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Relotius-Affäre: "Spiegel" legt Abschlussbericht vor | BR24

© ARD

Vor fast genau fünf Monaten deckte der "Spiegel" auf, dass der Mitarbeiter Relotius Reportagen gefälscht hatte. Der Fall wurde umfassend untersucht - nun liegt der Abschlussbericht vor.

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Relotius-Affäre: "Spiegel" legt Abschlussbericht vor

Vor fast genau fünf Monaten deckte der "Spiegel" auf, dass der Mitarbeiter Relotius Reportagen gefälscht hatte. Der Fall wurde umfassend untersucht - nun liegt der Abschlussbericht vor.

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Ob das Interview mit der letzten Überlebenden der Widerstandsbewegung "Weiße Rose", seine Passagen in einer Titelgeschichte zum Klimawandel oder Porträts von Kindern im syrischen Kriegsgebiet: Der "Spiegel" geht nach eingehender Prüfung davon aus, dass sein früherer Reporter Claas Relotius in großem Stil journalistisch betrogen hat, sagt Chefredakteur Steffen Klusmann:

"Von den 60 Texten, die er bei uns veröffentlicht hat, sind ein gutes Dutzend oder ein Dutzend hart verfälscht, aber die anderen sind auch so verfälscht, dass sie am Ende journalistisch - der größte Teil davon - wertlos sind." Steffen Klusmann, Chefredakteur des "Spiegel"

Ein "unwürdiges" Ausmaß

In den meisten Fällen habe Relotius Interviews und Reportagen aus anderen Medien zusammenkopiert oder an Zitaten und Details geschraubt, um seine Geschichten interessanter zu machen, führt Klusmann weiter aus:

"Die gute Nachricht ist: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass jemand hier im Haus von den Fälschungen wusste, sie gedeckt hat oder sogar dazu angestiftet hat. Das sollten wir bei aller Kritik nicht vergessen. Die schlechte Nachricht ist, wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das - gemessen an den Maßstäben dieses Hauses - unwürdig ist." Steffen Klusmann, Chefredakteur des "Spiegel"

Mit "erheblicher Energie verfälscht"

Nachdem Ende vergangenen Jahres ein Kollege im "Spiegel" misstrauisch wurde und Relotius infolgedessen aufflog, haben fast ein halbes Jahr drei Journalistinnen und Journalisten recherchiert, Texte überprüft und vertrauliche Gespräche geführt.

Das Fazit: Relotius sei "ein Einzeltäter" gewesen. Er habe mit "erheblicher Energie gefälscht und (…) vertuscht". Von den etwa 50 hauseigenen Faktencheckern, die sich das Nachrichtenmagazin zur journalistischen Qualitätssicherung leistet, habe vor allem ein einziger Dokumentar Relotius zu sehr vertraut.

Die "besondere Geschichte" als Ressortstandard

Brigitte Fehrle, früher Chefredakteurin der "Berliner Zeitung", war Teil der Prüfgruppe. Sie sieht auch ein strukturelles Problem: Relotius habe im speziellen Ressort "Gesellschaft" gearbeitet, das darauf aus war, möglichst viele Journalistenpreise einzufahren. Die besondere Geschichte sei hier der Standard gewesen. Das habe Druck erzeugt:

"Also die außergewöhnliche Geschichte, die außergewöhnlichen Protagonisten - das ist das, was im Grunde Standard ist in dem Ressort. Und das kann man natürlich besser leisten, wenn man sich nicht so sehr um die Fakten kümmert." Brigitte Fehrle, Mitautorin des Abschlussberichts

Zufallskontrollen und Ombudsstelle vorgeschlagen

Ob das Gesellschaftsressort verändert oder gar aufgelöst wird, steht noch nicht fest. Fehrle und ihre Kollegen machen dem "Spiegel" etliche Vorschläge, wie sich die Redaktion vor etwaigen weiteren Fälschern schützen kann. Zum Beispiel mit einem Zufallsgenerator, der Woche für Woche einen Text benennt, der besonders intensiv geprüft wird. Reporter sollen dann Audioaufnahmen ihrer Gespräche vorlegen und auch Fotos, die sie künftig immer zusammen mit ihren Gesprächspartnern machen sollen.

Außerdem soll es eine Ombudsstelle geben, die offen für interne Whistleblower ist - für den Fall, dass wieder jemand betrügt.

"Urvertrauen" ist kaputtgegangen

Chefredakteur Klusmann erklärt: Fast alle Vorschläge seien so gut, dass er sie umsetzen wolle, denn:

"Es gab halt so ein Urvertrauen. Dieses Urvertrauen ist seit Relotius wahrscheinlich nicht nur bei uns, sondern auch woanders ein Stück weit kaputt gegangen." Steffen Klusmann, Chefredakteur des "Spiegel"

Deshalb, sagt der Chefredakteur, müsse nun jeder Reporter stärker denn je beweisen, dass er wirklich vor Ort recherchiert und auch die Zitate selbst eingeholt hat, die er in seine Texte schreibt.

Auch andere Medien wie "Zeit Online" oder das Magazin der "Süddeutschen Zeitung", für die Relotius ebenfalls geschrieben hatte, haben für ihre Autoren die Dokumentationspflichten erhöht oder zusätzliche Kontrollen eingeführt.

Relotius schweigt

Relotius hatte im Dezember selbst eingeräumt, nicht immer sauber gearbeitet zu haben. Seitdem schweigt er. Sein Anwalt teilte mit, sein Mandant sei zu einer Stellungnahme "nicht in der Lage".

Der "Spiegel" will gegen Relotius jedenfalls nicht juristisch vorgehen. Die Redaktion hofft aber auf neues Vertrauen seiner Leserinnen und Leser. Dafür hat der "Spiegel" den Abschlussbericht online veröffentlicht. Er erscheint auch in der neuen gedruckten Ausgabe.