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Vor drei Monaten ist das Flüchtlignslager Moria auf der Insel Lesbos abgebrannt. Tausende Menschen wurden obdachlos. Auf die Schnelle wurde für gut 7.000 Flüchtlinge ein provisorisches Zeltlager errichtet. Dort überwintern sie nun.

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Kälte und Krankheiten: Prekäre Lage im Flüchtlingscamp Kara Tepe

In aller Eile wurde das Camp Kara Tepe auf Lesbos errichtet, nachdem das Flüchtlingslager Moria komplett abgebrannt war. Doch die Übergangslösung wurde zum Dauerzustand. Mehr als 7.000 Menschen leben dort bis heute – unter prekären Bedingungen.

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Von
  • Anja Miller

In einem Waldstück in der Nähe des Hafens von Mytilini haben zwölf Menschen die Nacht verbracht. Schleuser brachten sie auf die Insel und überließen sie dann ihrem Schicksal. Mit dem Wenigen, das sie behalten konnten, machen sie sich auf den Weg zum neuen Camp Kara Tepe.

7.000 Menschen ohne ausreichenden Schutz vor der Witterung

Es ist der erste Schritt nach Europa, in eine sichere Welt. So zumindest sollte es sein. Doch die Realität sieht anders aus: Wenn es regnet und stürmt, wie in den vergangenen Wochen, stehen die Schutzzelte unter Wasser, denn es gibt hier keine Drainagen, keine Abwasserrohre oder Mauern. Die Menschen sind dem Wetter ausgeliefert. Zeltstoffe zerreißen im Wind.

Das neue Lager ist nach dem Brand von Moria von den griechischen Behörden zusammen mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk auf einem erdigen Militärgelände errichtet worden. Auf diesem Teil der Insel gibt es keine ausreichende Strom- und Wasserversorgung – für die Einheimischen nicht und erst recht nicht für mehr als 7.000 Flüchtlinge.

Schmutz, Hautausschläge - aber kein Wasser zum Waschen

"Im Moment sehen wir ein paar Verbesserungen, aber die Situation im neuen Lager ist äußerst prekär", sagt Jason Hepps von UNHCR Athen. Besonders unerträglich ist die Situation für Familien mit Kindern. Ali Ahmad Karin aus Afghanistan erzählt von unzumutbaren Bedingungen für seine Familie, die zu fünft in einem kleinen Zelt wohnt: "Das Leben im Camp ist sehr schwierig. Ohne Wasser und Duschen – wir können die Kinder nicht waschen." Er zeigt Bilder von Hautausschlägen, die seine Kleinste vom Liegen auf dem feuchten Boden bekommen hat. "Ja, das ist mein Kind, es ist alles voll Dreck da."

Traumatisierte Kinder, die sich im Dunklen nicht zur Toilette trauen

Die Sorge um die Kinder im Camp ist groß. Schmutz, Kälte, Krankheiten. Und sie sind immer wieder Gewalt ausgesetzt. Erst vor wenigen Tagen ist ein kleines Mädchen vergewaltigt worden. Ärzte ohne Grenzen hat eine mobile Kinderklinik außerhalb des Lagers aufgestellt, um den Kindern zu helfen. "Sie fürchten sich die ganze Zeit, wenn das Zelt in der Nacht im Wind weht und Krach macht. Sie haben Angst zur Toilette zu gehen, wenn es dunkel ist. Sie waren oft Zeugen, wenn Eltern überfallen worden sind und haben Angst, dass es wieder passieren kann", berichtet Katrin Glatzbrubakk, Kinderpsychologin bei "Ärzten ohne Grenzen".

Zahlreiche Hilfsorganisationen, darunter Sea-Eye aus Regensburg, schicken Nahrungsmittel, um die Not zu lindern – denn allen ist klar: Die Übergangslösung des neuen Camps ist ein für die Bewohner kaum erträglicher Dauerzustand geworden. Für die Leiterin des Migrationsprogramms bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Victoria Rietig, liegt hier der Kern des Problems.

"Lager sind ein kurzfristiges Instrument, das, wenn die Bedingungen dort stimmen, also menschenwürdig sind, ein Standardinstrument für Migrationspolitik ist. Aber wir benutzen dieses Instrument falsch, wir benutzen es als Dauerlösung und dafür ist ein Lager nicht geschaffen". Victoria Rietig, Migrationsexpertin

EU wurde ihrer Verantwortung bisher nicht gerecht

Langfristige Lösungen seien in diesem Jahr auch unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft nicht gefunden worden, so die DGAP-Expertin. Dazu zählen Partnerschaften außerhalb der EU oder die Möglichkeit, Asylanträge auch schon im Land zu stellen und zu prüfen. Genauso wenig habe die EU die Verteilung oder Rückführung der Flüchtlinge regeln können. Der Winter wird lang für die Menschen in Kara Tepé. Dieses Lager in Europa bietet ihnen keinen wirklichen Schutz.

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