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Er gilt als der Architekt des Holocaust – Adolf Eichmann. Der SS-Mann war im dritten Reich für Deportation und Ermordung der europäischen Juden zuständig. Nach dem Krieg entführte ihn der Mossad nach Israel. Dort wurde er dann vor Gericht gestellt.

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Was der Eichmann-Prozess in Israel auslöste

"Ich glaube, dass der Eichmann-Prozess die israelische Holocaust-Auffassung geprägt hat", sagt der Historiker Tom Segev. Er verfolgte als 16-Jähriger den Prozess gegen jenen Mann, der als Architekt des Holocaust galt. Zeitzeugen erinnern sich.

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Von
  • Tim Aßmann

Gabriel Bach war als junger Staatsanwalt dabei - beim Prozessauftakt gegen Adolf Eichmann. Der war ehemaliger SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt gewesen und dort verantwortlich für die Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Eichmann war zuvor in Argentinien untergetaucht und dann vom Geheimdienst Mossad entführt und nach Israel gebracht worden. Bach erinnert sich an den ersten Moment dieses Prozesses: "Wie diese Richter in den Saal kamen - mit dem israelischen Wappen hinter sich und dieser Mann, dessen einziges Bestreben es war, dieses Volk zu vernichten. Wie der aufstand und Haltung annahm vor einem souveränen israelischen Gericht. "

Die Bedeutung der Errichtung des Staates Israel war Staatsanwalt Bach "in diesem Moment klarer als in irgendeinem Moment, der da vergangen war".

Premier Gurion mischte sich in Eröffnungsrede ein

Israels damaliger Premier Ben Gurion wollte diesen Prozess. Aber er wollte auch die diplomatischen Kontakte zur Bundesrepublik Deutschland nicht belasten, sagt der israelische Historiker Tom Segev. Ben Gurion habe sich sehr dafür interessiert, was genau in der Eröffnungsrede des Staatsanwalts, Gideon Hausner, stand. Er habe die Rede vorher gelesen und sie verbessert. Er habe beispielsweise verlangt, dass man niemals "die Deutschen" sage, sondern dass man immer sagte, "die deutschen Nazis".

Zeugen zeigen Dimensionen des Holocaust auf

Mehr als einhundert Zeugen, darunter KZ-Überlebende sagen aus. Im Jerusalemer Gerichtssaal werden die Dimension und das Grauen des Holocaust deutlich und der ganzen Welt vorgeführt, sagt Historiker Segev.

"Ich glaube, dass der Eichmann-Prozess die israelische Holocaust-Auffassung eigentlich geprägt hat. Vorher hat man in Israel nur sehr wenig vom Holocaust gesprochen. Ein großes Schweigen." Tom Segev, Historiker

Eltern hätten ihren Kindern nichts davon erzählt und die Kinder hätten es nicht gewagt, zu fragen. Auch in der Schule habe man nur sehr wenig darüber gelernt.

Eichmann schiebt Schuld auf Vorgesetzte

Eichmann selbst räumt zwar ein, sich menschlich schuldig gemacht zu haben. Juristisch sei er aber unschuldig: "Meine Schuld ist mein Gehorsam. Meine Unterwerfung unter Dienstpflicht und Kriegsdienstverpflichtung. Unter Fahneneid und Diensteid. Die Führerschicht, zu der ich nicht gehörte, hat die Befehle gegeben. Sie hat meines Erachtens Strafe verdient. Aber auch die Untergebenen sind jetzt Opfer. Ich bin ein solches Opfer."

Der damalige Staatsanwalt Bach erzählt, dass er immer wieder gefragt werde, was Eichmann für ein Typ gewesen sei. "Ich glaube, am Anfang dachte er, es ist gut für seine Karriere. Und da konnte man dann sehen, dass er dann wirklich fanatischer wurde." Das Gericht habe Beweise dafür gehabt, dass er seinen Freunden gesagt hatte: "Ich weiß der Krieg ist verloren, aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen." Und dann sei Eichmann nach Auschwitz gefahren, um die Tötung von zehntausend Menschen pro Tag auf zwölftausend pro Tag heraufzusetzen.

Historiker: Eichmann war ein Fanatiker

Der Historiker Tom Segev verfolgte den Prozess als 16-Jähriger und sagt, Eichmann sei ein Fanatiker gewesen kein langweiliger deutscher Bürokrat. Segev zufolge gibt es "ein Dokument, das Eichmann vor seiner Hinrichtung geschrieben hat. Eine Autobiografie. Dieses Dokument ist sehr interessant, weil es beweist, dass es sich überhaupt nicht um einen banalen Deutschen handelt, sondern um einen sehr fanatischen Nazi."

Einziges je vollstrecktes Todesurteil in Israel

Am 15. Dezember 1961 verkündet das Gericht sein Urteil über Adolf Eichmann.

"Eine Blutnacht und eine Schreckensnacht brachte dieser Mensch über Europa. Das war nicht eine Bartholomäusnacht. Das war eine Nacht, die Jahre dauerte. Jahre war er mit nichts anderem beschäftigt als mit der Verschickung unschuldiger Menschen in den Tod. Über ein Drittel unseres Volkes wurde vernichtet. Hierfür muss er geradestehen und hierfür gibt es keine andere Strafe als den Tod." Gerichtsurteil

Eichmanns Berufung scheitert. Im Mai 1962 wird er gehängt. Es ist bis heute die einzige vollstreckte Todesstrafe in Israel.

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Der Münchner SS-General Franz Josef Huber, der für den Tod zehntausender Menschen verantwortlich ist, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg für den Bundesnachrichtendienst. Dies zeigen Dokumente, die report München ausgewertet hat.