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Proteste in Prag gegen den "russischen Aggressor", zugleich Huldigung an die USA als "Friedensmacher" am 18.04.202.

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    Prag weist 18 russische Diplomaten aus, Moskau 20 tschechische

    Die Beziehungen zwischen Russland und Tschechien sind durch eine Geheimdienstaffäre schwer belastet. Das russische Außenministerium weist 20 tschechische Diplomaten aus, zuvor hatte Tschechien 18 russische Diplomaten ausgewiesen.

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    • BR24 Redaktion

    Ein Eklat in Tschechien verschärft die Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Beide Länder wiesen am Wochenende gegenseitig zahlreiche ihrer Diplomaten aus. Zuvor hatte die tschechische Regierung Russland einen Anschlag auf ein Munitionsdepot im Jahre 2014 in dem Nato-Land vorgeworfen. Es handelt sich um den schwersten Konflikt zwischen beiden Staaten seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989.

    Prag: Russland steckt hinter Anschlag 2014

    Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babis und der geschäftsführende Außenminister Jan Hamacek erklärten im Fernsehen, Russland werde verdächtigt, hinter Explosionen in einem tschechischen Munitionslager vor knapp sieben Jahren zu stecken. Deswegen würden 18 Beschäftigte der russischen Botschaft in Prag ausgewiesen, die als Geheimdienstmitarbeiter identifiziert worden seien.

    Moskau spricht von "Provokation"

    Moskau bestellte daraufhin den tschechischen Botschafter ins Außenministerium ein und nannte die Ausweisung der russischen Diplomaten einen "feindlichen Akt". Darüber hinaus wies der Kreml 20 tschechische Diplomaten aus. Das russische Außenministerium erklärte, die "Urheber dieser Provokation" seien dafür verantwortlich, dass "die Grundlagen normaler Beziehungen zwischen unseren Ländern zerstört" würden.

    USA und Nato-Staaten: An der Seite Tschechiens

    Die tschechische Regierung teilte mit, sie habe die Nato und die Europäische Union (EU) über den Vorgang informiert und der Fall werde beim EU-Außenministertreffen am Montag eine Rolle spielen. Die USA und andere Nato-Staaten, darunter Großbritannien, erklärten, sie stünden fest an der Seite Tschechiens. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte dem US-Sender CBS, die Weltmächte sollten im Umgang mit Russland "klare rote Linien" ziehen und mögliche Sanktionen gegen Moskau in Betracht ziehen, wenn diese überschritten würden.

    Zwei Tote bei Explosion 2014

    In dem Munitionsdepot von Vrbetice im Südosten des Landes war es am 16. Oktober 2014 zu schweren Explosionen gekommen. Dabei starben zwei Mitarbeiter eines Privatunternehmens, das die Militäranlage genutzt hatte. Ministerpräsident Andrej Babis sagte, es gebe "klare Beweise" dafür, dass Angehörige des russischen Militärgeheimdienstes GRU in die Explosion in einem Munitionslager nahe dem Dorf Vrbetice verwickelt waren, bei der zwei Menschen getötet wurden. Dies sei "beispiellos und skandalös". Die Spur der Ermittler führe zu einer GRU-Spezialeinheit mit der Nummer 29155.

    Prag wirft Moskau "Staats-Terrorismus" vor

    "Tschechien ist ein souveräner Staat und muss auf diese nie dagewesenen Enthüllungen in entsprechender Form reagieren", so Babis. Der Präsident des Senats, Milos Vystrcil, sprach von "Staats-Terrorismus". Das russische Außenministerium dagegen sprach von einer "beispiellosen Entscheidung", die völlig unbegründet sei. Die Vorwürfe seien absurd.

    Russische Agenten auch bei Skripal-Anschlag?

    Die tschechische Polizei veröffentlichte zudem Fahndungsfotos zweier Tatverdächtiger. Die Bilder zeigen zwei Russen, die bereits in Zusammenhang mit einem Nervengift-Anschlag auf den früheren Doppelspion Sergej Skripal in Großbritannien 2018 gesucht werden. Russland weist auch jede Verwicklung in den Fall Skripal zurück.

    Die beiden mutmaßlichen GRU-Spione waren nach tschechischen Polizeiangaben Mitte Oktober 2014 sechs Tage lang in Tschechien. Dabei hätten sie sich - wie später in England - als Alexander Petrow und Ruslan Boschirow ausgegeben. Sie hätten auch die Region Zlin besucht, in der sich das Munitionslager befindet. Die russische Nachrichtenagentur Interfax schrieb unter Berufung auf Quellen, dass Russland die Männer nicht ausliefere.

    Verhandlungen über Sputnik V abgesagt

    Die Enthüllungen kommen überraschend. Ursprünglich hatte Innenminister Jan Hamacek am Montag nach Moskau reisen wollen, um über Lieferungen des Corona-Impfstoffs Sputnik V zu verhandeln. Die Reise wurde kurzfristig abgesagt. Hamacek leitet derzeit kommissarisch auch das Außenministerium.

    Schlechte Stimmung wegen Nawalny und Ukraine-Konflikt

    In den vergangenen Monaten haben sich die Beziehungen zwischen Russland und westlichen Ländern zusehends verschlechtert. Anlässe waren unter anderem der Streit um den russischen Regierungskritiker Alexej Nawalny nach seiner Vergiftung und Verurteilung sowie der Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine nach der russischen Besetzung der völkerrechtlich zur Ukraine gehörenden Krim.

    Zuletzt hatte es vor einem Jahr Spannungen zwischen Tschechien und Russland gegeben. Auslöser war damals die Entfernung einer Statue für den sowjetischen Weltkriegsgeneral Iwan Konew in Prag.

    Folgen für AKW-Bau

    Die neuen Spannungen dürften Folgen für den geplanten Ausbau des tschechischen Atomkraftwerks Dukovany in Südmähren haben. Die Teilnahme russischer Firmen an dem Milliardenprojekt sei nun sehr unwahrscheinlich bis praktisch ausgeschlossen, sagte Industrieminister Karel Havlicek im Sender CNN Prima News.

    Kürzlich erst hatten die USA und Polen zusammen 13 russische Diplomaten ausgewiesen, unter anderem mit Verweis auf einen Hackerangriff. Daraufhin hatte Russland seinerseits 15 Diplomaten der beiden Staaten des Landes verwiesen.

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