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Die meisten pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt. Sie trifft die Corona-Krise besonders hart: Viele Angebote zur Unterstützung sind weggebrochen, dabei sind Hilfeleistungen bei der Belastung dringend nötig.

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Pflegende Angehörige trifft Corona besonders hart

Die meisten pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt. Sie trifft die Corona-Krise besonders hart: Viele Angebote zur Unterstützung sind weggebrochen, dabei sind Hilfeleistungen bei der Belastung dringend nötig.

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"Es ist Stress pur", sagt Yvonne Huschka. Schon seit dem Morgen sitzt sie mit den zwei Jungs über den Schulaufgaben. Daneben pflegt sie ihre 19-jährige Tochter Lisa, die seit Geburt schwerstbehindert ist. Durch die Corona-Krise ist der Alltag in der Familie schwierig geworden.

Viele Hilfen sind durch die Pandemie weggebrochen: Die Einrichtung, in der die Tochter tagsüber betreut wird, ist geschlossen. Der Pflegedienst kommt nicht mehr, um sich um den entwicklungsverzögerten jüngsten Sohn zu kümmern. Mundschutz und Desinfektionsmittel fehlen.

Eigentlich hätte Huschka ihre Tochter im April für kurze Zeit auch nachts in der Einrichtung unterbringen können. Daraus wird jetzt nichts. Den Platz hat sie schon vor einem Jahr organisiert – eine kleine Auszeit, um mit dem Rest der Familie Kraft zu tanken. "Das wäre für uns toll gewesen. Lisa wird dort Tag und Nacht betreut und wir können mit den Jungs was unternehmen, die immer zurückstecken müssen."

Seit Corona hat sich die Belastung verschärft

Pflege ist anstrengend – das war schon vor der Corona-Krise so. Wenig Schlaf, viel Bürokratie, ständig im Einsatz und viel Verantwortung. Doch gerade verschärft sich die Belastung. Tagespflegen haben geschlossen, Besuchsdienste sind oft nicht mehr möglich. Gerade demenzkranke Menschen nun den Tag selbst zu betreuen ist für viele Angehörige eine Herausforderung. Manche Pflegedienste sind überlastet und sagen Einsätze ab, um sich auf ihre schwerkranken Patienten zu konzentrieren.

Viele Familien verzichten auch freiwillig auf Unterstützung – aus Angst vor einer Infektion oder um die Helfenden nicht zu gefährden. Verwandte, Nachbarn oder Ehrenamtliche fallen so oft aus. Und damit auch Zeiten, in denen Angehörige durchatmen können und Zeit für sich haben.

Wenig Hilfe für die Pflege zu Hause

Aus dem bayerischen Gesundheitsministerium heißt es, Betroffene könnten sich an die Pflegekasse wenden und an die rund 110 Fachstellen für pflegende Angehörige. Durch ein neues Gesetz hätten die Pflegekassen in Deutschland „zusätzliche Gestaltungsspielräume“ bei Versorgungslücken zuhause. Zum Beispiel könnten vorübergehend Einrichtungen Kurzzeitpflege anbieten, die die Voraussetzungen normalerweise nicht erfüllen. Ein finanzieller Ausgleich für Corona-bedingte Mehrausgaben für Angehörige sei in Bayern nicht geplant. Es gäbe auch keine Pläne, sich wie bei Pflegepersonal an der Verpflegung zu beteiligen.

Spezielle Unterstützung von den Pflegekassen gibt es wenig. Einzelne Kassen stellen ausnahmsweise Gelder zur freien Verfügung, die eigentlich zweckgebunden sind. Die großen gesetzlichen Kassen BARMER, AOK Bayern, TK und DAK verweisen auf Anfrage auf Hilfen, die es ohnehin schon gibt: Beratung durch Experten, Online-Pflegekurse und Budgets, auf die es auch im Normalfall einen Anspruch gibt. Von der TK heißt es, die Auszahlung von Leistungen habe in der Krisenzeit Priorität.

Gesetzgeber in der Pflicht

Um akute Pflege-Situationen zu bewältigen, in denen sich plötzlich und unerwartet etwas ändert, können Angehörige bis zu zehn Tage von der Arbeit freinehmen. Aber nicht bei allen Kassen gilt das Wegfallen der Tagespflege oder der osteuropäischen Betreuungskraft als "Akutereignis" – und wer die zehn Tage schon beim Schlaganfall der Mutter vor einem Jahr verbraucht hat, hat Pech gehabt. Verschiedene Kassen signalisieren immerhin prinzipiell Bereitschaft, Zeiträume auszuweiten, damit Leistungen nicht verfallen. Die Möglichkeit dafür müsse aber der Gesetzgeber schaffen.

Die größte Säule der Pflege in Deutschland

Viele Angehörige fühlen sich vergessen – und erinnern daran, dass der Großteil der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt wird. Man würde in der öffentlichen Diskussion übersehen, kritisiert der Verein "Pflegende Angehörige" in einer Petition. Heime, ambulante Pflegedienste, osteuropäische Betreuungskräfte - über sie werde viel mehr geredet.

Yvonne Huschka findet es gut, dass Pflegekräfte mehr Anerkennung bekommen – aber sie wünscht sich mehr Unterstützung.

"Wenn wir unsere Kinder nicht pflegen würden, müssten sie ja in ein Heim – gerade jetzt, wo kein Platz ist, wo unterbesetzt ist, in der Situation sollte man froh sein, wenn Eltern zu Hause pflegen." Yvonne Huschka, pflegende Angehörige

Christian Pälmke ist Experte für Pflegepolitik von der Interessenvertretung "Wir pflegen". Er findet: Pflegende Angehörige werden von der Politik vernachlässigt – auch in den bisherigen Maßnahmenpaketen des Bundesgesundheitsministeriums. Dabei sollte es im Interesse aller sein, die häusliche Versorgung aufrechtzuerhalten. "Wenn da Engpässe entstehen, schlägt das auch auf andere Strukturen durch – auf die stationäre Pflege und auf die Krankenhausversorgung."

Forderungen an die Politik: von Kurzarbeit bis Soforthilfe-Teams

Wie man Angehörige in Corona-Zeiten besser unterstützen könnte, dazu gibt es viele Forderungen. Der VdK schlägt Kurzarbeit für berufstätige Angehörige vor, weniger Bürokratie und mehr Geld für Pflegehilfsmittel. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft spricht sich dafür aus, Zuschüsse an Familien zu gewähren oder das Budget an sie auszuzahlen, das normalerweise an die Tagespflege fließt.

Viele drängen auch darauf, ausreichend Schutzbekleidung zur Verfügung zu stellen. Für den Verein "Wir pflegen" ist das eine der zentralsten Forderungen. "Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Einweghandschuhe sind wichtig, um das Infektionsrisiko zu minimieren", sagt Pälmke. Schnelltests sollen Angehörigen mit Symptomen schnell Klarheit bringen und Soforthilfe-Teams einspringen, wenn es brenzlig wird – etwa, wenn die Pflegeperson in Quarantäne muss.

Das bayerische Gesundheitsministerium plant derzeit nicht, Angehörige verstärkt mit Mundschutz und Desinfektionsmittel auszustatten. Diese würden vorrangig etwa an Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen verteilt – wegen der Knappheit müsse „nach der medizinischen Notwendigkeit“ priorisiert werden. Priorisierte Testungen für Angehörige seien denkbar, eine Notfallbetreuung für ihre Kinder schließt das Ministerium zumindest nicht aus. Es komme aber auf den Einzelfall an.

Was, wenn ich ausfalle?

Was passiert, wenn Pflegepersonen selbst an Covid-19 erkranken und ihre Angehörigen nicht mehr versorgen können? Viele halten diese Frage für ungeklärt, etwa die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte einen Notfallplan – unter anderem für die Pflege zu Hause.

Von den Kassen heißt es, solche Fälle müssten individuell geklärt werden. Ansprechen solle man etwa Pflegekassen, Beratungsstellen oder den Hausarzt – aushelfen könnten zum Beispiel der Pflegedienst, Nachbarn, Bekannte oder Familienmitglieder. Doch wie soll das gehen? Nicht jeder Angehörige hat Zeit oder wohnt in der Nähe, ältere Nachbarn gehören zur Risikogruppe, Pflegedienste sind überlastet, Kurzzeitplätze ohnehin rar – gerade jetzt dürfte eine kurzzeitige Aufnahme schwierig werden.

"Ein Pflegeheim wird nicht ohne einen negativen Test auf Covid-19 aufnehmen", sagt Pflegeberaterin Maria Faber. "Der Pflegebedürftige wird vermutlich mit in die Klinik müssen, was vermutlich auch keine günstige Situation ist."

Peter Bauer, der Patienten- und Pflegebeauftragte der Staatsregierung, hatte kürzlich gefordert: Kommunen und Landkreise sollen schnellstens eigene Notfallpläne dafür entwickeln, wenn Angehörige erkranken. Bislang gäbe es diese noch nicht, sagte er dem BR – das Gesundheitsministerium leiste sehr gute Arbeit, könne aber eben nicht alles gleichzeitig machen.

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Weil Tagespflegen geschlossen haben, müssen viele demenzkranke Menschen jetzt zuhause betreut werden. Das verlangt Angehörigen viel ab, sagt Pflegeberaterin Maria Faber von der AWO München.

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