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Kritik und Angriffe: Junge Polizisten in aufgeheizten Zeiten | BR24

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Rassismusvorwürfe, Stuttgart und die kontroverse taz-Kolumne: Was in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen sorgte, bewegt auch junge Polizistinnen und Polizisten. Ein Besuch bei der Ausbildung der bayerischen Bereitschaftspolizei in Eichstätt.

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Kritik und Angriffe: Junge Polizisten in aufgeheizten Zeiten

Rassismusvorwürfe, Stuttgart und die kontroverse taz-Kolumne: Was in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen sorgte, bewegt auch junge Polizistinnen und Polizisten. Ein Besuch bei der Ausbildung der bayerischen Bereitschaftspolizei in Eichstätt.

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Polizistin - für Aline Koch ist es der absolute Traumberuf, schon im Kindergarten wollte sie zur Polizei. In Eichstätt, einer der sieben Polizeischulen in Bayern, absolviert sie nun ihre Ausbildung. Derzeit macht sich die Polizeischülerin aber auch viele Gedanken, seien es die Ausschreitungen in Stuttgart oder der Vorwurf der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken, bei der deutschen Polizei gebe es latenten Rassismus. "Man denkt schon über die eigene Haltung nach, es ist wichtig zu reflektieren“, sagt Aline Koch. "Aber auch Wertschätzung und Anerkennung sind wichtig und ich finde, dass von Politikseite noch mehr in den Fokus gerückt werden könnte, welche wichtige Aufgabe wir leisten."

Charakterliche Eignung ist Grundvoraussetzung

Um genau dieser Aufgabe gewachsen zu sein, bedarf es einer fundierten Ausbildung. Die dauert in Deutschland zweieinhalb Jahre. In den USA werden die meisten Cops gerade mal ein halbes Jahr auf ihren Job vorbereitet. Vergleiche mag Gerd Enkling nicht ziehen. Der leitende Polizeidirektor ist vor allem für die Ausbildungsinhalte bei der Bereitschaftspolizei zuständig. Ein Drittel des Unterrichts ist inzwischen Themen wie Kommunikation, Charakterbildung, Deeskalation oder interkulturelle Kompetenz gewidmet.

"Wer als Polizist jahrelang mit Problemgruppen und Konfliktsituationen zu tun hat, darf den Blick für die Normalität unserer Gesellschaft nicht verlieren", sagt Enkling. Und das müsse man den Polizeischülern vermitteln. Wer da als junger Polizist nicht mitziehen könne, so der Chefausbilder der bayerischen Polizei, werde vermutlich schon in der Ausbildung die Segel streichen. "Einigen von ihnen müssen wir das notfalls auch deutlich sagen, dass sie nicht zu uns passen."

Die charakterliche Eignung sei eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Polizeiausbildung. Es gibt Beurteilungen durch die Ausbilder und Fachlehrer, Gespräche mit Vorgesetzten, Psychologen oder Polizeiseelsorgern. Was bleibt, ist die Grundregel: Rassisten gehören nicht in die Polizei.

Rassismusvorwürfe stoßen auf Unverständnis

700 junge Frauen und Männer werden derzeit in Eichstätt auf ihren Beruf vorbereitet – von insgesamt 4.000 Polizeischülerinnen und -schülern in Bayern. Viele von ihnen haben selbst einen Migrationshintergrund. Und gerade bei ihnen sorgt der Vorwurf, die deutsche Polizei sei "latent rassistisch" für heftige Debatten. Polizeischüler Marco de Salve, gebürtiger Italiener, kann die Kritik nicht nachvollziehen, im Gegenteil. "Ich habe das Gefühl, dass ich aufgrund meines Migrationshintergrunds vielleicht sogar einen kleinen Vorteil habe. Ich kenne die Mentalität der ausländischen Mitbürger."

Auch Ausbildungsleiter Gerd Enkling wehrt sich vehement gegen strukturelle Rassismusvorwürfe bei der Polizei. "Wir bemühen uns hier nicht erst seit George Floyd um den Umgang mit Minderheiten und anderen Kulturkreisen und darum, alle gleich zu behandeln", sagt Enkling. Wenn jemand mit entsprechenden Tendenzen auffalle, dann werde er aus dem Polizeidienst entfernt. "Solche Leute wollen wir nicht bei der Polizei." Umso mehr stoße der Vorwurf des latenten Rassismus auf Unverständnis bei den Polizeischülern, berichtet der Ausbildungsleiter.

Gesellschaftliche Entwicklungen wecken Zweifel

Dass in Einzelfällen in Bayern hart durchgegriffen wird, ist den Polizeitrainern in Eichstätt wichtig, aber auch, dass die Polizeiausbildung nicht aus finanziellen Gründen gekürzt wurde. Und so bleibt auch in den Ausbildungsseminaren Zeit um auf die erschreckenden Szenen aus der Stuttgarter Innenstadt einzugehen.

"Man macht sich schon Gedanken", erzählt Polizeischüler Marco de Salve, an dem die Bilder nicht spurlos vorbeigehen. "Gedanken darüber, ob man das wirklich möchte, ob das das Richtige für einen ist, ob man in der Situation richtig handeln würde, wenn man an deren Stelle wäre."

Öffentlich wird zwar nicht diskutiert, ob in dieser Nacht die Kontrolle eines mutmaßlichen Drogenhändlers in einer ohnehin aufgeheizten Menge taktisch klug war. "Wie vermeide ich durch mein eigenes Auftreten unnötige Konfliktsituationen?" steht jedoch im Lehrplan – schon immer. Aber auch, dass die Polizei ihrem Grundauftrag, für Sicherheit zu sorgen, am Ende nachkommen muss, notfalls auch mit Zwang.

Schüler lernen Transparenz bei polizeilichen Maßnahmen

Gegenüber Störern und Straftätern müssten die Polizisten ihr Einschreiten erklären und begründen, sagen die Ausbilder in Eichstätt. Wer als Polizist in solchen Situationen nicht transparent agiere und selbst schon auf einer hohen Eskalationsstufe starte, dürfe sich nicht wundern, wenn am Ende unnötig Gewalt angewendet werden müsste.

Seinen Schülern schärft Ausbildungsleiter Gerd Enkling deshalb ein: "Wir kommunizieren auf Augenhöhe mit dem Bürger. Wir wollen ihm erklären, warum wir was tun, dass wir Gesetze durchsetzen und für Rechtsfrieden im Land sorgen. Der Bürger hat einen Anspruch auf diese Argumentation."

Dass der Respekt gegenüber der Polizei immer mehr abnehme, bedauert Gerd Enkling. "Polizisten als Müll zu bezeichnen, trägt nicht unbedingt dazu bei, den Respekt der Polizei zu fördern." Natürlich kämen bei den Polizistenschülern da Fragen auf und es entstünden Ängste. Und natürlich müsse er den Schülern auch klarmachen, dass das - genauso wie die Szenen in Stuttgart - nicht die alltägliche Praxis sei. "Es sind Extremsituationen, die leider zunehmen", fürchtet Enkling aber. Die meisten Polizeieinsätze liefen jedoch immer noch konfliktfrei ab.

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