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Proteste in der Türkei gegen Abholzung von Bäumen für Goldabbau | BR24

© Karin Senz/ARD-Studio Istanbul

Protest gegen den geplanten Goldabbau in der Türkei

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Proteste in der Türkei gegen Abholzung von Bäumen für Goldabbau

In der Türkei kämpfen Umweltschützer gegen die Abholzung von Bäumen für den Goldabbau durch eine kanadische Firma. Hunderttausende Bäume sollen im Ida-Gebirge bereits abgeholzt worden sein, zudem soll hochgiftiges Zyanid verwendet werden.

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Ein Bambus-Windspiel klimpert am Eingang von Direnköy – zu Deutsch "Widerstandsdorf". Überall hängen Transparente mit Parolen wie "Wir sind zusammen und unsere Hoffnung wächst", "Das Ida-Gebirge gehört uns" oder "Ausrottung, Verwüstung, Mord". Das klingt kämpferisch. Tatsächlich ist die Stimmung aber sehr entspannt. Es liegt ein Hauch von Woodstock in der Luft – Woodstock auf Türkisch. Die Gezi-Parkproteste am Taksim-Platz in Istanbul 2013 hatten ähnlich entspannt angefangen. Sie endeten als Protest gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan.

Die Camp-Bewohner tragen Batikklamotten und Rastazöpfe. Filiz Yaprak aus Istanbul scheut den Vergleich mit den Gezi-Park-Protesten: "Unter anderem, weil es Kreise gibt, die genau das wollen, dass man uns für Gezi-Aktivisten hält. Wir haben extra am Eingang Plakate aufgehängt, dass wir keine politischen Parolen wollen. Wir wollen hier kein zweites Gezi aufziehen - wir sind anders", so Yaprak.

Wohl deutlich mehr Bäume gefällt als genehmigt

Elaettin ist eben erst angekommen. Er hat fast 40 Jahre in Baden-Württemberg gelebt und war regelmäßig bei den Stuttgart21-Demos gegen den neuen Bahnhof. Seit er in Rente ist, lebt er in Izmir an der Ägäis. Auch in der Türkei war er immer wieder bei Demos. Er schaut zu der braunen Bergspitze gegenüber. Das Camp gibt es seit 15 Tagen, und seitdem habe die kanadische Bergbaufirma keine Bäume gefällt, erzählen ihm die Camp-Bewohner stolz, davor allerdings angeblich 600.000 – illegal. Denn die türkischen Behörden sollen nur genehmigt haben, dass rund 45.000 Bäume gefällt werden. Aber das sei gar nicht das Hauptproblem, erklärt der Wissenschaftler Murat Türkes aus dem nahegelegenen Canakkale: "Der Atikhizar-Staudamm ist das einzige Wasserreservoir der Stadt und der Umgebung hier. Dieser Wasserspeicher ist für die Bewohner jetzt und für künftige Generationen wichtig", betont der Wissenschaftler.

Hochgiftiges Zyankali soll zum Einsatz kommen

Gold wird mit Hilfe von Zyankali in großen Becken aus dem Gestein herausgelöst, erklärt er. Die Fläche für die Becken wurde schon abgeholzt. Türkes traut den Sicherheitsvorkehrungen nicht. Er befürchtet, dass das giftige Zyankali und schädliche Schwermetalle in den Trinkwasserspeicher gelangen. Elaettin ist zusammen mit anderen vom Camp hinauf zur Baustelle für die Becken marschiert. Er starrt auf die riesige kahle braune Fläche im Wald: "So eine schreckliche Grube, das habe ich mir nicht vorgestellt."

Arbeitsplätze für junge Menschen

Murat Türkes hat schon vor 20 Jahren vor den Folgen des Goldabbaus gewarnt. Damals waren auch noch einige Bewohner im nahen Dorf Kirazli dagegen. Diese große türkeiweite Protestwelle jetzt kommt für sie viel zu spät. Sie haben sich mit den kahlen Flächen in ihrer Umgebung abgefunden. Außerdem bietet das kanadische Bergbauunternehmen endlich Arbeitsplätze vor allem für die jungen Menschen hier in einer Region. Die Demonstranten aus Istanbul, Antalya oder Izmir reisen irgendwann wieder ab, aber sie müssen hier mit allen Strukturproblemen leben, kritisieren sie.

Elaettin und seine Frau sitzen in Klappstühlen vor ihrem kleinen Iglu-Zelt. Die Nacht war unbequem. Die Luftmatratze hatte ein Loch, erzählt der Rentner. Eine Woche wollten sie bleiben. Aber jetzt sieht es nach Packen aus. Ein Komitee, in dem auch die Stadtverwaltung von Canakkkale vertreten ist, hat beschlossen, hier darf niemand mehr übernachten. Die Waldbrandgefahr sei zu hoch. Die Proteste an sich wolle man aber weiter unterstützen. Der Rentner aus Izmir hat den Eindruck, das Camp ist dem Komitee wohl über den Kopf gewachsen. Denn es kommen ständig neue Demonstranten mit Zelt im großen Rucksack an.

HDP vermutet Druck von Erdogan

Serpil Kemalbay von der prokurdischen HDP ist eine von mehreren Politikerinnen, die das Camp besucht. Sie vermutet: "Die Regierung, Erdogan übt ernsthaft Druck aus. Der Staat, die Regierung wollen diese ganze Aktion kriminalisieren", so die Politikerin Kemalbay.

Bei einem großen Forum mitten im Camp am Abend diskutieren Camp-Bewohner mit den Komitee-Mitgliedern. Im Anschluss beratschlagen sie in kleinen Gruppen, wie es weiter gehen soll: Friedlich abziehen oder Widerstand leisten und riskieren, dass alles eskaliert. Auch Elaettin und seine Frau sind unschlüssig. Das Zeltlager sei ein wichtiges Symbol, wenn es geräumt werde, würde der Kapitalismus gewinnen, fürchtet er, und die Natur verlieren.