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Presse in der Krise: Werbeeinbrüche und Geisterredaktionen | BR24

© dpa-Bildfunk/Paul Zinken

Presse in der Krise: Werbeeinbrüche und Geisterredaktionen

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    Presse in der Krise: Werbeeinbrüche und Geisterredaktionen

    Das Anzeigenaufkommen bei Tageszeitungen ist bis zu 80 Prozent eingebrochen, Redaktionen arbeiten fast komplett von zu Hause, Service rund um Corona und regionale Informationen werden wichtiger.

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    Die Coronakrise hat auch die Medienhäuser fest im Griff - nicht nur journalistisch: Beim Verlagshaus der Nürnberger Nachrichten ist nur mehr die Hälfte der Belegschaft vor Ort, im Berliner Springer-Hochhaus sind die Redaktionen verwaist und im Newsroom der dpa, wo sonst 250 RedakteurInnen nebeneinander arbeiten, herrscht ebenfalls große Leere.

    Alles Wissenswerte rund um Corona hier

    Umstellung auf Homeoffice

    Die meisten Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften haben auf Homeoffice umgestellt. Sie sind auf die Online-Zusammenarbeit mehr oder weniger gut vorbereitet. "Das ist für uns intern auf jeden Fall ein Schub für die Digitalisierung, wir haben in kurzer Zeit ein neues Kommunikationstool installiert", sagt der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Michael Husarek.

    Das Haus könne alle Kanäle bedienen: Darunter sind ein eigener Podcast zu Corona, ein Live-Ticker mit Berichten aus der Quarantäne und ein täglicher Newsletter: "Wir setzen unsere Themen selbst und nutzen alle Möglichkeiten, um auf unsere Stärke, den regionalen Qualitätsjournalismus in Zeiten des Coronavirus, aufmerksam zu machen", so Husarek.

    Journalistisch sieht er die Krise durchaus als positive Herausforderung – aber wirtschaftlich ist die Lage der Zeitung sehr angespannt: Denn das Anzeigenaufkommen geht drastisch nach unten.

    Drastische Anzeigeneinbrüche wegen Absagen

    Das bestätigt Anja Pasquay, Pressesprecherin des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV), für ganz Deutschland: Bis zu 80 Prozent der Anzeigen in Tageszeitungen fallen bereits weg. Kein Wunder: Es gibt keine Kultur- oder Sportveranstaltungen mehr anzukündigen, im Einzelhandel mussten die meisten Geschäfte schließen, und Supermärkte verzeichnen Rekordumsätze auch ohne Werbung.

    Bei den Zeitschriften liegt der Rückgang aktuell bei 30 bis 40 Prozent, Tendenz fallend, so Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Vor allem Sport- und Reisezeitschriften brechen die Umsätze weg, aber auch die Inhalte, wenn nichts mehr stattfindet und Urlaube ausfallen müssen. Stark betroffen sind auch Fachverlage, die vor allem von Messen und Ausstellungen leben. Außerdem Stadtmagazine, die fast ausschließlich auf Werbung für Veranstaltungen angewiesen sind.

    Neue kreative Inhalte

    Aber: Kinder- und Jugendzeitschriften boomen, weil Eltern nach qualitätsvoller Unterhaltung für ihre Kinder und Teenager zu Hause suchen. Das gilt auch für Tageszeitungen, die dieses Angebot gerade massiv ausweiten oder allen, auch Nicht-Abonnenten, zugänglich machen.

    Darüber hinaus verwirklichen Regionalzeitungen derzeit viele neue Ideen: Tägliche Newsletter zu Corona, fremdsprachliche Informationen für Menschen, die nicht ausreichend Deutsch verstehen, Listen von Lokalen, die Essen ausliefern oder Aktionen, wie man lokale Künstler unterstützen kann, die jetzt nicht auftreten können.

    Journalismus kostet auch in der Krise Geld

    Deshalb widerspricht BDZV-Sprecherin Pasquay den immer wieder in sozialen Medien geäußerten Forderungen, die Verlage müssten jetzt die Pay-Wall einreißen und alle Inhalte kostenlos bereitstellen: Schließlich hätten die Zeitungen viele Nachrichten und alle Infos rund um Corona vor ihrer Pay-Wall stehen, außerdem viele Zusatzangebote. Nach wie vor gilt, "dass das Vorhalten von gut recherchierten Informationen und tollen Geschichten Geld kostet", sagt Anja Pasquay.

    Der Abruf von Medieninhalten im Netz hat sich gerade mehr als verdoppelt, vermeldet wird ein Allzeithoch. Doch wie lange Zeitungen und Zeitschriften, vor allem wenn kein großer Medienkonzern hinter ihnen steht, die Krise durchstehen können, darüber wagen weder Zeitungs- noch Zeitschriftenverlegerverbände eine Prognose.

    Nicht nur schwarz sehen

    VDZ-Geschäftsführer Scherzer ist es wichtig, dass die Verlage die Beziehungen zu ihren freien MitarbeiterInnen – ob aus Journalismus, Grafik, Design, Werbung – nicht abreißen lassen. Irgendwann wolle man schließlich wieder zusammenarbeiten. Daher fordert er, sich gemeinsam an längerfristige Projekte zu machen.

    Jetzt sei auch die Zeit der Kreativität, um sich zu überlegen, wie man analoge Angebote ins Digitale übertrage. Zum Beispiel neue Webcasts oder mehr Podcasts: "Die Menschen suchen nach Vertrauensankern, die finden sie in starken journalistischen Marken, ob öffentlich-rechtlich oder privat", so Scherzer.

    Auch den in den sozialen Netzwerken herumschwirrenden Chaos-Informationen könne man verantwortungsvolle, presserechtlich abgesicherte, systemrelevante Informationen entgegensetzen, meint der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).

    Kioske bleiben geöffnet

    Zeitungen und Zeitschriften seien geistiges Grundnahrungsmittel, so Scherzer, in der Krise hätten die Menschen zu Hause Zeit, sich wieder einmal intensiver mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Und seine Kollegin Pasquay verweist ebenfalls darauf, dass derzeit noch alles funktioniere: Papier und Farbe für den Druck werde geliefert, die Presse von Speditionen ausgeliefert und von Grossisten wie Austrägern verteilt.

    Da die Medien von der Bundesregierung als kritische Infrastruktur und damit als systemrelevant eingestuft worden sind, dürfen auch Kioske und Verkaufsstellen weiterhin geöffnet bleiben – für Zeitungen und Zeitschriften überlebensnotwendig.

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