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Ein Jahr Palästinenser-Proteste am Grenzzaun zu Israel | BR24

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Seit einem Jahr protestieren Palästinenser am Grenzzaun zu Israel im Gazastreifen - teilweise auch gewaltsam. Hunderte Menschen sind dabei bereits ums Leben gekommen, tausende wurden verletzt. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

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Ein Jahr Palästinenser-Proteste am Grenzzaun zu Israel

Seit einem Jahr protestieren Palästinenser am Grenzzaun zu Israel im Gazastreifen - teilweise auch gewaltsam. Hunderte Menschen sind dabei bereits ums Leben gekommen, tausende wurden verletzt. Ein Ende ist wohl nicht in Sicht.

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Eine schmale Straße in Khuza’a, ein Dorf im Süden des Gazastreifens, direkt an der Grenze zu Israel. Die Familie al-Nadschar sitzt vor dem Haus. In einer Metalltonne brennt ein Feuer, es ist ziemlich kalt.

Über der Straße hängt ein Transparent. Es zeigt die älteste Tochter der Familie: Rasan. Auf dem Foto trägt sie einen weißen Kittel und ein graues Kopftuch. "Die Märtyrerin Rasan al-Nadschar", steht auf dem Plakat, sei eine "Botschafterin des Friedens". Die Palästinenserin starb mit 21 Jahren am Grenzzaun zwischen dem Gazastreifen und Israel. Sie wurde von der Kugel eines israelischen Soldaten getroffen.

„Ich habe mir das nie vorstellen können, dass ich meine Tochter verlieren würde. Sie war eine Sanitäterin. Warum also wurde sie erschossen? Sie hat den Soldaten nichts getan.“ Sabrine al-Nadschar, Mutter von Rasan

Mehr als 250 Tote in einem Jahr

Seit einem Jahr demonstrieren Palästinenser am Grenzzaun. In diesem Zeitraum kamen nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 250 von ihnen ums Leben, tausende Menschen wurden verletzt. Manche der Demonstranten schmissen mit Steinen und Brandsätzen. Es gibt auch Videoaufnahmen, die zeigen, wie Palästinenser den Grenzzaun nach Israel überwinden und Macheten in den Händen halten.

Rasan al-Nadschar aber war als Rettungsassistentin unterwegs. Unbewaffnet, in einem weißen Kittel. Laut Recherchen der New York Times wurde sie nicht gezielt erschossen. Möglicherweise traf die Kugel erst den Boden und dann die junge Palästinenserin.

"Rasan war ein großzügiger Mensch. Ein unschuldiger Mensch. Sie hat immer gegeben. Freunden. Fremden. Sie hat sogar ihr Handy verkauft, damit sie mit dem Geld Verbandsstoff für die Verletzten an der Grenze kaufen konnte. Rasan war ein Engel." Sabrine al-Nadschar, Mutter von Rasan

Die israelische Armee untersucht den Fall nach eigenen Angaben. Ein Ergebnis wurde noch nicht veröffentlicht. Eine Interviewfrage der ARD über die Grenzproteste lehnten die Sprecher der Armee ab. In der Vergangenheit betonten sie, dass der Einsatz von scharfer Munition immer nur das letzte Mittel sei. Den Verlust von Menschenleben versuche man - wann immer möglich - zu vermeiden.

Humanitäre Lage im Gazastreifen desolat

Zwei Männer fahren mit einem Eselskarren eine Straße im Norden des Gazastreifens entlang. Auf dem Karren liegt nur eine Handvoll Gurken. Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist desolat.

Vor zwölf Jahren übernahm die Hamas die Kontrolle des Küstenstreifens. Eine Organisation, die von Israel, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird. Israel und in Teilen Ägypten haben eine weitgehende Blockade gegen Gaza verhängt und begründen das mit Sicherheitsbedenken. Der innerpalästinensische Machtkampf zwischen den Bewegungen Hamas und Fatah verschlechtert die Lage der Menschen zusätzlich.

Der Deutsche Matthias Schmale leitet die Geschäfte der UNRWA im Gazastreifen, dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für die Palästinenser.

"Wir haben als UNO vor ein paar Jahren einen Bericht rausgebracht, in dem wir gesagt haben: Wenn sich nicht fundamental was ändert, dann kann man im Jahr 2020 hier im Gazastreifen nicht mehr richtig und vernünftig leben. Wir haben über 53 Prozent Arbeitslosenquote. Ein zweiter Faktor ist Armut: Wir füttern eine Million Menschen durch, das heißt: Die Hälfte der Bevölkerung in Gaza." Matthias Schmale, Direktor des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen im Gazastreifen

Streit über Rückkehrrecht der Palästinenser

Mit dem sogenannten "Marsch der Rückkehr", der vor einem Jahr begann, demonstrieren die Palästinenser gegen die weitgehende Blockade des Gazastreifens. Sie fordern, dass sie in das Land zurückkehren dürfen, aus dem ihre Groß- oder Urgroßeltern einst flohen oder vertrieben wurden: das heutige Israel.

Es ist undenkbar, dass Israel diese Forderung erfüllen wird.

Palästinenser geben nicht auf

Khuza’a am Abend, das Dorf, im dem die Familie der getöteten Rettungsassistentin lebt. Etwas früher konnte man noch erkennen, wie auf der anderen Seite des Grenzzaunes israelische Scharfschützen auf aufgeschütteten Erdhügeln liegen. Jetzt ist es stockdunkel.

Etwa 400 Meter von der Grenze entfernt hat sich eine Gruppe junger Männer versammelt. Manche von ihnen haben ihre Gesichter mit Tüchern vermummt. Auf einem Kleinlaster steht ein etwas älterer Mann und gibt Instruktionen. Israel wirft der Hamas vor, genau zu kontrollieren, was am Grenzzaun geschieht. "Ich möchte eine Zukunft haben", sagt ein Mann. "Ich will die Blockade um jeden Preis aufheben. Dafür würde ich auch mein Leben opfern."

Die jungen Männer laufen zum Grenzzaun. Dort zünden manche von ihnen Reifen an. Dichter Rauch bildet sich. Schüsse fallen. Explosionen sind zu hören. Gegenüber der ARD erklärt die israelische Armee: 150 Palästinenser hätten an jenem Abend in Khuza’a brennende und explosive Objekte in Richtung des Grenzzaunes geschleudert.

Beide Seiten tragen Mitschuld

Seit einem Jahr geht das so. Palästinenser und Israelis stehen sich am Grenzzaun gegenüber. Sie sind etwa gleich alt, viele von ihnen gerade einmal 18, 19 Jahre. Akteure in einem seit Jahrzehnten ungelösten Konflikt, der sich seit zwölf Monaten immer wieder am Grenzzaun entlädt. Matthias Schmale vom UN-Hilfswerk für die Palästinenser macht beide Seiten für die Ereignisse verantwortlich.

"Vor kurzem hat eine unabhängige Kommission, die von der Menschenrechtsorganisation der Vereinten Nationen beauftragt worden ist, einen Bericht veröffentlicht, und ich habe den Bericht gelesen: Das ist ganz klar, dass die Beweise gefunden haben, dass auf israelischer Seite oft unverhältnismäßig eingegriffen worden ist." Matthias Schmale, Direktor des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen im Gazastreifen

Auf der anderen Seite die Hamas. Die könnte die Proteste absagen. Oder zumindest eine absolute Gewaltfreiheit der Demonstranten durchsetzen. Aber das tut sie nicht. Im Gegenteil.

"Das ist keine Frage, dass die politischen Akteure hier und das ist natürlich in erster Linie Hamas, in die Verantwortung gezogen werden müssen. Dass man das auf Teufel komm raus von Hamas-Seite aus weitergemacht hat, das ist schon anfragbar. Die menschlichen Kosten sind zu hoch." Matthias Schmale, Direktor des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen im Gazastreifen

Hoffnung auf Veränderung in der Bevölkerung gering

Ein Jahr nach Beginn der Proteste fragen sich viele Palästinenser: Hat es sich gelohnt? Hamas-Vertreter betonen, man habe die Welt aufgerüttelt. Sie schaue endlich wieder auf den Gazastreifen.

Doch in großen Teilen der Bevölkerung, meint Matthias Schmale, überwiege die Resignation.

"Die Stimmung ist eher sehr gedämpft. Im Moment gibt es sehr wenige, die glauben, dass der "Marsch der Rückkehr" irgendwelche langfristigen Erfolge erzielen wird." Matthias Schmale, Direktor des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen im Gazastreifen

Palästinenser haben erneut Proteste angekündigt

Heute, am Jahrestag des Beginns der Proteste, könnten dennoch wieder zehntausende Palästinenser an die Grenze ziehen. Manche könnten Gewalt ausüben. Viele wollen friedlich demonstrieren. So wie die Familie von Rasan al Nadschar, der Rettungsassistentin, die an der Grenze ihr Leben verlor. Sogar die anderen Kinder sollen mitkommen.

Die Familie hat Abendessen gemacht: selbstgebackenes Brot mit Olivenöl und Satar-Gewürz. Amir ist der Jüngste in der Familie, er ist fünf Jahre alt. Immer wenn es Essen gebe, erzählt die Mutter Sabrine, wolle Amir eine Schaufel holen. Damit seine Schwester Rasan ausgebuddelt werden könne aus ihrem Grab. Und mitessen könne.