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Regierungskrise in Chile: Demonstranten fordern neue Verfassung | BR24

© BR/Julio Segador

Wegen der andauernden Unruhen hat Chile den Weltklimagipfel abgesagt. Nach wie vor demonstrieren jeden Tag zehntausende Menschen in Santiago und anderen Städten. Immer lauter ist jetzt auch der Ruf nach einer neuen Verfassung zu hören.

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Regierungskrise in Chile: Demonstranten fordern neue Verfassung

Wegen der andauernden Unruhen hat Chile den Weltklimagipfel abgesagt. Nach wie vor demonstrieren jeden Tag zehntausende Menschen in Santiago und anderen Städten. Immer lauter ist jetzt auch der Ruf nach einer neuen Verfassung zu hören.

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Sie demonstrieren laut und überwiegend friedlich. Die Proteste in Chile gehen unvermindert weiter. Wieder haben sich tausende Menschen an der Plaza Italia in Santiago versammelt. Bis weit in die Nebenstraßen stehen, trommeln, singen und tanzen sie. Viele mit der Fahne von Chile, andere schwenken die Flagge der Mapuche, des größten indigenen Volks in Chile. Nach wie vor richten die Proteste sich gegen das mangelhafte und löchrige Sozialsystem, gegen einen Staat der vielen eine gerechte Teilhabe nicht ermöglicht.

Die meisten Demonstranten sind junge Menschen, viele mit Kindern

"Das chilenische Volk ist sehr unzufrieden mit dem Wirtschaftssystem in Lateinamerika", sagt eine Demonstrantin, "Wir haben weder Zugang zum Gesundheitswesen noch zu Bildung, beides kostet Geld und am Schluss reicht es einfach nicht zum Leben." Manche müssten mit winzigen Renten leben. Die meisten unter den Demonstranten auf der Plaza Italia sind junge Leute, weit vom Rentenalter entfernt.

Manche kommen aber auch mit der Familie. Kinder spielen und kurven mit dem Fahrrad durch die Menschenmenge. Und einige ältere Menschen haben sich auch angeschlossen. "30 Jahre nach der Diktatur trauern wir wieder", hat eine Frau Anfang 50 auf ihre Fahne geschrieben. "Wir wollen einfach ein gerechteres Land, mit Chancen für alle", sagt sie, "meine Tochter hat studiert, jetzt ist sie auf die nächsten 20 Jahre verschuldet."

Sie schlagen auf Töpfe - eine Protestform, die auf die Zeit der Pinochet-Diktatur zurückgeht. Und sie singen "Chile ist aufgewacht". Holzkreuze erinnern an die Menschen, die bei den Unruhen der letzten beiden Wochen getötet wurden. Zum Teil vermutlich durch Polizeigewalt, die meisten im Zuge von Bränden oder Plünderungen.

Proteste zwischen Volksfeststimmung und Gewalteskalation

Der Bürgermeister schätzt die Zahl der Demonstranten an diesem Freitagabend auf 22.000. Eine konservative Schätzung - die meisten Beobachter gehen von mehr aus. 30 oder 40.000, obwohl viele Menschen die Hauptstadt über das lange Wochenende verlassen haben. Zunächst herrscht Volksfest-Stimmung. Verkäufer bieten Bierdosen und Brötchen an. Aber auch Zitronen und einfache Masken aus dem Baumarkt. Beides soll gegen Tränengas helfen. Denn es wird nicht so friedlich bleiben.

In der Menge sind auch viele Vermummte zu sehen, die sich zu einem schwarzen Block formen und versuchen, Barrikaden anzuzünden. Steine und Brandsätze fliegen in Richtung eines U-Bahn-Abgangs. In der geschlossenen Station haben sich Polizisten verschanzt. "Zu Beginn der Proteste haben sie Leute runter gezerrt und gefoltert", so einer der Demonstranten, "deswegen ist dieser Bahnhof für uns jetzt ein befleckter Ort, ein Ort der Unterdrückung."

Polizei schießt Tränengas, Proteste aber stoppt das nicht

Die Polizei schießt Tränengas-Granaten nach oben - was die Menge jedes Mal mit noch mehr Lärm quittiert. Nach Sonnenuntergang nehmen die Auseinandersetzungen zu. Eine Gruppe Demonstranten versucht, zum Präsidentenpalast zu marschieren. Andere greifen ein Hotel in der Nähe an. Beide Gruppen werden schnell mit Wasserwerfern und noch mehr Reizgas gestoppt. Auch Gummigeschosse kommen zum Einsatz - durch die Projektile sollen schon dutzende Menschen im Lauf der Unruhen ein Auge verloren haben. Später am Abend wird auch die Plaza Italia geräumt.

Doch so einfach lässt sich die Protestwelle wohl nicht mehr stoppen. Die Regierung hatte zwar schon ein Sozialpaket versprochen - aber damit geben die Demonstranten sich noch lange nicht zufrieden. Sie verlangen den Rücktritt des Präsidenten - und eine neue Verfassung für Chile - die bestehende stammt noch aus der Zeit der Diktatur.

"Mein Eindruck ist, dass die Leute keine Ruhe geben werden bis es konkrete Antworten auf die hier vorgetragenen Forderungen gibt, im Grunde geht es um eine neue demokratische Verfassung. Die Maßnahmen der Regierung reichen hinten und vorne nicht -das müssen am Schluss ohnehin nur wieder die Bürger bezahlen", schildert ein Demonstrant die Gefühlslage der Protestler. Mittlerweile bilden sich im ganzen Land auch Bürgerversammlungen. In vielen Dörfern, in jedem Stadtviertel haben sich solche Komitees gebildet. Sie treffen sich und diskutieren, wie ihre Verfassung, wie ihr Land in Zukunft aussehen soll.