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Ponte Morandi: Ein Jahr nach dem Brückeneinsturz in Genua | BR24

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43 Menschen starben, als am 14. August 2018 die vierspurige Autobahn-Brücke Ponte Morandi in Genua teilweise einstürzte. Ein Schock für ganz Italien. Mittlerweile ist Genua zur Normalität zurückgekehrt – doch das gilt nicht für alle Bewohner.

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Ponte Morandi: Ein Jahr nach dem Brückeneinsturz in Genua

43 Menschen starben, als am 14. August 2018 die vierspurige Autobahn-Brücke Ponte Morandi in Genua teilweise einstürzte. Ein Schock für ganz Italien. Mittlerweile ist Genua zur Normalität zurückgekehrt – doch das gilt nicht für alle Bewohner.

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Die Sonne brennt vom Himmel, die Luft steht im Polcevera-Tal. Dort, wo sich in Genua Industriegebiet, Gewerbe, Bahngleise und Wohnblöcke abwechseln. Giuseppe Rodinò sitzt im Schatten vor einem Möbelhaus. Über 40 Jahre hat er hier in diesem Tal gelebt, mit der Stadtautobahn, die über seinen Wohnblock hinwegrauschte – bis am 14. August 2018 die Morandi-Brücke teilweise einstürzte, wenige Meter von seinem Haus entfernt. An diesem Tag hat sich Giuseppe Rodinòs Leben mit einem Schlag verändert: In seine Wohnung zurück kann er nicht mehr, nach einer neuen Heimat sucht er noch.

Er gehe nicht gerne zur Unglücksstelle zurück, aber für uns macht er es doch, sagt er und steigt in sein Auto. Giuseppe Rodinò richtet seine Augen fest auf die Straße, beginnt irgendwann zu erzählen, von dem Tag des Unglücks. Leicht fällt es dem Rentner nicht.

„Ich war mit meiner kleinen Hündin zuhause, sie heißt Krümel. Und ich habe auf meine Frau gewartet. Das Wetter war sehr schlecht, es hat gewittert und genau um 11.36 Uhr war ich in der Küche, nichts hat darauf hingedeutet, was gleich passieren würde. Und auf einmal habe ich ein sehr starkes Donnern gehört und habe gemerkt, dass die Erde bebte und das Glas in den Fenstern wackelte. Dann habe ich vom Fenster her die Schreie gehört: Die Brücke, die Brücke!“ Giuseppe Rodinò, ehemaliger Anwohner der Morandi-Brücke

Die Schuldfrage ist bis heute nicht geklärt

43 Menschen starben bei dem Unglück, andere überlebten den Sturz von der Autobahnbrücke Dutzende Meter in die Tiefe. Tagelang suchten Rettungskräfte mit schwerem Gerät nach Überlebenden in den Trümmern. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Wie die Brücke zusammenbrechen konnte und wer die Schuld an dem Unglück trägt, ist bis heute noch nicht sicher geklärt. Dass Italiens Autobahnen seit Jahren nicht mehr direkt vom Staat betrieben werden, sondern von Privatfirmen – das macht die Frage nach der Verantwortung nicht leichter.

Doch für Giuseppe Rodinò stellte sich erst einmal eine ganz andere Frage: Würde er jemals wieder in seinem Haus wohnen können, unter den Brückenresten, die wie zwei wackelige Zähne über den Wasserlauf ragten? Es war eine Ausnahmesituation für ihn und die anderen: Das Warten, die Unsicherheit. Das schlechte Gewissen, sich entwurzelt, als Opfer zu fühlen. Während doch andere Menschen gestorben waren, Angehörige und Freunde verloren hatten.

Vom alten Haus ist nichts mehr übrig

Zurück in die Gegenwart. Giuseppe Rodinò hat mittlerweile sein Auto in der Nähe der Unglücksstelle abgestellt. Die letzten Meter geht er zu Fuß, bleibt vor einer Absperrung stehen. „Komm her, schau, das sind die Trümmer der Brücke, nach der Sprengung vom 28. Juni. Und mein Haus war genau da rechts. Und man sieht nichts mehr davon, weil sie es zerstört haben", sagt er.

Als klar war, dass die Brücke gesprengt werden muss, sei auch klar gewesen, dass er nie wieder in seinem Haus leben würde, erzählt Giuseppe Rodinò. Er lebt momentan in einer Übergangswohnung, hat eine Entschädigung für sein altes Haus bekommen. Am Tag der Sprengung seien er und seine Frau aus Genua weggefahren, sagt er. Sie wollten nicht dabei sein, nicht zuschauen, wie das Viertel, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatten, zusammenbrach. Giuseppe Rodinòs Lächeln wirkt etwas angestrengt, wenn er jetzt auf die Trümmer zeigt. Aber er winkt ab.

„Es hat mich mehr geschmerzt, es zu sehen, als es noch stand. Als sie die Brücke gesprengt haben, war das ein sehr trauriger Moment, aber es war dann wie ein abgeschlossenes Kapitel, wir haben es auch ein bisschen wie eine Befreiung empfunden.“ Giuseppe Rodinò, ehemaliger Anwohner der Morandi-Brücke

Neubau mit modernster Technik

Die neue Brücke hat der Genueser Stararchitekt Renzo Piano entworfen. Sie soll ein Symbol für einen Neuanfang werden und, so der Architekt, mindestens 1000 Jahre halten. Statt einer filigranen Schrägseilbrücke ist eine einfache Stahlkonstruktion geplant. Unter der simplen Oberfläche wartet aber hochmoderne Technik: Mit Solarpanels wird die Brücke Energie erzeugen. Roboter sollen bei der Wartung helfen. Giuseppe Rodinò schaut noch ein letztes Mal auf den Bauzaun, auf die Stelle, an der früher sein Haus stand. Dann dreht er sich um und geht.

„Es gibt viele Gründe, warum ich nicht mehr hierher zurückkehre. Vielleicht, ganz vielleicht komme ich wieder, wenn die neue Brücke steht. Um sie mir anzuschauen.“ Giuseppe Rodinò, ehemaliger Anwohner der Morandi-Brücke