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Polizei: Massenauswertung biometrischer Daten noch mangelhaft | BR24

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Seit über 100 Jahren gleicht die Polizei Fingerabdrücke ab, später die DNA und jetzt noch Gesichter und sogar Gangmuster. Die Einzelauswertung funktioniert in vielen Kriminalfällen. Aber bei der Massenauswertung gibt es noch massiven Nachholbedarf.

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Polizei: Massenauswertung biometrischer Daten noch mangelhaft

Seit über 100 Jahren gleicht die Polizei Fingerabdrücke ab, später die DNA und jetzt noch Gesichter und sogar Gangmuster. Die Einzelauswertung funktioniert in vielen Kriminalfällen. Aber bei der Massenauswertung gibt es noch massiven Nachholbedarf.

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Fingerabdruck, Gesichtserkennung – das sind biometrische Identifizierungen in der Polizeiarbeit. In Berlin am Südkreuz kam die biometrische Gesichtserkennung in einem Pilotprojekt zum Einsatz. Die Menge wird gescannt, im Hintergrund arbeitet ein Computer und greift auf eine Fahndungskartei zu. Immer mit der Frage: Ist unter den Personen eine gesuchte Person?

Massenauswertung: Kritik von der Polizei

Das Bundesinnenministerium in Berlin lobt das Test-Ergebnis. "Systeme haben sich bewährt. Gesichtserkennung erfolgreich", so das Ministerium in einer Mitteilung. Doch es gibt Kritik - ausgerechnet von der Polizei selbst. Die Polizeigewerkschaft hat die Versuchsdaten analysiert und festgestellt: Die Software ist nicht ausgereift, so Peter Schall von der Gewerkschaft der Polizei:

"Falsche Alarme und dass die Person nicht erkannt wurde. Aktuell ist das System noch nicht serienreif. Das haut noch nicht hin. So wie man das jetzt in Berlin festgestellt hat, so wie das jetzt aktuell ist, funktioniert das noch nicht." Peter Schall, Gewerkschaft der Polizei

Kritik kommt nicht nur von der Polizeigewerkschaft, auch Constanze Kurz von Netzpolitik.org kritisiert den Testaufbau am Berliner Südkreuz: "Die Ergebnisse sind nicht ernst zu nehmen, weil man hier biometrische Gesichtsbilder als Ausgangsdatenmaterial genommen hat, was in der Realität so gar nicht vorkommt. Man hat sehr gute hochauflösende Bilder von diesen freiwilligen Probanden gemacht, auch noch gut ausgeleuchtet. Und solche Bilder hat man in der Regel nicht von den Personen, nach denen man fahndet."

Verwechslung bei der Gesichtserkennung

Sie nennt Negativ-Beispiele biometrischer Massenauswertung, die in anderen Ländern bereits angewendet wird: So hat in China ein Kamerasystem eine Geschäftsfrau fälschlicherweise als Fußgängerin identifiziert, die bei Rot über die Straße geht. Doch nur ein Bus mit ihrem Foto als Werbung war an der Kamera vorbeigefahren.

In England hat ein Gesichtserkennungssystem 2.000 unbescholtene Bürger während des Champions League Finales 2017 mit Kriminellen verwechselt. Im Fachjargon heißen solche Ergebnisse: "Falsch Positiv".

Unterscheiden zwischen Massen- und Einzelauswertung

Dass die biometrische Identifizierung aber im Einzelfall funktioniert, darauf legt man beim Bayerischen Landeskriminalamt wert. Kritiker unterscheiden oft nicht zwischen Massen- und Einzelauswertung. Doch diese Unterscheidung ist wichtig. Bernhard Egger, der Leiter der Abteilung Cybercrime beim Bayerisches Landeskriminalamt gibt ein Beispiel und zeigt ein Bild: "Dieses Foto ist ein Profilbild aus WhatsApp. Es handelt sich hier um einen Rauschgiftdealer, der Kontakt mit dem Kunden aufgenommen hat über WhatsApp. Alle persönlichen Informationen waren natürlich falsch. Außer dem Bild, denn sonst wären sie nicht in Kontakt gekommen. Das war das Einzige, was wir hatten."

Es handele sich aber um ein sehr neues Bild in der Datenbank, so Egger: "Deshalb war der Treffer gleich auf Nummer Eins und der Täter konnte gleich identifiziert werden, was sonst wahrscheinlich sehr, sehr schwierig gewesen wäre."

Trefferquote bei Einzelauswertung sehr hoch

Und in einem Fall von Kinderpornographie war der Fingerabdruck die heiße Spur. Ein vergrößerter Abdruck aus einem Kinder-Porno-Video im Internet führte zum Täter. Bernhard Egger, der Leiter der Abteilung Cybercrime beim Bayerisches Landeskriminalamt, erklärt: "Und hier sehen Sie den Teil des Fingers, den wir eben dann benutzt haben, um mit den dort vorhandenen Individualmerkmalen in der Datei zu suchen und den Täter dann zu identifizieren."

Kritik an der Massenauswertung der biometrischen Merkmale ist durchaus angebracht. Die IT-Systeme sind dafür noch nicht gut genug. Doch bei der Einzelauswertung ist die Trefferquote sehr hoch. Mittlerweile ist sie bei der Kriminalitätsbekämpfung nicht mehr wegzudenken.