BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Renaissance des Rust Belts: Was wurde aus Trumps Versprechen? | BR24

© BR

Die Region zwischen den Großen Seen und Pennsylvania ist seit den 80er Jahren im Niedergang — Stahlhütten und Fabriken dicht, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Das wollte Trump ändern. Aber hat es funktioniert?

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Renaissance des Rust Belts: Was wurde aus Trumps Versprechen?

Der "Rust Belt", die Region zwischen den Großen Seen und Pennsylvania, ist seit den 80er-Jahren im Niedergang: Stahlhütten und Fabriken dicht, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Das wollte Trump ändern. Hat es funktioniert?

1
Per Mail sharen

Juni 2016: Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Monessen, im Südwesten von Pennsylvania. Hinter dem designierten republikanischen Präsidentschaftskandidaten türmte sich eine Wand aus Recycling-Aluminium. Vor ihm Hunderte geladene Gäste, die gespannt lauschten, als Trump sein "America First"-Programm für die Wirtschaft vorstellte.

"Wir werden amerikanisches Stahl und Aluminium wieder in das Rückgrat unseres Landes stecken. Und so werden gewaltige Zahlen an Arbeitsplätzen entstehen. Gut bezahlte Jobs. Nicht die Jobs, die wir heute haben. Gewaltige Zahlen an guten Jobs!" Donald Trump im Wahlkampf 2016

Nur noch zwei Betriebe

Stacy Wolford stand an diesem Tag mit in der Menge. Die Mittvierzigerin ist Redakteurin beim "Mon Valley Independent": "Es war richtig aufregend. Es war das erste Mal, seit Präsident Kennedy 1962 die Stadt besucht hat, dass so etwas Großes in unserem kleinen Nest passiert."

Bei der passenden Kulisse für seine Rede hatte Trumps Team nicht viel Auswahl. In Monessen gab es nur noch zwei größere Betriebe in der Montan-Industrie: Die Recycling-Firma und eine Kokerei. Früher lebten in der Kleinstadt rund 20 Kilometer südlich von Pittsburgh über 20.000 Menschen. Jetzt sind es nur noch knapp 7.000.

Lokalreporterin: "Leute wollten daran glauben"

7.000 Arbeiter schufteten einst in den beiden Stahlwerken am Ufer des Monongahela. Die gibt es schon seit den 80er-Jahren nicht mehr. Auch Stacy Wolford, in einem Kleid in neon-orange, Fingernägeln in der gleichen Farbe und einer Maske mit Leoparden-Muster, stammt aus einer der Stahlarbeiter-Familie. Trumps Besuch habe den Menschen in Monessen Mut gemacht, sagt sie:

"Er hat viel Hoffnung mitgebracht. Die Stahlhütten-Industrie ist schon seit Jahren tot. Damit verschwanden die Menschen und die Arbeitsplätze. Und seither quälen wir uns dahin, nicht nur in Monessen. In all den kleinen Städten entlang des Flusses kann man die Verwahrlosung sehen. Und er hat neuen Enthusiasmus, neue Aufregung verbreitet. Ich glaube, die Leute wollten auch daran glauben. Schließlich brauchen wir doch alle Hoffnung." Stacy Wolford, Lokal-Reporterin in Monessen

Gutbezahlte neue Jobs? Fehlanzeige

Stacy und ihre Kollegen kennen die lokale Wirtschaftsentwicklung genau. Ein paar neue Läden, ein paar kleine hochspezialisierte Produktionsfirmen sind in den vergangenen vier Jahren entstanden. Die Arbeitslosenquote lag vor der Corona-Pandemie im März 2020 bei rund sechs Prozent – so wie schon bei Trumps Amtsantritt im Januar 2017. Aber die vielen gutbezahlten neuen Jobs, die Trump versprochen hat – es gibt sie nicht, schon gar nicht in der Stahlindustrie.

So viele Arbeitslose wie beim Amtsantritt des Präsidenten

Joe Como steht am Maschendrahtzaun vor dem riesigen Werksgelände direkt in der Ortsmitte. Eine Hangar-große Halle, ein rostiger Kran und ein Förderband ragen dahinter in die Höhe. Früher standen auf dem weitläufigen Gelände zwischen Fluss und Hauptstraße auch ein Draht- und ein Schienenwalzwerk.

Der weltgrößte Stahlkonzern ArcelorMittal produziert hier normalerweise den Brennstoff für seine Werke in der Nähe von Philadelphia und in Kanada. Aber seit Sommer steht die Produktion wegen der Pandemie still. Como ist Bezirkschef der einst mächtigen Stahlarbeiter-Gewerkschaft "United Steelworkers". Auch die Belegschaft der Kokerei vertritt er. Über die Hälfte der knapp 200 Mitarbeiter wurde in den vergangenen Monaten entlassen.

"Warum Gewerkschafter Trump mögen? Ich weiß es nicht"

Gewerkschaftsmitglied sein, das hieß jahrzehntelang auch fast automatisch: die Demokraten wählen. Doch 2016 stimmten viele seiner Mitglieder für Trump – nicht genug, um den Republikaner in der traditionell demokratischen Hochburg Monessen gewinnen zu lassen. Aber genug, um Joe Como ins Grübeln zu bringen:

"Warum Gewerkschafter Trump mögen? Ich weiß es nicht. Hauptsächlich ist es wohl die Art, wie er redet. Dass er einfach sagt, was ihm in den Sinn kommt. Aber die Gewerkschaftsleute verstehen einfach nicht, dass die Republikaner die Gewerkschaften schwächen wollen." Joe Como, Bezirkschef der Stahlarbeiter-Gewerkschaft in Monessen

Joe Como jedenfalls wird für seinen Namensvetter Biden stimmen – und preist ihn fast mit den gleichen Worten, wie Trump-Anhänger den amtierenden Präsidenten:

"Er weiß, was nötig ist, um Amerika wieder groß zu machen." Joe Como, Bezirkschef der Stahlarbeiter-Gewerkschaft in Monessen

"Trump ist mein Präsident"

Man muss im Mon Valley nicht lange suchen, um Menschen zu treffen, die das ganz anders sehen. Eine halbe Autostunde nordwestlich von Monessen, auf einem Hügel über der Ortschaft Finleyville, hat die "Walter Long Manufacturing Company" ihren Sitz. Vor der Eingangstür zu dem kleinen Bürogebäude steht ein blaues Schild: "Trump ist mein Präsident".

David Long, ein vergnügter Mittsechziger mit Glatze und Bismarck-Schnurbart, führt den Familienbetrieb mit seinem Bruder Robert. Im Büro hängen historische Fotos aus den Anfängen. Sein Urgroßvater kam in den 1880er-Jahren aus England nach Amerika, ließ sich in der Stahlstadt Pittsburgh nieder. Walter und seine Brüder stellten Kessel her und reparierten sie. Als die Stahlhütten in Pittsburgh schlossen, zog der Betrieb aufs Land – aber er überlebte. 

David führt hinüber in die große Werkshalle. Die riesigen Pressen und Walzen zischen, klopfen und kreischen. Ein Dutzend Männer mit Tattoos und Gehörschutz bedienen sie. Überall stapeln sich Stahlplatten, Rohre und Trichter in verschiedenen Größen. Davids Sohn Jesse ist hier der Werkstattleiter. Der 38-Jährige mit grauem Zopf und Rauschebart zeigt auf eine schwarze Walze: Baujahr 1879. Sein Ur-Urgroßvater hat sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg gekauft. Funktioniert immer noch.

Nach der Wahl 2016 erst der Boom, dann der Absturz

Ihre Kunden seien traditionell andere Stahlbetriebe, Unternehmen in der Kohle- und in der Erdgasindustrie, erzählt David Long. In der Obama-Ära sei das Kohle-Geschäft wegen strengerer Auflagen fast komplett eingebrochen. Mit der Wahl 2016 war schlagartig alles anders.

"Trump wurde gewählt. Und am Tag danach: Es war, als hätten all die großen Firmen nur darauf gewartet. Alle machten 'wooey' – und die nächsten zwei Jahre hat das Geschäft geboomt. Es war super viel zu tun." David Long, Stahl-Unternehmer

Trump trotzdem besser als Biden?

Momentan ist das Geschäft ziemlich ruhig. Ob das mit der Pandemie oder mit dem Handelskrieg zu tun hat? Long zuckt mit den Schultern. 2018 verhängte Trump Sonderzölle auf Stahl aus China und der Europäischen Union. Die US-Stahlindustrie fuhr kurzfristig die Produktion hoch – und dann wieder runter. Die Preise gingen in den Keller. Aber auch wenn es gerade nicht so gut läuft: David will Trump wieder wählen.

"Zum einen bin ich ein Konservativer. Und zum anderen: das Geschäft. Ich habe einfach Angst, dass, wenn der andere Typ gewählt wird, dass hier dann alles weg ist." David Long, Stahl-Unternehmer

"Stahlindustrie ist nicht leicht zu ersetzen"

Wie eine Zukunft ohne Stahl aussieht, lässt sich schon jetzt in Pittsburgh besichtigen. Chris Briem steht auf der Hot Metal Bridge über den Monongahela im Süden der Stadt. Früher reihten sich auch hier die Stahlhütten. Jetzt sind es Bürogebäude, Hotels, Bars und Restaurants, in denen sich trotz Pandemie viele junge Leute auf den Terrassen drängeln.

Die alte Bahnlinie am Südufer ist ein Spazierweg. Nur ein paar Hinweistafeln erinnern an die Vergangenheit. Pittsburgh – das sei die Geschichte zweier Städte, sagt Briem, Wirtschaftsprofessor an der University of Pittsburgh.

"Es gibt ziemliche Unterschiede zwischen den Jobs, die hier in der Stadt entstanden sind, und der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region, die nicht so gewachsen ist. Für lange Zeit haben wir nach etwas gesucht, das Stahl ersetzen kann. Aber die Wahrheit ist, dass keine Industrie so lange existieren wird wie die Stahlindustrie in Pittsburgh. Wenn das Umland erfolgreich und wettbewerbsfähig sein will, dann braucht man eine diversere Wirtschaft. Lauter verschiedene Industrien, die Investitionen aus ganz verschiedenen Bereichen bringen." Chris Briem, Wirtschaftsprofessor an der University of Pittsburgh

Ein leeres Haus neben dem anderen

Zurück in der Kleinstadt Monessen ist von erfolgreichem Strukturwandel noch nichts zu spüren. Im historischen Ortskern stehen fast alle Geschäfte leer. Es gibt noch einen Drugstore, zwei Tankstellen, einen Autohändler. Aus den einst prachtvoll verzierten, roten Klinker-Fassaden wachsen Bäume und Gestrüpp. Auf der Schoomaker Avenue, einer der beiden Hauptstraßen durch die Stadtmitte, steht ein leeres Haus neben dem anderen. Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, die Vorgärten vermüllt.

John Nestor zeigt auf die Zeile gegenüber: jedes Haus inzwischen leer. Der 32-Jährige wohnt mit seiner Familie im einzigen gepflegten Haus auf dem gesamten Block. Auf seiner Veranda stehen Blumenkübel und Katzenfutter. "Liebe Gott, liebe die Menschen", steht auf Nestors T-Shirt. Er selbst klingt resigniert:

"Leider hat sich gar nichts geändert. Die Leute müssen kapieren, dass die Regierung keine Jobs schafft. Menschen schaffen Jobs. Trump hat jedenfalls nichts geändert. Und wer was anderes geglaubt hat, sollte sich schämen." John Nestor, Bewohner von Monessen

Bürgermeister: "So redet man nicht über seine Stadt"

Eine deutliche Veränderung hatte Trumps Besuch in Monessen 2016 allerdings: Auch wegen seinem Auftritt wurde der langjährige demokratische Bürgermeister abgewählt. Matt Shorraw ist der neue, auch Demokrat. Jetzt sitzt der schmale, dunkelblonde Mann hinter einem riesigen Schreibtisch in seinem düsteren Amtszimmer und erklärt, wie alles kam:

"Mein Vorgänger hatte Trump hierher eingeladen. Und hat bei der Gelegenheit viele hässliche Dinge gesagt. Zum Beispiel: Wenn der Islamische Staat nach Monessen käme, würden sie gleich wieder umdrehen, weil die Stadt aussieht als sei sie schon bombardiert worden. So redet man nicht mit der internationalen Presse über seine Stadt! Das hat mich echt geärgert. Also habe ich beschlossen, gegen ihn zu kandidieren." Matt Shorraw, Bürgermeister von Monessen

"Kleine Orte fühlen sich vergessen"

Sharrow deutet auf ein Ölbild hinter sich. Es zeigt ihn selbst vor einem der verfallenen Gebäude in der Innenstadt. Er will es unbedingt bewahren. Die Silhouette des alten Bankhauses hat er sich sogar auf den Arm tätowiert. Aber, sagt er, der gewaltige Leerstand sei ein Riesenproblem für die Stadt. Der Bürgermeister hofft, dass die Demokraten aus Trumps Auftritt in Monessen etwas gelernt haben:

"Biden muss raus und die kleinen Orte besuchen. Auch wenn es wegen der Pandemie schwer ist. Aber ich glaube, viele Menschen in Städten wie Monessen fühlen sich vergessen. Und es ist ganz wichtig für alle Städte und Dörfer, sich nicht vergessen zu fühlen." Matt Shorraw, Bürgermeister von Monessen

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!