halbhuber-Gassner: "Ich muss überlegen, ob ich so weiterleben kann, wie ich vorher gelebt habe."

    "Frei-Raum" – ein bundesweit einmaliges Projekt

    Das Projekt "Frau-Raum“ ist bundesweit einmalig und wird vom bayerischen Justizministerium finanziert. Die teilnehmenden Frauen müssen sich für den Kurs bewerben. Voraussetzungen sind, dass sie etwa ein halbes Jahr vor ihrer Haftentlassung stehen, dass sie bereits Vollzugslockerungen haben und dass sie an keiner Sucht leiden. Meistens sprechen Justizbeamtinnen die Frauen an, ob sie sich nicht bewerben möchten. Die Vorstellungsgespräche finden dann in der JVA Aichach statt.

    Lydia Halbhuber-Gassner hört dann oft von den Frauen, dass "Therapien“ doch nur Menschen bräuchten, die verrückt seien. Wenn sie dann aber im Projekt seien, wühle es sie sehr auf. Es sei anstrengend, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Für manche sei der einwöchige Kurs der erste Moment in ihrem Leben, in dem sie wirklich zum Nachdenken über sich selbst kommen, erzählt die Projektleiterin.

    Was bringen Resozialisierungsmaßnahmen wie das Projekt "Frei-Raum“ tatsächlich?

    Laut bayerischem Justizministerium befanden sich am 31. August 2019 insgesamt 11.018 Gefangene im bayerischen Justizvollzug, davon 717 Frauen und 10.301 Männer.

    Die aktuellsten Zahlen zu Rückfallquoten stammen aus einer Studie, die das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016 veröffentlichte. Demnach liegt die Rückfallquote bei Männern bei 37,2%, bei Frauen bei 26,2%. Weitere Angaben zu Delikten und Strafmaß liefert die bayerische Strafvollzugsstatistik 2018.

    Der Sozialdienst katholischer Frauen führt keine Statistik, wie viele der "Frei-Raum“-Teilnehmerinnen rückfällig wurden. Allerdings, nach 20 Jahren und über 200 Teilnehmerinnen ist Lydia Halbhuber-Gassner nur eine Frau bekannt, die später nochmal in Aichach inhaftiert war: "Zwei Wochen nach dem Kurs besuche ich die Frauen nochmal in der JVA. Viele sind dann immer noch sehr aufgewühlt. Einige schreiben mir nach ihrer Haftentlassung Briefe und beschreiben darin, wie ihnen der Kurs im Leben 'draußen' jetzt hilft.“

    💡 Was heißt eigentlich Resozialisierung?

    Auch der bayerische Justizvollzug selbst ergreift Resozialisierungsmaßnahmen. Neben beruflichen Aus- und Fortbildungen in den Haftanstalten erhalten Gefangene beispielsweise Hilfe bei Entschuldung. Ein wesentlicher Baustein ist das sogenannte Übergangsmanagement, d.h. die unmittelbare Entlassungsvorbereitung. Das Übergangsmanagement erfasst dabei verschiedene Bereiche, insbesondere Arbeit, Wohnung, Suchtberatung, Schuldenfreiheit und therapeutische Nachsorge. Die Justizvollzugsanstalten arbeiten dabei eng mit den Kommunen, den Trägern der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege, speziellen Vereinigungen sowie einer Vielzahl von ehrenamtlichen Betreuern zusammen. Als professionelle Schnittstellen stehen in Bayern insgesamt zehn zentrale Beratungsstellen für Strafentlassene zur Verfügung, die den Haftentlassenen Hilfe aus einer Hand bieten und sie bei ihrem Integrationsprozess unterstützen. Die zehnte Zentrale Beratungsstelle in Passau wurde am 30. April 2019 eröffnet.