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Rechtsruck im Osten: Versagt die politische Bildung? | BR24

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Wer ist schuld, wenn fast ein Drittel der Bevölkerung wie in Sachsen AfD wählt? Eine Frage, die auch Organisationen der politischen Bildung umtreibt. Klar ist allen, mit Belehrungen allein kommen sie gegen den Rechtsruck in der Bevölkerung nicht an.

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Rechtsruck im Osten: Versagt die politische Bildung?

Wer ist schuld, wenn fast ein Drittel der Bevölkerung wie in Sachsen AfD wählt? Eine Frage, die auch Organisationen der politischen Bildung umtreibt. Klar ist allen, mit Belehrungen allein kommen sie gegen den Rechtsruck in der Bevölkerung nicht an.

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Im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Roland Löffler muss gleich auf die Bühne. Diskussionsthema ist "Die Zukunft der politischen Bildung". Doch der Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung stellt sich auch die Frage, ob in der Vergangenheit alles richtig gelaufen ist.

Fast ein Drittel wählt rechts: Wer hat versagt?

27,5 Prozent erzielte die AfD in Sachsen bei der vergangenen Landtagswahl und wurde damit zweitstärkste Kraft im Land. Eine Partei, deren Mitglieder immer wieder mit nationalistischen, sowie mit fremden- und islamfeindlichen Wortmeldungen auffallen.

"Wer hat versagt? Die Gesellschaft oder die politische Bildung oder wir alle? Und wir sind ja auch nicht die Feuerwehr, die plötzlich alles löscht, wenn irgendwo ein Brand entsteht. Von uns aus würde ich sagen, wir haben nicht versagt." Roland Löffler, Landeszentrale für politische Bildung Sachsen

Wahlforen: Es ging auch um Pflege und Landärzte

In den Monaten vor der Wahl hatte Löfflers Landeszentrale für politische Bildung in allen 60 sächsischen Wahlreisen öffentliche Wahlforen organisiert. Jeweils sechs Direktkandidaten von AfD bis Die Linke standen dabei insgesamt 7.000 Wählerinnen und Wählern Rede und Antwort.

Zu den Veranstaltungen waren auch hunderte AfD-Anhänger gekommen. Doch es sei nicht nur um Flüchtlinge gegangen, sondern auch um Fragen der Pflege, des Öffentlichen Nahverkehrs und um den Landärztemangel. Roland Löffler lehnt Wähler-Bashing ab und sagt, es gehöre zur Demokratie, Ergebnisse zu respektieren.

"Ich halt auch nichts davon, alle AfD- Wähler und alle AfD-Politiker als Nazis abzustempeln. Das ist ein sehr vielfältiges Bild bei fast einem Drittel der Bevölkerung." Roland Löffler, Landeszentrale für politische Bildung Sachsen

Politische Bildung: „Näher ran an die Menschen“

Sein Eindruck ist: Beim Thema Flüchtlinge geht die Post ab, aber wenn es darum geht, was passiert mit der pflegebedürftigen Oma, dann spüre man die Angst, wie es weiter geht.

"Das ist, finde ich, der Aufhänger für uns in der politischen Bildung. Wir müssen aktueller werden. Wir müssen näher ran an die Menschen. Wir müssen die großen Zukunftsfragen noch tiefer und ernsthafter bearbeiten." Roland Löffler

Deswegen vereinbarte Löfflers Landeszentrale in diesem Jahr Kooperation mit allen sächsischen Volkshochschulen, die in der Vergangenheit relativ wenige Veranstaltungen zur politischen Bildung im Programm hatten. Dabei versteht sich die Landeszentrale als "Hebamme", wie Löffler sagt. Es gehe darum, anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren zu helfen, das Themengebiet aufzubauen.

Die Erstwähler und rechtsextreme Hetze im Netz

Auf der Bühne mit Roland Löffler diskutiert auch Ingo Juchler vom Lehrstuhl für politische Bildung an der Universität Potsdam. Sein Spezialgebiet ist die Schule.

Es muss dem Professor zu denken geben, dass bei der vergangenen Landtagswahl die 170.000 sächsischen Erstwähler am dritthäufigsten der AfD ihre Stimme gaben, und dass diese Partei bei der symbolischen U18 Wahl auf Platz zwei landete.

Auf der Bühne wird Juchler mehrfach nach rechtsextremer Hetze im Internet gefragt, und wie man Schüler dagegen fit machen könne. Juchler meint, dass politische Bildung jungen Leuten Wissen vermitteln müsse, Wissen über Demokratie, Grundgesetz, Rechtsstaat und so weiter. Denn dies fördere das Urteilsvermögen der Schüler. Doch das lasse sich nicht einfach pauken wie eine Formel, sagte Juchler.

"So etwas wie Urteilskraft kann eigentlich nur geübt werden durch Beispiele, so dass man im Unterricht ein Szenarium entwirft in dem unterschiedliche Positionen zum Ausdruck kommen." Ingo Juchler, Lehrstuhl für politische Bildung der Universität Potsdam

Am Ende sei es dann an den Schülerinnen und Schülern, sich darüber eine eigene Meinung zu bilden und ein eigenes politisches Urteil zu fällen.

Initiativen für Demokratievermittlung

Szenenwechsel: Im Osten Leipzigs hat Solyejg Höppner ihr Büro. Sie ist die Sprecherin des Verbands "Tolerantes Sachsen". Mehr als 100 Demokratieinitiativen haben sich unter diesem Dach zusammengeschlossen.

Die Organisationen und Vereine tragen Namen wie "Treibhaus Döbeln", "AG Kirche für Demokratie und Menschenrechte" oder "Netzwerk für Demokratie und Courage". Die meisten von Ihnen bieten seit vielen Jahren Veranstaltungen zur politischen Bildung an. Dabei haben sich deren Bildungsformate verändert im Lauf der Zeit.

Konzept: Menschen mitnehmen statt sie zu belehren

Selbstkritisch stellt Solvejg Höppner fest, in der Vergangenheit habe man auch versucht zu belehren, was jedoch kontraproduktiv sei. Inzwischen setze die politische Bildung stärker auf interaktive Methoden.

"Ich glaube der nächste Schritt müsste jetzt auch sein, gemeinsam die Inhalte zu entwickeln. Also nicht mit einem fertigen Konzept irgendwo hinzukommen sondern gemeinsam die Dinge mit den Menschen vor Ort zu entwickeln." Solvejg Höppner, Verband Tolerantes Sachsen

Fazit: Interaktiver, flexibler und thematisch aktueller sollen politische Bildungsangebot in Sachsen werden. Dabei versuchen Initiativen wie die von Solvejg Höppner ähnlich wie Landeszentralen-Direktor Roland Löffler den Akteuren vor Ort Starthilfe zu geben, damit diese dann selbst und in Eigenregie für politische Bildung sorgen können.