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Pränataldiagnostik: Kostenfaktor Downsyndrom | BR24

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Ist es billiger, Behinderte durch Pränataldiagnostik zu verhindern, als sie lebenslang zu versorgen? Heute wäre diese Frage ein Tabubruch. Unsere Recherchen zeigen, dass in den 70ern mit solchen Argumenten Politik gemacht wurde.

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Pränataldiagnostik: Kostenfaktor Downsyndrom

Für die Pränataldiagnostik fehlte vor 50 Jahren das Geld. Wissenschaftler und Politiker fingen an zu rechnen: Was kosten Behinderte? Was ihre Verhinderung? Und das in ungeahntem Ausmaß, wie das BR-Magazin Kontrovers recherchiert hat.

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Ende der 70er betrieben Humangenetiker und ihre Unterstützer viel Lobbyarbeit für ihr Forschungsgebiet. Die Adressaten: die zuständigen Forschungs- und Gesundheitsminister, Gesundheitspolitiker oder einflussreiche Wissenschaftler wie der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Botschaft: Die pränatale Diagnostik von Ungeborenen auf Downsyndrom biete einen "beträchtlichen ökonomischen Nutzen". Unter volkswirtschaftlichen Aspekten, so ein Brief an die damalige Bundesgesundheitsministerin Katharina Focke (SPD), sei die pränatale Diagnostik "dringend geboten" Die Rechenlogik dahinter: Die vorgeburtliche Diagnose und Abtreibung Behinderter ist günstiger als ihre lebenslange Versorgung.

Die Forschung stand vor dem Aus

Briefe, Bücher, Aufsätze und Reden. Die Liste derer, die das Kostenargument verbreiteten, liest sich wie ein Who-is-Who der damaligen Humangenetik in Deutschland. Denn den Wissenschaftlern gingen Zeit und vor allem Geld aus. Mit der Fruchtwasseruntersuchung war seit den späten 60ern eine Entdeckung zum Beispiel des Downsyndroms im Mutterleib möglich. Allerdings war die Finanzierung der Diagnostik nicht gesichert: Die für die Forschung zuständigen Länderministerien zögerten. Den Aufbau von Beratungsstellen und Laboren übernahm zunächst die Deutsche Forschungsgemeinschaft - aber auch deren Finanzierung lief Mitte der 70er aus.

"1977 war die Kosten-Nutzen-Rhetorik erfolgreich, um die Übernahme der Pränataldiagnostik in die Haushalte der Länder vielfach zu erwirken und eine größere ethische Debatte, ob dies möglicherweise problematisch sei, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht." Birgit Nemec, Historikerin Universität Heidelberg

Eine diskriminierende Rechnung

Heute gilt der Kostenvergleich als Verstoß gegen die Menschenwürde Behinderter. Damals - keine 30 Jahre nach den Krankenmorden der Nationalsozialisten - fand er in der Bundesrepublik ein ungeahnt breites Echo, wie Recherchen des BR-Magazins Kontrovers zeigen. In einer Vorlage des Berliner Senats von 1978 findet sich ein Hinweis auf Millionenbeträge, die behinderte Kinder angeblich "oftmals" kosteten. Die Gesundheitsbehörde Hamburg lobte im selben Jahr den "entscheidenden Beitrag zur Kostendämpfung" der Humangenetik. Und auch in Bayern war das Kostenargument präsent im Senat und verschiedenen Ministerien.

Beratungsstelle in München stand vor dem Aus

In München stand die genetische Beratungsstelle der Kinderpoliklinik in den 70ern vor ungeklärten Finanzierungsfragen. Auch hier fiel das Kostenargument: "Hohe Summen werden gespart", schrieb 1975 die Süddeutsche Zeitung. Jan Murken war damals Humangenetiker und Leiter der Beratungsstelle. Er meint, die Kostenfrage sei damals von der Politik an die Wissenschaftler herangetragen worden. In der Beratung von Eltern habe sie keine Rolle gespielt.

"In der einzelnen genetischen Beratung sitzen Sie einem Elternpaar gegenüber und versuchen die Diagnose zu stellen. Sich einzufühlen in den Kummer der Eltern. Wer hat denn da Kosten-Nutzen-Argumente im Kopf? Das gibt es wirklich nicht." Jan Murken, Humangenetiker

Monetärer Nutzen: 16 Millionen DM bei 172 Downsyndrom-Patienten

Ob der Kosten-Nutzen-Vergleich ursprünglich aus der Politik oder der Wissenschaft kam, ist aber nicht endgültig zu klären. Auch Jan Murken 1978 zitierte in seiner Rede auf dem Ärztetag in Mannheim die Berechnungen seiner Kollegen ausführlich, auch wenn er gleichzeitig versuchte, sich von ihnen zu distanzieren: mehr als 16 Millionen DM "monetärer Nutzen" von Schwangerschaftsabbrüchen bei 172 Ungeborenen mit Downsyndrom.

Die Ärzteschaft stellte sich damals hinter die Humangenetik - der gesundheitspolitische Durchbruch. In den 80ern verschwanden die Kosten-Nutzen-Berechnungen. Die Finanzierung war geklärt. Inwieweit dabei das Argument der Ersparnis von Behinderten politische Wirkung entfaltet hat, ist bis heute nicht aufgearbeitet.