BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© dpa-Bildfunk/Marijan Murat
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marijan Murat

Pflegekrise – die Herausforderungen der neuen Regierung

10

    Pflegekrise – die Herausforderungen der neuen Regierung

    In der Corona-Krise merken wir, auf welch wackligen Beinen unser Pflegesystem eigentlich steht. Welchen Herausforderungen muss sich eine neue Bundesregierung stellen, was muss in der Pflege geändert werden?

    Von
    Jean-Marie MagroJean-Marie Magro
    10

    Anfang Juni ist die Corona-Lage in Deutschland relativ entspannt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kann sich in einer Pressekonferenz etwas grundsätzlicher mit einem Thema befassen, das schon vor Corona drängend war – und durch die Pandemie allgegenwärtig wurde: die Pflegekrise. Seit Jahren gebe es da dieselben Probleme, sagt Spahn, als er seine Pflegereform vorstellt: "Zu wenig Personal, zu oft zu wenig gute Bezahlung, zu viel Arbeit für zu wenig Lohn."

    Corona hat Situation verschärft

    An der Situation der Pflegekräfte hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel verbessert, egal ob in der Kranken- oder Altenpflege. Egal, ob beim ambulanten oder stationären Pflegedienst. Und Corona hat die Situation nochmal wesentlich verschärft, sagt der Intensivmediziner Uwe Janssens der ARD: "Die Menschen, die Mitarbeitenden sind müde und abgekämpft und wir haben in den letzten Wochen und Monaten tatsächlich Pflegepersonal verloren. Dadurch verlieren wir auch betreibbare Intensivbetten und das setzt das gesamte System noch weiter unter Druck."

    Viele Pflegekräfte reduzieren auf Teilzeit

    Wie schwierig die Bedingungen in der Pflege sind, damit beschäftigt sich Andreas Westerfellhaus an jedem Tag. In den Siebzigern machte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger, wurde Intensivpfleger und engagierte sich Jahrzehnte lang im deutschen Pflegerat. Seit 2018 ist er der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung und sagt: Dass viele nicht mehr können, merke man daran, dass momentan viele Pflegekräfte auf Teilzeit reduzieren, die Intensivpflege verlassen oder gleich ganz den Beruf aufgeben.

    Bessere Bezahlung wäre eine Form der Wertschätzung, findet Westerfellhaus: "Wir haben ungefähr 150.000 ausgebildete Pflegefachkräfte in Deutschland, die zurzeit nicht im Beruf arbeiten, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Und die große Frage ist wie kann man die in den Beruf zurückholen, damit dieser Personalengpass weg geht. Und wenn es einen Anreiz gibt, einen monetären, der richtig kräftig ist, dann fängt der eine oder andere natürlich an nachzudenken darüber, ob das ein Punkt ist, der ihm hilft."

    Arbeitsbedingungen schrecken ab

    Aber den Leuten nur einen Bonus zu überweisen, wird nicht reichen, sagt der Pflegebevollmächtigte. Die Bezahlung müsse besser werden, aber auch andere Arbeitsbedingungen schrecken ab. Westerfellhaus hatte dazu einen Vorschlag gemacht: Pflegekräfte sollten die Möglichkeit bekommen, 20 Prozent ihrer Arbeitszeit selbstverantwortlich zu gestalten. Sie könnten sich in dieser Zeit zum Beispiel fortbilden oder Sport machen. Die Grünen haben sich im Wahlkampf auf diesen Vorschlag bezogen und eine 35-Stunden-Woche für Pflegekräfte gefordert.

    Vieles hänge aber auch mit der Führung von Einrichtungen zusammen, betont Westerfellhaus. Pflegende sagten ihm: "Wir wollen wertschätzende Führung. Wir wollen sichere Dienste. Wir wollen wissen, wann wir arbeiten, nicht permanent aus der Freizeit geholt werden. Wir wollen einen Urlaub haben, der auch Urlaub ist, nicht acht Tage, sondern auch drei Wochen. Und wir brauchen familienfreundliche Arbeitszeiten. Wir brauchen eine Möglichkeit, auch morgens, wenn wir zum Schichtdienst gehen um sechs, unsere Kinder unterzubringen."

    Pflegewesen in Digitalisierung abgehängt

    Vieles sei politisch schon auf den Weg gebracht worden, sagt Westerfellhaus. Jede zusätzliche Stelle im Krankenhaus wird durch die Krankenkassen refinanziert. Wenn Tariflöhne erhöht werden, ist das genauso. Aber natürlich gehe noch mehr, sagt der Pflegebevollmächtigte. Das deutsche Pflegewesen ist in der Digitalisierung abgehängt. Pflegende beschäftigen sich deswegen immer noch viel zu sehr mit Bürokratie und nicht mit dem, wofür sie eigentlich ausgebildet wurden. Auch die Regeln für Fachkräfte aus dem Ausland müssten einfacher werden: "Ohne Corona wären wir jetzt sehr, sehr viel weiter", sagt Westerfellhaus. Aber wegen der Pandemie sei der Druck auf die politischen Akteure jetzt auch so wahnsinnig groß. "Und deswegen, sage ich Ihnen, bin ich auch Optimist, dass wir hier Veränderungen erreichen. Aber wenn wir die Versorgung wollen, dann muss jedem klar sein, bedeutet das auch einen erheblichen Paradigmenwechsel."

    Diesen Paradigmenwechsel will Westerfellhaus mitgestalten. Er hofft darauf, dass die neue Bundesregierung ihn wieder als Pflegebevollmächtigten vorschlägt.

    "Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

    Sendung

    Dossier Politik

    Schlagwörter