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Schild mit Aufschrift "TÜV SÜD"
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Stefanie Heiß
Christian Stücken
Daniela Weichselgartner
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Schild mit Aufschrift "TÜV SÜD"

Der TÜV - Symbol deutscher Gründlichkeit. Wie konnte es in Brasilien zu diesem Unglück kommen? Haben die Prüfer nicht gründlich geprüft? Dem TÜV Süd droht ein Vertrauensverlust, auch in Deutschland - steht der Name TÜV doch für ein Qualitätssiegel.

Für den Wirtschaftsjuristen Michael Adams liegt das Problem darin, dass sich Sicherheit und Gewinnstreben oft nicht vereinbaren lassen. "Sicherheitsvorkehrungen sind nun einmal kostspielig. Will man nun dieselbe Sicherheit behalten und gleichzeitig noch Gewinne machen, dann wird es problematisch. Denn die Prüfunternehmen kommen unter Druck. Und häufig wird man ihnen sagen: 'Das ist überzogen. Dass da was passiert, ist ganz unwahrscheinlich. Bitte lassen Sie das mit diesen Anforderungen.' Und wenn nun ein technischer Prüfverein darauf eingeht, wird langsam die Sicherheit der Geräte sinken. Das kann bis zu einer Katastrophe führen."

Marktliberalisierung führt zu massiver Expansion des TÜV

Seit der Liberalisierung des EU-Prüfmarktes 2006 haben Prüfgesellschaften wie der TÜV Rheinland oder der TÜV Süd ihr Geschäftsfeld ausgeweitet. Inzwischen prüfen sie fast alles, was zertifizierbar ist: Kaffeemaschinen, Medizinprodukte, Ausbildungsgänge, Kraftwerke und eben auch Staudämme. Ein milliardenschwerer Markt. Der Jahresumsatz des TÜV Süd: 2,4 Milliarden Euro. Insgesamt beschäftigt der Konzern mittlerweile 24.000 Mitarbeiter an 1.000 Standorten weltweit.

Immer wieder Probleme bei TÜV zertifizierten Produkten

Doch immer wieder gibt es Probleme mit TÜV zertifizierten Produkten. 2013 zum Beispiel wurden die Anlagebetrüger der S&K-Gruppe verhaftet. Sie hatten ihr TÜV-Süd-Zertifikat benutzt, um als seriös geprüftes Unternehmen zu erscheinen. Hunderte Anleger verloren ihre Ersparnisse.

Der bekannteste Fall: 2010 zertifizierte der TÜV Rheinland Brustimplantate, die mit Billigsilikon gefüllt waren. Tausende Frauen waren betroffen.

Der Medizinanwalt Jörg Heynemann hat vor Gericht mit verschiedenen TÜV-Gesellschaften zu tun gehabt. Für ihn liegt das Problem darin, dass der TÜV nur das prüft, worum ihn der Auftraggeber bittet und wofür er bezahlt. Kann so Sicherheit gewährleistet werden?

"Bei Medizinprodukten ist es so, dass sie die Medizinprodukte selbst überhaupt nicht prüfen, sondern die prüfen nur die Unterlagen, die der Hersteller einreicht. Ob die nun stimmen oder nicht, das weiß man nicht. Man hat das ja in den PIP-Fällen bei den Brustimplantaten gesehen, dass man da munter betrügen konnte, und dass das auch an der Zertifizierungsstelle, also der Prüfstelle vorbeiging." Jörg Heynemann, Medizinanwalt

Fragwürdige Projekte in Fernost

Auch der Journalist Christian Russau ist auf ein fragwürdiges Projekt gestoßen. In China hat der TÜV-Süd den Bau eines Staudamms zertifiziert. Dabei wurden 7.500 Menschen umgesiedelt. "Der TÜV-Süd sah da überhaupt kein Problem, erklärte in dem Zertifikat hinterher, die Menschen seien alle zufrieden mit der Situation, nach dem Staudammbau und ihrer Umsiedlung. International Rivers hat eine Mitarbeiterin vor Ort hingeschickt, die hat das geprüft und festgestellt: Es gab keine hinreichenden Entschädigungszahlungen, die soziale Situation der Menschen nach dem Staudammbau war schlechter als vorher."

Der TÜV weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Prüfung transparent und für alle einsehbar war.

Überwachungsinstanz für Prüfgesellschaften

Wirtschaftsjurist Michael Adams fordert, dass auch Prüfunternehmen wie der TÜV künftig überwacht werden:

"Wir haben keinen TÜV für den TÜV. Und genau das brauchen wir. Wir brauchen entweder ein Aufsichtsamt wie die BaFin für Banken und Versicherungen oder aber ein Rechnungslegungsinstitut wie es die Wirtschaftsprüfer haben." Michael Adams, Wirtschaftsjurist

In Brasilien ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Zwei Mitarbeiter des TÜV Süd wurden vorübergehend festgenommen. Dem Konzern sollen Entschädigungsforderungen in Milliarden Höhe drohen.