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Proteste in Hongkong: Droht ein neues Tian'anmen? | BR24

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Für das Wochenende sind wieder Demonstrationen angesagt. Hans van Ess ist Professor für Sinologie an der Münchner LMU und vermutet: Ein neues Tian'anmen wird es zwar nicht geben, dennoch könnte China militärisch eingreifen.

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Proteste in Hongkong: Droht ein neues Tian'anmen?

Für das Wochenende sind wieder Demonstrationen angesagt. Hans van Ess ist Professor für Sinologie an der Münchner LMU und vermutet: Ein neues Tian'anmen wird es zwar nicht geben, dennoch könnte China militärisch eingreifen.

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Bayern 2-radioWelt: US-Präsident Trump schreibt in einem Tweet, Chinas Staatspräsident Xi könne, wenn er wolle, das Problem Hongkong schnell und human lösen. Kann er das wirklich?

Hans van Ess, Professor für Sinologie an der Münchner LMU: Er könnte schon, aber er wird zunächst einmal sagen, Gespräche sind nicht zielführend, weil er selber gar nicht zuständig ist. Zuständig ist die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam, die in der Tat natürlich Gespräche aufnehmen könnte, die aber dies bisher nicht so getan hat.

Bayern 2-radioWelt: Passt es denn in das Weltbild der alten Herren in Peking und ihrer Figuren in Hongkong, überhaupt auf zumeist jugendliche Demonstranten zuzugehen?

Prof. Hans van Ess: Die haben schlechte Erfahrungen damit gemacht 1989. Auf dem Tian'anmen-Platz hat Li Peng, der damalige Ministerpräsident, der vor einigen Tagen gestorben ist, ja tatsächlich mit den Demonstranten gesprochen - genützt hat es nichts. Damals hat man zu harter Gewalt gegriffen, ich glaube nicht, dass das im Augenblick wirklich eine Option ist. Aber mehr als bisher getan worden ist, wäre natürlich schon möglich.

Bayern 2-radioWelt: Das heißt dann, dass Carrie Lam auf die Demonstranten zugehen sollte?

Prof. Hans van Ess: Die Frage ist, mit wem sie da reden kann. Es gibt vielleicht einzelne Führer, die man ansprechen könnte, aber ich denke, dass Carrie Lam sich dafür eigentlich nicht hergeben möchte, weil sie sagt, es wird nichts bringen.

Bayern 2-radioWelt: Was könnte Carrie Lam denn sonst noch tun? Die Demonstranten fordern ja ihren Rücktritt.

Prof. Hans van Ess: Den wird es sicherlich nicht geben, sofern Peking dies nicht nahelegt. Und Peking setzt alles darauf, dass Hongkong diese Geschichte alleine in den Griff bekommt.

Bayern 2-radioWelt: Wie ist denn die festland-chinesische Sicht auf Hongkong? Es wird doch als Teil Chinas betrachtet?

Prof. Hans van Ess: Ja, Hongkong ist Teil des chinesischen Staatswesens. Es hat ein anderes politisches System und eine unabhängige Justiz.

Bayern 2-radioWelt: Ist Peking dieses andere politische System lästig?

Prof. Hans van Ess: Ich glaube, es ist ihm nicht lästig, denn Peking hat mit den Briten ausgemacht, dass es "Ein Land - zwei Systeme" geben kann, damit Hongkong allmählich in weicher Form in China integriert werden könne. Und ich glaube nicht, dass dies gegangen wäre, wenn man sofort das sozialistische System in Hongkong etabliert hätte.

China liegt sehr viel daran, Hongkong in der Form zu haben, wie es besteht. Denn es ist eine Wirtschaftsmetropole, die für das Funktionieren des chinesischen Außenhandels von großer Bedeutung ist. Und das politische System, so wie man es von den Briten übernommen hatte - also ohne westliche Demokratie, aber mit einer sehr sehr liberalen Wirtschaftsordnung - hat für China eine ganze Menge von Vorteilen. Hongkong bietet ganz extreme wirtschaftliche Vorteile, die Präsenz von ganz vielen ausländischen Firmenzentralen in Hongkong ist eine ganz wichtige Angelegenheit. Und, wie gesagt, der Außenhandel ist eigentlich traditionell immer über Hongkong gelaufen.

Bayern 2-radioWelt: Würden denn diese Vorteile wegfallen, wenn man Hongkong quasi assimilieren würde?

Prof. Hans van Ess: Ich denke, eine ganze Menge von ausländischen Konzernen würden sich überlegen, ihre Zentralen in eine andere Stadt, zum Beispiel nach Singapur, das eben der große Konkurrent ist, zu verlagern. Weil sie sich sagen würden, man ist da besser vor dem Zugriff und vor zu neugierigen Blicken in ihre Bücher geschützt.

Bayern 2-radioWelt: Blicken wir noch kurz auf die andere Seite, die der Demonstranten. Überspannen die gerade den Bogen?

Prof. Hans van Ess: Ich fürchte, ehrlich gesagt, das könnte so sein. Ich habe gerade gelesen, dass die Demonstrationen am Wochenende zum großen Teil verboten worden sind, und dass die Polizei sich sicherlich darauf vorbereitet, die Plätze, an denen die Demonstranten sich versammeln wollten, sehr gut zu sichern. Die Gewalt, die man gesehen hat in den letzten Tagen, ist sicherlich ein bisschen zu viel gewesen, und ich glaube, dass die Geduld langsam am Ende ist. Sowohl bei der Hongkonger Regierung als auch in Peking.

Bayern 2-radioWelt: Und das könnte dann auch ein militärisches Eingreifen bedeuten?

Prof. Hans van Ess: Ich glaube nicht, dass es ein militärisches Eingreifen wäre. Wenn, dann wäre es ein Polizei-Eingreifen. Aber die Polizei hat natürlich auch militärische Mittel. Ich glaube nicht, dass die Interesse daran haben, ein Tian'anmen der Welt zu präsentieren. Das wird es nicht geben. Aber man könnte jede Menge Wasserwerfer nach Hongkong bringen und paramilitärische Polizeieinheiten, die so etwas relativ schnell unter Kontrolle hätten.