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Rechte Attentäter: Die "Gamifizierung" des Terrors | BR24

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Rechter Terror: Der Tätertyp und wie er sich radikalisiert.

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    Rechte Attentäter: Die "Gamifizierung" des Terrors

    Wie radikalisieren sich rechte Attentäter wie der von Halle oder der Attentäter vom OEZ im Internet? Auf Spieleplattformen? Sind sie die klassischen "einsamen Wölfe"? Politikwissenschaftler Florian Hartleb erklärt den Tätertyp.

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    Der Politikwissenschaftler Florian Hartleb befasst sich seit Jahren mit einem besonderen Tätertyp rechter Terroristen: Sogenannte "einsame Wölfe", die abgeschottet vom organisierten Neonazismus agieren und sich oftmals allein über das Internet radikalisieren.

    Lesetipp: Anschlag von Halle - Der neue globalisierte Netz-Terror

    Attentate von Halle und OEZ: Parallelen beim Täterprofil

    Immer häufiger spielen dabei Spieleplattformen eine entscheidende Rolle. Hartleb sieht klare Parallelen zwischen dem Attentäter von Halle und dem vom Olympia-Einkaufszentrum in München. Und er fordert eine öffentliche Debatte über extrem rechte Tendenzen auf Online-Plattformen.

    BR-Reporter Thies Marsen hat das Interview geführt.

    Wo sehen Sie Parallelen zwischen dem Attentäter von Halle und dem Attentäter vom Olympia-Einkaufszentrum in München?

    Der Innenminister von Sachsen-Anhalt Holger Stahlknecht hat ja nach Halle gesagt, die Tat sei eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das war sie aber nicht, denn es gab eben schon vorher in München diesen Anschlag von David S.

    Vor allem besteht die Parallele darin, dass diese Täter sehr stark im Internet aktiv und vernetzt waren und dementsprechend auch auf Spieleplattformen unterwegs waren. Und beide Täter hatten auch Vorbilder. Bei David S. war es der norwegische Attentäter Anders Breivik. Er hatte Breivik als WhatsApp-Profilfoto und er hat seinen Anschlag genau fünf Jahre nach dem von Breivik verübten Massaker mit 77 Toten begangen. Und für den Täter von Halle war es der Australier Brenton Tarrant, der im vergangenen Jahr im neuseeländischen Christchurch bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen ermordet hat. Also beide sind im Grunde auch Nachahmungstäter und ihre Vorbilder stammten nicht aus Deutschland, sondern aus Norwegen und Neuseeland bzw. Australien.

    Kann man die beiden Attentäter von München und Halle vor diesem Hintergrund als Einzeltäter bezeichnen? Denn sie hatten zwar keinen Kontakt zu örtlichen Neonaziszenen, aber haben sich doch in sozialen virtuellen Zusammenhängen bewegt – in virtuellen Kameradschaften sozusagen.

    Man könnte das durchaus als virtuelle Kameradschaft bezeichnen. Also der Attentäter von Halle hatte ja überhaupt keinen Kontakt zu irgendwelchen Rechtsextremisten in Deutschland. Er war nicht Mitglied irgendeiner Partei oder Organisation und das gilt auch für den OEZ-Attentäter.

    Das ist auch ein Unterschied zum Beispiel zu Stephan E., dem mutmaßlichen Mörder des Regierungspräsidenten von Kassel. Stephan E. war polizeilich bekannt und war auch sozialisiert in der Neonazi-Kameradschaftsszene. Und das ist anders als bei diesen Tätertypen, die vor ihrer Tat alle polizeilich nicht bekannt waren: Breivik war es nicht, Tarrant war es nicht, David S. und der Attentäter von Halle waren es auch nicht. Aber natürlich kann man bei ihnen ein Andocken an Ideologien feststellen. Bei dem Täter von Christchurch war es sehr stark die Identitäre Bewegung.

    Und der Täter von Halle hat Monate vor seiner Tat ein Selbstinterview mit sich geführt. Da stellt er sich selbst Fragen wie: Bin ich ein "einsamer Wolf"? Die Frage beantwortet er so, dass er sagt: Ich bin Teil der Online-Community. Und er setzt sich auseinander mit weiteren Fragen: Wie stark ist mein Judenhass? Wie stark ist mein Hass auf Muslime? Wie stark ist mein Hass auf Menschen mit dunkelhäutiger Hautfarbe? Also hier sieht man natürlich, dass diese Täter sehr stark eine Botschaft vermitteln und sich im Grunde in einer Eigentherapie auseinandersetzen mit ihrem Weltbild, mit ihrem Motiv. Und das ist durchaus eingebettet in virtuelle Hassräume, virtuelle Ideologien.

    Was bedeutet das für Ermittlungsbehörden? Wie müssen sich die auf solche Täter einstellen?

    Die Ermittler denken eher konservativ. Die erste Reaktion war ja auch nach der Tat von Halle, dass man nach der lokalen Szene in Halle, in Sachsen-Anhalt gefragt hat. Nur haben diese Täter überhaupt nichts mit der lokalen Szene zu tun und auch nicht mit einem sozialen, realen Umfeld, sondern allein mit einem virtuellen Umfeld, wo sie sich radikalisieren, wo sie Gleichgesinnte finden, wo sie ideologische Andockungsmöglichkeiten finden: Hass auf andere ethnische Gruppen, Antisemitismus, Hass auf Muslime, Fremdenfeindlichkeit und auch Frauenhass als Projektion ihrer eigenen persönlichen Frustrationen.

    Und viele Ermittler denken beim Thema Internet höchstens an WhatsApp, Facebook und an die herkömmlichen sozialen Medien und unterschätzen dabei die IT-Kompetenz dieser Tätertypen. Also der OEZ-Attentäter war auf Steam unterwegs und hat dort einen Gleichgesinnten aus New Mexico gefunden. Auch der Täter von Halle war extrem aktiv auf Steam, 4chan, 8chan usw. Und diese virtuelle Suche nach Gleichgesinnten ist immer noch sehr stark unterbelichtet.

    Solche Fällen zeigen auch, dass die Gamer-Community offenbar nicht in der Lage oder nicht willens ist, Frühwarnsysteme zu entwickeln gegen solche Radikalisierungstendenzen.

    Diese Diskussion wird nur sehr marginal geführt. Ich habe auch mit Vertretern der deutschen Gamingindustrie gesprochen und die sagen: Politische Diskussionen finden bei uns nicht statt. Es gibt eben dieses Vorurteil, dass zum Beispiel Steam völlig unpolitisch sei. Ein Vertreter der deutschen Industrie hat mir gesagt: Auf den Plattformen gehe es halt so zu wie am Stammtisch oder in einer Kneipe, da gebe es keine größere Gefährdung.

    Aber eine Parallele zwischen diesen Tätern ist, dass sie diese Gewaltspiele spielen, wo man dann zum Beispiel Schwarze jagt – so wie etwa der Attentäter von Halle. Und dort kursieren zahlreiche klassische rassistische, antisemitische und antimuslimische Symbole, die so letzten Endes "gamifiziert" werden.

    Bei Facebook, Twitter und Co. erleben wir gerade, dass der Gesetzgeber Druck aufbaut, dass Gesetze gegen Hass-Postings erlassen werden, dass tatsächlich Twitter und Facebook oder auch YouTube immer öfter bestimmte Inhalte aus dem Netz nehmen. Was müsste passieren, damit das auch auf Gaming-Plattformen passiert?

    Wir brauchen da dringend eine öffentliche Debatte. Bisher wird die bei uns vermieden. Diese Spieleplattformen und diese ganzen Plattformen sind vom Netzwerkdurchsuchungsgesetz ausgeschlossen. Wir beziehen diese Debatte allein auf die sozialen Medien, weil es offenkundig eine große Lobby gibt für die Online-Spieleindustrie, bei der sich auch Politiker wie Dorothee Bär oder Andreas Scheuer gerne blicken lassen.

    Letzten Endes ist es eben auch ein riesiger Markt. Steam wächst täglich, es gibt Millionen von Nutzern. Und da gibt es natürlich gewisse Lobby-Interessen, die dann eine ehrliche Debatte verhindern, gerne mit dem Argument, das sei jetzt nur wieder die aufgewärmte Killerspiele-Debatte.

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